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Motor deutsch-polnischer Schüleraustausche
Bollinger schlug Brücke nach Polen

 Der Gersheimer Hans Bollinger macht auch an der Gitarre Dampf für die deutsch-polnische Freundschaft.
Der Gersheimer Hans Bollinger macht auch an der Gitarre Dampf für die deutsch-polnische Freundschaft. FOTO: VEUBE
Gersheim. Gersheimer ist Motor des Austausches mit Woiwodschaft Podkarpackie und der Schülerbegegnungen. Von Nora Ernst

Die Frankreich-Strategie dürfte inzwischen jedem Saarländer ein Begriff sein. Dass es auch rege Verbindungen zwischen dem Saarland und Polen, genauer, der Woiwodschaft Podkarpackie im Südosten des Landes, gibt, ist weniger bekannt. In diesem Jahr steht sogar ein Jubiläum an: zehn Jahre saarländisch-polnische Partnerschaft. Dass in Polen seit 2015 die nationalkonservative PiS-Partei – rechtspopulistisch und europaskeptisch – regiert, dürfte die Verbindung aus politischer Sicht komplizierter gemacht haben. Zivilgesellschaftlich sind über die Jahre jedoch etliche Bande geknüpft worden: zwischen der Universität des Saarlandes und der Universität Rzeszów, ebenso zwischen der Musikhochschule und dem dortigen Musikinstitut. Mehr als 25 Partnerschaften zwischen saarländischen und polnischen Schulen sind zudem entstanden.

„Keimzelle und treibende Kraft“ der deutsch-polnischen Partnerschaft sei Spohns Haus, sagte 2015 die damalige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Ökologischen Schullandheims in Gersheim. Und dahinter wiederum steckt vor allem ein Mann: Hans Bollinger. Sieben Jahre lang leitete der 69-Jährige, der zuvor Leiter der Gesamtschule Gersheim war, das Schullandheim Spohns Haus. Das hat sich nicht nur Umweltbildung und Nachhaltigkeit verschrieben, sondern pflegt eben auch besondere Beziehungen zu Polen. Mehr als 50 Projekte hat Bollinger in seiner Zeit als Leiter auf die Beine gestellt, mehr als 3000 deutsche und polnische Jugendliche zusammengebracht: Schüleraustausche, Sommerkurse, deutsch-polnisch-ungarische Begegnungswochen. Seit 2009 ist in Spohns Haus auch die Zentralstelle des Deutsch-Polnischen Jugendwerks angesiedelt.

Seit 20 Jahren leitet Bollinger zudem den Verein „Begegnungen auf der Grenze“, der sich dem Kulturaustausch mit Frankreich und Polen verschrieben hat. Er engagiert sich in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, schrieb ein Buch – natürlich über sein Lieblingsland: „Unterwegs in Polen“, ging auf Lesereise, tritt als Musiker auf. Ein Pensum, für das andere zwei Leben bräuchten. Manchmal, sagt er, wundere er sich selbst, wie er das alles schaffe. „Vielleicht hat der liebe Gott mir die nötige Energie gegeben“, sagt er mit einem Lächeln. Und natürlich motiviere es ihn, wenn er Lob und Anerkennung erhalte. Eine ganze Reihe an Preisen wurde ihm verliehen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz, und zuletzt, im März 2018, gemeinsam mit dem jetzigen Leiter von Spohns Haus, Jerzy Wegrzynowski, die polnische Ehrenmedaille der Kommission für Nationale Bildung.



„Ich sehe meine Arbeit auch als Friedensarbeit“, sagt Bollinger. Vorurteile will er abbauen. Noch immer hätten viele Deutsche ein falsches Bild von Polen als rückständigem Land. „Dabei sind zum Beispiel viele polnische Schulen technisch besser ausgestattet als deutsche.“ Seit 2015 ist Bollinger im Ruhestand, der Pole Jerzy Wegrzynowski übernahm die Leitung von Spohns Haus, setzte neue Ideen um: ein Chorprojekt, ein trinationales Fußballturnier, ein Projekt mit Flüchtlingen. Aber so ganz lassen kann und will es Bollinger nicht, steht Wegrzynowski zur Seite, ist eher im Unruhestand als im Ruhestand.

Und woher kommt seine Faszination für Polen? Nicht ganz unbeteiligt dürfte eine junge Polin sein, die er 1976 über Freunde kennenlernte. Zwei Wochen war sie zu Besuch im Saarland, „vier Monate später waren wir verheiratet“. Seitdem ist Bollinger immer wieder in das Nachbarland gereist, fünf, sechs Mal pro Jahr. „Die schöne Landschaft, die Menschen, die große Gastfreundschaft faszinieren mich.“

Dass in Polen mit der PiS eine Partei regiert, die der EU ablehnend gegenübersteht, grämt ihn, den Freund der Völkerverständigung. „Unmöglich“ sei die Partei, sagt er, aber: „Es gibt immer mehr Verflechtungen zwischen Deutschland und Polen. Das kann auch die PiS-Partei nicht verhindern.“