| 23:40 Uhr

Zoodirektoren im Interview
„Gäbe es keine Zoos, müsste man sie erfinden“

Bewohner des Saarbrücker Zoos: die Humboldt-Pinguine.
Bewohner des Saarbrücker Zoos: die Humboldt-Pinguine. FOTO: Thomas Reinhardt
Saarbrücken. Was die Direktoren der beiden saarländischen Zoos bewegt – von Artenschutz bis TV-Dokus, von Konkurrenz bis Tierquäler-Vorwurf. Von Frauke Scholl und Gerrit Dauelsberg

Das Saarland hat zwei Zoos, und das ist auch gut so, sagen Richard Francke, Direktor des Saarbrücker Zoos, und Norbert Fritsch, Direktor des Neunkircher Zoos. Mit unserer Zeitung sprachen die beiden über den Wandel und den Wert von Zoos. Und über Kritik, die sie erregen – wie jüngst in Neunkirchen.

Haben Sie als Chefs heute morgen schon alle Ihre Tiere besucht?

FRANCKE Heute nur die, die etwas brauchten, weil sie krank sind. Ich hatte nicht viel Zeit. Aber normalerweise mache ich jeden Tag eine Runde, wenn auch nicht immer zu allen Tieren. Da ich Tierarzt bin, sind viele Tiere auch froh, wenn sie mich nicht sehen (lacht).



FRITSCH Das ist bei mir natürlich ganz anders, bei mir freuen sich alle, wenn sie mich sehen (lacht). Ich habe heute einige Tiere schon gesehen, aber nicht alle. Das muss ich auch nicht, dafür haben wir unseren Obertierpfleger, der das sehr gut macht. Falls etwas nicht in Ordnung ist, informiert er mich.

Kennen Sie alle Tiere mit Namen?

FRITSCH Nun, wir haben ungefähr eine Million Blattschneiderameisen. Da bin ich noch nicht ganz durch...

FRANCKE Die Namensgebung ist bei besonderen, bei prominenten Tieren üblich, die für Besucher Identifikationsfiguren sind. Wie die Elefanten in Neunkirchen oder die Seehunde in Saarbrücken. Aber allen Tieren einen Namen zu geben, wäre einfach zu schwierig in der Handhabung.

FRITSCH Unabhängig von Namen sind aber alle Tiere identifizierbar und erfasst durch Mikrochips – mal abgesehen von den Blattschneiderameisen – und wir haben eine genaue Übersicht über unsere Bestände. Die Daten speisen wir in eine internationale Datenbank ein, über die Tierbestände in Zoos verwaltet werden und die den globalen Tieraustausch ermöglicht. Das ist viel Arbeit, aber dazu sind wir verpflichtet als Mitglieder im Europäischen Zooverband. Darin sind rund 300 wissenschaftlich geführte und geprüfte Zoos zusammengeschlossen. Darüber laufen die Artenschutz- und Zuchtprogramme, an denen auch wir beteiligt sind.

Kritiker fragen, ob Zoos eigentlich noch zeitgemäß sind. Schließlich kann heute jeder alle Tiere auch am Bildschirm sehen, anders als im 19. Jahrhundert. Wie sehen Sie das?

FRITSCH Nicht zeitgemäß? Sehe ich ganz anders. Wenn es eine Einrichtung wie die Zoos noch nicht gäbe, müsste man sie ganz dringend erfinden. Schauen Sie sich die weltweite Entwicklung an. Der Artenschwund schreitet rasant voran, durch Umweltzerstörung, Tag für Tag. Wir als Zoos bilden die Reserve-Populationen; wir erhalten die Arten, die in freier Wildbahn bedroht sind. Der Arche-Noah-Vergleich liegt nahe.

FRANCKE Man braucht die Zoos. Wir sind das pars pro toto für den Artenschutz und den Umgang mit Tieren. Wir sind die Fachleute. Es geht ja um das Erleben der Tiere. Am Bildschirm kriegen Sie das nicht, das Riechen und Fühlen. Zoos sind eine wichtige, nicht-elitäre Möglichkeit, Tiere und Natur hautnah zu erleben. Wer mal einen Tag im Zoo verbracht hat, wird das verstehen.

Ist die Kritik an Zoos also falsch?

FRANCKE Wir stellen uns Kritik, aber sie sollte sachlich sein. Oft ist sie das nicht. Die Entwicklung der Zoos, wie sie heute sind, beruht ja auch da­rauf, dass man sich Kritik gestellt hat. Die Zoos haben sich mit dem gesellschaftlichen Wandel verändert, einen anderen Blick auf die Tierhaltung bekommen, in den 70ern war der noch anders. Damals war die Akzeptanz der Zoos sehr gering, der Umbruch kam erst in den 90ern. Man hat neue Erkenntnisse gewonnen, etwa zur Haltung der Tiere auf Naturboden statt auf Kacheln. Auch heute haben wir das Ohr noch bei den Besuchern, reagieren auf Kritik und erklären, wenn es Fragen gibt.

Harsche Kritik gibt es jüngst an dem Pavian-Felsen im Neunkircher Zoo. Kritiker sprachen von Überbevölkerung und „Tierquälerei“. Jetzt soll es es ein Gutachten geben...

