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Obdachlose werden Zielscheibe von Gewalt
Gewalt gegen Obdachlose ist „alltägliche Erfahrung“

Obdachlose sitzen in einer Unterführung. In den großen Städten gibt es immer mehr Menschen ohne ein festes zu Hause. Sie werden immer öfter zur Zielscheibe von verbalen und körperlichen Angriffen.
Obdachlose sitzen in einer Unterführung. In den großen Städten gibt es immer mehr Menschen ohne ein festes zu Hause. Sie werden immer öfter zur Zielscheibe von verbalen und körperlichen Angriffen. FOTO: Sina Schuldt / dpa
Koblenz/Mainz. Immer wieder sind auf der Straße lebende Menschen die Zielscheibe von Gewalt. Auch schlafende Obdachlose werden Opfer.

(dpa) Von Beleidigungen bis hin zu Totschlag oder Mord: Immer wieder sind obdachlose Menschen Opfer von Gewalt. „Das ist eine alltägliche Erfahrung, die diese Leute machen müssen“, sagt der Koblenzer Sozialarbeiter Erwin Weber. Gerade am Wochenende gebe es Übergriffe, wenn Betrunkene durch die Fußgängerzone heim liefen und dabei an den Schlafplätzen von Obdachlosen vorbei kämen. „Da gibt es immer wieder Pöbeleien oder dass Sachen weg genommen werden.“ Passanten nähmen beispielsweise Bettelgeld oder Radios mit. In einem Fall seien einem schlafenden Wohnungslosen, dem ein Unterschenkel fehlte, die Krücken gestohlen worden.

In Koblenz wurde am 23. März ein Obdachloser tot entdeckt. Er war enthauptet worden. Sein Fall hat unter der Bevölkerung Anteilnahme ausgelöst. Der Mann wird 4. Mai in der Halle des Stadtteil-Friedhofs von Koblenz-Lützel aufgebahrt, um von ihm Abschied nehmen zu können.

Ähnliches wie Weber kann auch Sabine Hamann aus Mainz berichten. Die Mitarbeiterin der Starthilfe, die Obdachlose unter anderem berät, sagt: Immer wieder würden Menschen auf der Straße von Passanten beschimpft. „Die glauben, der Wohnungslose habe sein Schicksal selbst gewählt und man könne ihn auf ihn herab sehen.“ Vor Jahren sei sogar in Mainz der Schlafsack eines schlafenden Klienten angezündet worden.



Was bewegt jemanden zur Gewalt gegen Obdachlose? „Da geht es oft darum, die Menschen zu demütigen“, sagt die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) in Berlin, Werena Rosenke. Das könne immer bei Tätern beobachtet werden, die selbst nicht obdachlos seien. Diese hätten oftmals selbst keinen hohen sozialen Status und suchten sich dann Personen, die gefühlt noch weiter unter ihnen stünden. Viele Täter agierten außerdem aus einer Gruppe heraus.

Bei einem gewalttätigen Streit unter Wohnungslosen gebe es ein solches Gefälle nicht. In solchen Fällen gehe oft um knappe Ressourcen wie einen sicheren Schlafplatz, Geld oder Tabak, erklärt Rosenke. Dabei seien oftmals Täter und Opfer betrunken, „so dass kleine Anlässe eskalieren“. Außerdem erleichtere in vielen Fällen die Lebenssituation den Ausbruch von Gewalt. „Die stehen ja dauernd unter Stress.“ Betroffene müssten beispielsweise stets befürchten, bestohlen zu werden oder seien in Unterkünften auf engem Raum mit vielen anderen Menschen untergebracht.

Wie oft Obdachlose in Deutschland beleidigt, verprügelt oder Opfer sonstiger Gewalt werden, ist Rosenke zufolge nicht bekannt. „Das ist nirgendwo mit harten Zahlen erfasst.“ Auch den Mitarbeitern der kriminalistischen Zentralstelle mit Sitz in Wiesbaden ist keine wissenschaftliche Statistik oder Studie bekannt. Rosenke kritisiert das Fehlen von Zahlen: „Wir halten das für ein großes Defizit und hat meiner Meinung nach ganz deutlich mit dem geringen sozialen Status zu tun, den die Leute haben.“

Die BAG W wertet nach eigenen Angaben seit 1989 systematisch Presseberichte zu Gewalt gegen Obdachlose aus. Demnach kamen im vergangenen Jahr bundesweit mindestens 18 Obdachlose gewaltsame zu Tode. Oft waren die Täter selbst ohne zu Hause.