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Schwieriges Gedenken
Das lange Warten auf ein Mahnmal

Im Teil des Homburger Marktplatzes Richtung Karlsbergstraße und am Aufgang zur ehemaligen Synagoge (Klosterstraße) sollte das Mahnmal für die Opfer stehen. Die Stadt hat aber Probleme mit dem Standort, da hier im Winter der Weihnachtsbaum für den Nikolausmarkt aufgestellt werden soll. Nun wird nach einer neuen Stelle gesucht.
Im Teil des Homburger Marktplatzes Richtung Karlsbergstraße und am Aufgang zur ehemaligen Synagoge (Klosterstraße) sollte das Mahnmal für die Opfer stehen. Die Stadt hat aber Probleme mit dem Standort, da hier im Winter der Weihnachtsbaum für den Nikolausmarkt aufgestellt werden soll. Nun wird nach einer neuen Stelle gesucht. FOTO: Ulrike Stumm
Homburg. Izhak Hirsch möchte mit einem Mahnmal auch an seine Großeltern erinnern, die in Homburg lebten, bis sie in Auschwitz ermordet wurden. Die Stadt verspricht einen Gedenkstein. Die Umsetzung dauert bereits drei Jahre. Von Ulrike Stumm

Mathilde und August Hirsch wohnten in der Judengasse. Mitten in Homburg. Ihre Leben endeten in Auschwitz. Der Viehhändler und seine Frau wurden in das Konzentrationslager deportiert und dort von den Nazis ermordet. August Hirschs Sohn Adolf und dessen Frau Jenny wurden auf dem jüdischen Friedhof in Homburg begraben. Auch sie wohnten in dieser Straße in der Innenstadt. Daran erinnern sich die wenigsten Menschen, die durch Homburg gehen. Im Alltag laufen die meisten heute einfach so am Haus der Hirschs vorbei. Nichts weist darauf hin, wer hier einst lebte, welches grausame Schicksal sich abspielte. Das gilt auch für viele andere, die hier einmal ganz normal wohnten, bis sie ermordet wurden oder zur Flucht gezwungen waren.

Izhak Hirsch möchte das ändern. Der 70-Jährige will, dass sich die Menschen an seine Großeltern und ihr Schicksal erinnern. Und an das all der anderen. Und zwar dort, wo es sich abspielte: in der Karlsberg­straße – so heißt die Straße heute, die sie einst Judengasse nannten. Seit drei Jahren setzt er sich mittlerweile dafür ein. Doch er werde immer wieder vertröstet, sagt Hirsch. Getan hat sich bisher noch nichts Sichtbares. Dabei ließ sich das am Anfang ganz hoffnungsvoll an. Ausgangspunkt war eine Ausstellung.

Hirsch, heute pensionierter Koch, wurde in Israel geboren. Sein Vater, ebenfalls ein Homburger, der bereits 1936 emigrierte, starb drei Wochen nach der Geburt seines Sohnes im israelischen Befreiungskrieg. Izhak Hirsch lebt seit langem in der Schweiz. Doch Homburg blieb er sein Leben lang verbunden. Das lag auch daran, dass sein Onkel und seine Tante nach Jahren des Versteckens in Frankreich, in der französischen Untergrundbewegung, hierher zurückkehrten, als die Nazi-Herrschaft beendet wurde. „Er konnte sich einfach nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben“, sagt Izhak Hirsch. Er selbst verbrachte als junger Mann einige Monate in Homburg, besuchte später immer wieder seine Verwandten. „Tante Jenny war 2006 die letzte die auf dem jüdischen Friedhof hier bestattet wurde.“ 103 Jahre wurde sie alt.



Durch Frau Heil, die seine Tante 40 Jahre lang betreute, erfuhr er schließlich im Februar 2014 von einer Ausstellung über die Juden in Homburg. Kurzerhand setzte er sich ins Auto. Vor Ort im Homburger Rathaus wurde ein Mitarbeiter des Stadtarchivs auf Hirsch und seine Frau aufmerksam, anschließend habe er Homburgs Kulturamtsleiter Klaus Kell getroffen. „Es war ein großes Interesse spürbar an der Vergangenheit meiner Großeltern“, sagt Hirsch. Er habe dann diverse Gebetbücher, Fotos und die Viehhändlerschere von Adolf Hirsch zur Verfügung gestellt, „denn es war die Sprache von eventuell einem Gedenkraum“.

