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Behandlung von Terroropfern
Chirurgen bereiten sich auf Terror-Opfer vor

Bei großen Unfällen werden die Opfer am Ort des Geschehens erstversorgt, so dass sich das Krankenhaus auf ihre Ankunft vorbereiten kann. Bei einem Anschlag ist das Krankenhaus sofort voll – eine Herausforderung.
Bei großen Unfällen werden die Opfer am Ort des Geschehens erstversorgt, so dass sich das Krankenhaus auf ihre Ankunft vorbereiten kann. Bei einem Anschlag ist das Krankenhaus sofort voll – eine Herausforderung. FOTO: Angelika Warmuth / dpa
Homburg. Zivile Ärzte haben kaum Erfahrung, wie Explosions- oder Schussverletzungen zu behandeln sind. Nun werden sie geschult – für den Fall der Fälle.

 Gestern wurde am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg bundesweit  erstmals eine Eingreiftruppe geschult, die bei „terrorassoziierten Verletzungen“ schneller reagieren kann. Damit wird von Seiten der Mediziner zugleich offen zugegeben,  „dass die Gefahr terroristischer Anschläge zu einer allgemeinen Bedrohung geworden ist“, so Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum. Und dass man bisher keine effiziente medizinische Strategie dafür habe. Die  derzeitigen Rahmenbedingungen deutscher Krankenhäuser seien auf Vollauslastung ausgelegt und damit nur schwer in der Lage, im Notfall womöglich Hunderte Verletzte innerhalb kürzester Zeit zusätzlich zu versorgen. Und so fand gestern erstmals eine Komplettschulung für Chirurgen statt, ein Pilotprojekt der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) in Zusammenarbeit mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr. Sollte sich das Projekt bewähren, könnte es im Herbst auch in Berlin angewendet werden, so Pohlemann.

Die Schulung besteht aus einem praktischen Teil – dem  chirurgischen Handwerk angesichts von Verletzungen, „die in Deutschland bisher nicht so sehr verbreitet waren“, so Pohlemann,  wie Schuss- und Splitterverletzungen sowie Stichwunden.  Und aus einem theoretischen Teil, der mit dem Wort „Krisen-Management“ umschrieben werden kann, im Grunde aber eine hochkomplexe Angelegenheit ist, bei der es um Leben und Tod geht: Wer kommt  im Notfall zuerst dran? Was ist mit den Patienten, die schon da waren und auf ihren Eingriff warten? Was ist dringend?

„Man kann das nur entscheiden, wenn man das entsprechende Fachwissen mitbringt“, betont Oberstarzt Professor Benedikt Friemert vom Sanitätsdienst der Bundeswehr, der auch Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Einsatz- und Kathastrophenmedizin bei der DGU ist.  Warum die Bundeswehr mit im Boot ist, liegt auf der Hand: „Wir haben es bei Terrorattacken mit  Kriegsverletzungen zu tun, bei denen die Ärzte im zivilen Bereich wenig Erfahrungen haben. Das sind zum Beispiel Explosionsverletzungen oder Schussverletzungen mit militärischen Waffen. Bei dieser Art von Verletzungen ist das Risiko eines akuten Verblutens viel größer. Deshalb sind andere chirurgische Techniken gefragt, die im Kurs gelehrt werden“, so  Friemert.



Und worin liegt das logistische Problem der „terrorassoziierten Verletzungen“?  „Dass das deutsche Rettungssystem anders ausgelegt ist“, so Pohlemann.  Denn Verletzte nach einem Terroranschlag werden immer sofort ins nächste Krankenhaus gebracht, was bei anderen Unglücken nicht der Fall ist.  „Bei einem Zugunglück oder einem großen Unfall werden die Verletzten immer vor Ort versorgt und erst anschließend in die Notfallstationen der umliegenden Krankenhäuser gebracht“, erläutert Tim Pohlemann. Das habe den Vorteil, dass die Krankenhäuser im Umkreis schon vorbereitet seien. Doch bei Verletzten nach einem Bombenanschlag oder nach Messer- oder Schuss-Attacken ist die Situation völlig anders: „Es liegen auf der Stelle so viele lebensbedrohliche Situationen vor, dass schon innerhalb von 15 Minuten das nächstgelegene Krankenhaus voll ist, weil keine geregelte Erstversorgung  vorgenommen werden kann. Vor allem die Gefahr des Verblutens ist sehr groß.“

Wie lernt man nun Krisenmanagement im Terrorfall? Auf den ersten Blick sieht der Seminarraum für den Strategie-Kurs aus, als bereite sich eine 24-köpfige Gruppe auf einen Monopoly-Marathon vor.  Auf  den Tischen im Seminarraum liegen Spielbretter aus Pappe,  bunte Heftklammern,  rote und blaue Glasmurmeln. Die blauen Murmeln sind die Terror-Opfer, die unaufhörlich hereinströmen, die roten Murmeln sind diejenigen Patienten, die schon länger auf eine dringende Herz-OP  warten oder eine Lungenembolie haben, die sofort operiert werden muss. Wie geht man vor?  Wen opfert man? Ein Feld auf dem Spielbrett heißt Kühlraum. „Das ist dann das Ende“, sagt Elmar Schwarz, Chirurg am Saarbrücker Winterberg. Immerhin liegt da bei ihm noch keine Murmel.

Dass dieses außergewöhnliche Pilotprojekt ausgerechnet im Saarland stattfindet, liegt an einer Sonderzuwendung des Sozialministeriums. Das Saarland profitiert aber auch davon, denn von den 54 Teilnehmern kommen 14 aus den Kliniken St. Wendel, Saarlouis, Winterberg und Homburg. Gesundheitsstaatssekretär Stephan Kolling verband mit dem Projekt die Hoffnung, „dass dies hier nie zur Anwendung kommen möge“.

Professor Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum in Homburg
Professor Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum in Homburg FOTO: Raºdiger Koop