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Warnstreik IG Metall
Arbeitnehmer wollen flexibler arbeiten

Im Zuge der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie gab es gestern vor dem Schaefflerwerk an der Berliner Straße in Erbach einen Warnstreik, an dem auch Teile der Belegschaft von Hager Blieskastel teilnahmen.
Im Zuge der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie gab es gestern vor dem Schaefflerwerk an der Berliner Straße in Erbach einen Warnstreik, an dem auch Teile der Belegschaft von Hager Blieskastel teilnahmen. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Rund 350 Werktätige sind gestern dem Streikaufruf der IG Metall Homburg-Saarpfalz gefolgt und demonstrierten für flexiblere Arbeitszeiten. Von Thorsten Wolf

Die Forderungen der Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) für die Tarifrunde 2018 sind klar: Sechs Prozent mehr Lohn und ein Rechtsanspruch auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit - mit der Möglichkeit für Arbeitnehmer, für einen Zeitraum von maximal zwei Jahren die Wochenarbeitszeit im Jahresschnitt auf 28 Stunden zu senken. Um diese Ziele zu erreichen, gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche Warnstreiks, den letzten gestern vor den Toren des Schaeffler-Werkes an der Berliner Straße in Erbach. Neben Teilen der Belegschaft aus den Schaeffler-Standorten in Homburg nahmen auch Mitarbeiter von Hager aus Blieskastel und ein Seminar des Bildungszentrums der Arbeitskammer in Kirkel an dem insgesamt zweistündigen Ausstand teil. Nach Schätzungen von Polizei und Ordnungsamt der Stadt Homburg waren damit rund 350 Menschen dem Streikaufruf der IG Metall Homburg-Saarpfalz gefolgt. Noch bevor es um 11 Uhr offiziell und mit einer Reihe von Rednern aus den Belegschaften von Schaeffler und Hager losging, gaben Ralf Reinstädtler, der erste Bevollmächtigte der IG Metall Homburg-Saarpfalz, und Salvatore Vicari, der Betriebsratsvorsitzende von Schaeffler, Einblicke in die aktuelle Verhandlungslage.

„Am heutigen Mittwoch findet eine Tarifverhandlung in Baden-Württemberg statt. Dort hat es in der letzten Tarifverhandlung eine Entwicklung dahingehend gegeben, dass eine Arbeitsgruppe eingerichtet wurde, um sich mit dem Thema Arbeitszeiten zu befassen. Die Arbeitgeber haben nun für heute in den Tarifverhandlungen angekündigt“, so Reinstädtler. „Insofern ist abzuwarten, wie diese Entwicklung aussieht.“

Dass die Arbeitgeber gerade beim Thema Arbeitszeit nun von ihrer Position abweichen könnten, dies sah Reinstädtler auch in den Warnstreiks der vergangenen Wochen begründet. Salvatore Vicari kritisierte in diesem Zusammenhang, dass sich gegenwärtig eine Flexibilisierung der Arbeitszeit nur nach den Bedürfnisse der Arbeitgeber ausrichte.



„Volle Auftragsbücher bedeuten Flexibilität nach oben, eine Krise bedeutet eine Arbeitszeitanpassung nach unten. Aber wenn der Mitarbeiter sich um das Thema Betreuung, Pflege und Fortbildung kümmern muss und will, dann ist er Bittsteller. Und hier wollen wir einen Anspruch für den Mitarbeiter erkämpfen.“ Dass eine solche Flexibilisierung seitens der Arbeitgeber infrastrukturell machbar sei, dessen zeigte sich Reinstädtler aus der Position der Gewerkschaft heraus sicher, „ich halte das für unproblematisch. Wir haben ja kein starres Arbeitsplatz-Regime. Wir haben Krankenstände, wir haben Urlaubsphasen. Es ist ja nicht so, dass Mitarbeiter heute 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr im Betrieb arbeiten.“

So müssten sich Unternehmen auch schon heute in Sachen Arbeitszeit flexibel zeigen. „Nun kommt lediglich ein kleines Element dazu. Wir wollen einen Rechtsanspruch auf Wochenstunden-Schnitt von 28 Stunden aufs Jahr gerechnet. Dieser Anspruch muss natürlich angekündigt werden. Und natürlich ist er befristet auf zwei Jahre. Das Ganze ist also planbar.“

An dieser Stelle warf Vicari ein, dass Arbeitgeber in Hochglanz-Broschüren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf präsentierten, es gebe Sonntagsreden. „Hier haben wir jetzt aber ein Instrument, um genau das umzusetzen.“ Deswegen sei für ihn, so Vicari, die Haltung der Arbeitgeber völlig unverständlich, „denn sie selbst propagieren ‚Work-Life-Balance‘, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und jetzt wird ein Instrumet, um genau das umzusetzen, tatsächlich torpediert“.

Dass man am Ende die Forderung nach deutlich mehr Lohn und die nach einer Flexibilisierung der Arbeitszeit in einem möglichen Kompromiss mit den Arbeitgebern gegeneinander abwägen müsse, diese Angst hatten gestern weder Vicari noch Reinstädtler. „Es wird nicht so sein, dass uns das eine gegen das andere etwas kostet, davon bin ich überzeugt. Wir werden bei der Entgeltforderung besser abschneiden, weil wir in der Auseinandersetzung mehr Power haben. Und wir werden uns auch bei der Arbeitszeit durchsetzen“, zeigte sich Reinstädtler sicher – erreiche man mit den beiden Forderungen doch viele Beschäftigte und sorge damit für viel Gewicht in der Waagschale der Arbeitnehmer.