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Obdachlosigkeit in Rheinland-Pfalz
Die Not ist ihnen ins Gesicht geschrieben

„Wir fragen nicht, wo jemand herkommt und was jemand macht.“ Die Mitarbeiterinnen in der Teestube der Pfarrer-Landvogt-Hilfe erleben die Schicksale der Bedürftigen täglich aus nächster Nähe.
„Wir fragen nicht, wo jemand herkommt und was jemand macht.“ Die Mitarbeiterinnen in der Teestube der Pfarrer-Landvogt-Hilfe erleben die Schicksale der Bedürftigen täglich aus nächster Nähe. FOTO: dpa / Peter Zschunke
Mainz. Im Winter ist das Leben auf der Straße noch härter als sonst. „Das geht an die Existenz“, sagt ein Caritas-Mitarbeiter in Kaiserslautern.

Nach einer kalten Nacht haben die beiden Helferinnen in der Teestube der Pfarrer-Landvogt-Hilfe in Mainz viel zu tun. Shayenne und Katharina geben den obdachlosen Männern und Frauen Brötchen mit Salami und Käse, schenken Kaffee aus oder holen eine Zahnbürste. Mehrere hundert Menschen im wohlhabenden Rheinland-Pfalz sind wohnungslos. Unbekannt ist, wie viele von ihnen auf der Straße leben, jeden Tag mit der Sorge, ob es reicht mit dem Essen und wie wohl die nächste Nacht wird.

Adrian hat in einem Container der Wohnungslosenhilfe geschlafen, Vladek im Vorraum einer Bankfiliale und Romiko in einem Park. Jetzt sind sie dankbar, dass am Morgen die Teestube aufgemacht hat. „Das Essen ist super hier“, sagt der 43-jährige Romiko. Er kam vor vier Jahren aus Rumänien nach Deutschland, arbeitet zeitweise auf Baustellen. „Aber manchmal finde ich keine Arbeit.“

Am Morgen seien die Besucher eher wortkarg, sagt Shayenne, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Einrichtung leistet. „Andere sind aber auch sehr gesprächig, erzählen ihr halbes Leben.“ Wenn am Abend warmes Essen ausgegeben wird, müssen die Küchenhelfer kreativ mit den eingegangenen Lebensmittelspenden umgehen. „So habe ich hier gelernt, wie man Wirsing kocht“, lacht die 20-Jährige.



In der Teestube werden auch Obdachlose aus Osteuropa unterstützt, die aufgrund der Rechtslage keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. „Wir fragen nicht, wo jemand herkommt und was jemand macht“, sagt Katharina. In der Teestube sei nur Hilfe für den Moment möglich, für andere Fragen gebe es noch die Beratungsstelle mit Sozialarbeitern.

„Ich habe den Eindruck, dass Obdachlosigkeit zunimmt und dass mehr Menschen aus Osteuropa zu uns kommen, insbesondere aus Ungarn“, sagt der Mainzer Arzt Gerhard Trabert, der seit 24 Jahren auf der Straße lebende Menschen medizinisch betreut. In Ungarn ist im Sommer ein Gesetz in Kraft getreten, das nach drei Verwarnungen von Obdachlosen auf der Straße die Verurteilung zu gemeinnütziger Arbeit oder Haftstrafen vorsieht.

Vor allem Frauen seien auf der Straße vielfach von Gewalt bedroht, sagt Trabert. Aber es gebe viel zu wenig Wohnmöglichkeiten für sie. Im vergangenen Winter habe eine Frau nach der Entlassung aus einer Klinik in Wiesbaden nicht in einem Wohncontainer mit Männern bleiben wollen und sei eine Woche später in einem Zelt gestorben. „Unser Krankenzimmer und unsere Krankenwohnung mit zwei bis drei Schlafplätzen sind fast ständig belegt“, sagt der Professor für Sozialmedizin.

Wie in den vergangenen Jahren hat die Evangelische Wohnungslosenhilfe am Fort Hauptstein in Mainz in der vergangenen Woche Container aufgestellt. Dort gibt es 24 Schlafplätze, in jedem Container für vier Personen. „Auf der Straße zu leben, ist einfach härter“, sagt Tanja Scherer von der Wohnungslosenhilfe. „Daher kommt es immer wieder vor, dass Menschen auf der Straße sterben, auch im Sommer.“ Viele Obdachlose scheuen eine feste Unterkunft, die Plätze in den Containern werden eher angenommen.

Wie viele Menschen ohne Obdach sind, kann in Mainz niemand sagen. Engpässe bei der Unterbringung gebe es nicht, sagt eine Stadtsprecherin. Die verfügbaren Unterkünfte bieten insgesamt Platz für 105 Menschen, darunter 53 in einem Männerwohnheim der Caritas.

„Es muss niemand erfrieren“, sagt Carsten Stumpenhorst vom Diakonischen Werk der Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach. Es gebe Anlaufstellen, an denen sich Obdachlose aufwärmen könnten. „Kritisch wird es aber, wenn Menschen im Wald übernachten.“ In Trier gebe es die Probleme mit Obdachlosen aus anderen EU-Staaten weniger. Sorge bereite aber die Altersarmut und die Obdachlosigkeit von Jugendlichen. Viele besser gestellte Menschen wollten die Not nicht an sich heranlassen, sagt Stumpenhorst. „Ich würde mir mehr Achtsamkeit wünschen, da ist schon noch Luft nach oben.“

In der Pfalz kümmert sich die Caritas um die Versorgung von Obdachlosen. Das Förderzentrum St. Martin in Ludwigshafen bietet 35 bis 40 Unterkunftsplätze an, darunter auch für Frauen in angemieteten Wohnungen.

Bis zu 120 Menschen können in Kaiserslautern im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus unterkommen. „Wir sind im Sommer wie im Winter voll belegt“, sagt der Leiter Peter Lehmann. „Das Alter geht nach unten“, hat er beobachtet. So wurden in Kaiserslautern neben einer Frauengruppe auch zwei Gruppen für von Obdachlosigkeit bedrohte Jugendliche eröffnet. Lehmann berichtet von einem Gespräch mit einem 20-Jährigen. „Ihm machte die Kälte so zu schaffen, dass er nicht mehr schlafen konnte.“ Mit Selbstmordgedanken sei er zu St. Christophorus gekommen. „Das geht an die Existenz.“ Der Weg vom Arbeitsplatzverlust über die Kündigung der Wohnung bis zur Obdachlosigkeit sei oft sehr kurz. „Wir sollten uns als Gesellschaft Gedanken machen, wenn so viele Leute auf der Straße landen.“

Die Not ist vielen Obdachlosen ins Gesicht geschrieben. Vor der Mainzer Teestube steht Alexander mit einer schweren Reisetasche über der Schulter und wärmt sich die Hände am Kaffeebecher. „Hideg“, sagt er auf Ungarisch, „kalt“. Alexander könne nicht arbeiten, er sei krank, erklärt Vladek. „Das ist ein Problem. Aber da ist er nicht der Einzige.“