Für seine Großeltern wollte er in der Karlsbergstraße Stolpersteine setzen lassen, „natürlich auf meine Kosten“. Die Steine gibt es bereits in vielen Städten, sie sind in den Boden vor den Häusern eingelassen, in denen einst jüdische Familien wohnten. Es sei, sagt Hirsch, „durch ein Schreiben im Frühling“ klar geworden, „dass dies von der Stadtverwaltung nicht gewünscht wird“, später habe sich OB Rüdiger Schneidewind auch in einem direkten Gespräch so geäußert. Die Alternative: ein Gedenkstein mit den Namen der deportierten Juden. Davon habe er sich überzeugen lassen. Das Mahnmal sollte in der Nähe des Marktplatzes stehen, am Aufgang zur Synagoge. Und damit auch nicht weit von der Karlsbergstraße. Hirsch sagte zu, auch hierzu einen finanziellen Beitrag leisten zu wollen.

Im Juni vergangenen Jahres habe er eine Mitteilung erhalten, dass der Künstler Klaus Glutting einen solchen Stein entwerfen werde. Als der Entwurf fertig war, stockte das Verfahren. Izhak Hirschs letzte Information stammt vom November 2017, als ihm telefonisch von der Stadtverwaltung mitgeteilt wurde, dass wegen Bauarbeiten in der Innenstadt am Marktplatz das Monument zurzeit nicht realisiert werden könne. Hirsch fürchtet nun, „dass damit das Denkmal auf die lange Bank geschoben werden“ soll. Er sei über das Vorgehen „sehr enttäuscht. Ich bin heute 70 Jahre alt. Es ist schon sehr mein Wunsch, das noch zu erleben.“ Er sei gar nicht interessiert an einer besonders kunstvollen und aufwendigen Gestaltung eines Denkmals. „Mir ist wichtig, dass die Namen all jener, die keine Grabstätte finden konnten, aufgeschrieben werden – im Sinne der ewigen jüdischen Grabesruhe – in ihrer Heimatstadt. Sie haben zu Lebzeiten auch zum Wohlstand der Stadt beigetragen und waren zudem stolze Bürger von Homburg.“ Er könne sich auch ein einem Grabstein ähnliches schlichtes Monument vorstellen, auf dem die Namen der Deportierten aufgeführt sind, aufgestellt auf dem jüdischen Friedhof in Homburg.

Die Stadt bestätigte auf Anfrage, dass man sich darauf verständigt habe, ein Mahnmal beziehungsweise einen Gedenkstein zu errichten, der auf die Opfergruppen und auch auf die stillen Helfer der Opfer hinweisen sollte. Zwischenzeitlich sei „eine Materialsammlung vergleichbarer Umsetzungen zum Aussehen des Mahnmals sowie zur Art eines möglichen Textes“ erstellt worden. Federführend in dieser Angelegenheit sei für die Stadtverwaltung Homburgs Kulturamtsleiter Klaus Kell.

Der angedachte Standort an der Ecke Saarbrücker Straße/Klosterstraße in der Altstadt und in der Nähe der Ruine der Synagoge habe aufgegeben werden müssen, „weil dieser Platz für die Neuaufstellung des Weihnachtsbaums während des Nikolausmarkts und der Weihnachtszeit ausgewählt worden war“, teilte die Stadt mit.

Nun favorisiere man einen Stelle am Marktplatz vor dem alten Rathaus neben der Treppenanlage zur Saarbrücker Straße. Alternativ könne auch über einen Standort am Rondell, auf der Verkehrsinsel der Kanalstraße, quasi schräg gegenüber vom Standort des Freiheitsbrunnes gesprochen werden. Entsprechend werde der Künstler Klaus Glutting einen neuen Entwurf liefern, der in den kommenden Wochen diskutiert werden soll. Das zeitliche Ziel soll Mitte des Jahres sein, hieß es von der Stadt weiter. Dies sei allerdings zunächst ein Wunsch, da derzeit noch über den Standort und dann auch den Entwurf des Gedenksteins diskutiert werden müsse. Anschließend müsse das Mahnmal zunächst erstellt, dann installiert werden. Das lange Warten von Izhak Hirsch wird also auf Sicht noch kein Ende haben.

Izhak Hirsch besuchte viele Jahre lang regelmäßig seine Tante Jenny Hirsch in Homburg. Sie starb 2006 im Alter von 103 Jahren. Beigesetzt wurde sie auf dem hiesigen jüdischen Friedhof.
Izhak Hirsch besuchte viele Jahre lang regelmäßig seine Tante Jenny Hirsch in Homburg. Sie starb 2006 im Alter von 103 Jahren. Beigesetzt wurde sie auf dem hiesigen jüdischen Friedhof. FOTO: Gerd Imbsweiler
Stolpersteine gibt es in vielen Städten. Sie sind in den Bürgersteig vor Häusern eingelassen und erinnern an Menschen, die dort gelebt haben und von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.
Stolpersteine gibt es in vielen Städten. Sie sind in den Bürgersteig vor Häusern eingelassen und erinnern an Menschen, die dort gelebt haben und von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. FOTO: Britta Pedersen / dpa
Jenny Hirschs Grabstein in Homburg.
Jenny Hirschs Grabstein in Homburg. FOTO: Imbsweiler