FRITSCH Uns wäre es vor allem wegen des einfacheren Handlings auch lieber, es wären nur halb so viele Tiere. Aber der Gruppe (etwa hundert Tiere) geht es gut. Und sollen wir jetzt ein altes und ein behindertes Tier, die ja auch ein Stein des Anstoßes waren, einschläfern, obwohl sie integriert sind? Nein. Und alle Tierschützer werden da meiner Meinung sein. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass alle sachlich gestellten Fragen leicht zu beantworten sind und die Kritikpunkte sich dann auflösen, insbesondere wenn man sich die Haltung bei uns anschaut. Dazu hatte ich die Wortführer der Kritiker auch prompt eingeladen. Eine Gruppe von drei Personen ist gekommen, hat sich aber dagegen verwahrt, die Pavian-Anlage überhaupt anzuschauen. Wir haben nichts zu verbergen, auch nicht hinter den so genannten Kulissen. Und wenn wir bei einer Diskussion neue Einsichten gewinnen durch sachliche, konstruktive Kritik, dann versuchen wir auch weiter, Verbesserungen umzusetzen, nichts ist schließlich perfekt. Ansonsten ist die Situation bei den Pavianen mit den zuständigen Behörden seit Jahren abgestimmt, und wir bemühen uns seit vielen Jahren kontinuierlich, die Zahl soweit als möglich zu kontrollieren; in den letzten Jahren scheint es immer besser zu klappen. Sobald sich allerdings die Möglichkeit ergibt, einen Teil der Tiere an geeignete Einrichtungen abzugeben, werden wir das auch machen.

Aber geht es Tieren in Gefangenschaft wirklich gut?

FRANCKE Wenn wir nicht wüssten, dass es ihnen gut geht, würden wir den Zoo gar nicht betreiben. Die Tierpfleger, die Tag und Nacht engagiert sind und hochausgebildet, setzen alles daran, dass es den Tieren gut geht. Und das tut es. Wir wissen, dass das ein emotionales Thema ist. Aber wir brauchen eine sachliche Debatte.

FRITSCH Schauen Sie sich nur die vielen Zoo-Dokus an, auch da zeigt sich die hohe Sachkenntnis und Erfahrung der Tierpfleger, ihre Liebe zu den Tieren – und dass es den Tieren gut geht.

Haben diese Dokus den Zoos eigentlich mehr Besucher beschert?

FRANCKE Ja. Sie haben wieder ein großes Interesse geweckt. Sie spielen ja vor allem in großen Zoos, aber auch wir profitieren davon. Leider haben wir Regionalzoos nicht die Zeit oder das Personal, um so eine aufwändige Doku zu stemmen.

Nochmal zurück zur Kritik an Tier-Haltung in Zoo oder Zirkus. Um ein Wildtier-Verbot im Zirkus ging es zuletzt auch im Saarland wieder. Wie ist Ihre Position dazu?

FRANCKE Grundsätzlich wäre wichtig, das Wort Wildtier nicht zu verwenden. Es gilt weder für Tiere im Zirkus noch im Zoo. Das sind keine Wildtiere, die irgendwo eingefangen wurden, sondern seit Generationen gezüchtete Zoo-, beziehungsweise exotische Tiere. Die Tierhaltung in Zirkussen kann ich nicht generell beurteilen, man sollte immer den Einzelfall anschauen. Aber auch im Zirkus gelten Auflagen, auch dort arbeiten erfahrene Experten. Darüber hinaus kann man über das Thema natürlich diskutieren, und Emotionen sind auch verständlich, aber die sachliche Basis ist einfach wichtig.

FRITSCH Ja, und die Differenzierung. Ein wirkliches Wildtier, das gefangen wird und dann in eine andere Umgebung kommt, hat natürlich Stress. Aber Tiere, die in solchen Einrichtungen geboren und aufgewachsen sind und an Menschen gewöhnt, empfinden diesen Stress nicht. Man muss jeden Fall prüfen, aber fair sein und nicht alles in Bausch und Bogen verdammen.

Zoos gibt es ja hauptsächlich in Europa, allein in Deutschland sind es fast 200 (nach den Kriterien des Verbands der Zoologischen Gärten). Wieso eigentlich?

FRANCKE Die Zoos haben ihren Ursprung in Europa. Zuerst hatten die Herrscher ihre Sammlungen exotischer Tiere als Statussymbole. Im 19. Jahrhundert hat das aufstrebende Bürgertum das dann nachgeahmt. Der erste Zoo der Welt war Schönbrunn in Wien (1752), der erste in Deutschland der Berliner Zoo (1844). Später ging es dann auch um Bildung. Die öffentlichen Zoos in Europa sind ein klassisches bürgerliches Bildungsprodukt.

FRITSCH Tiersammlungen gab es ja schon in der Antike, aber da ging es meist um sakrale Zwecke oder Machtdemonstration. Heute haben Zoos ja ganz andere Aufgaben.

Welche sind das?

FRANCKE Es sind vier große Säulen: Erholung, Natur- und Artenschutz, Pädagogik beziehungsweise Bildung und die Wissenschaft. Das ist auch eingeschrieben in die EU-Richtlinie, die Zoos erfüllen müssen – neben anderen Vorgaben wie Tierschutzgesetz oder Tierseuchenrecht.

FRITSCH Die Freizeit oder Erholung steht für die Besucher im Vordergrund; der Zoobesuch soll Spaß machen. Artenschutz, Bildung und Wissenschaft sind aber die Legitimation des Zoos. Vor allem die Erforschung der Arten, die so in der freien Wildbahn nicht möglich ist.

Jetzt kommt wieder eine Kritiker-Frage: Brauchen wir im kleinen Saarland wirklich zwei Zoos?

FRANCKE Ja. Weil es regionale Zoos sind, die historisch gewachsen sind. Das eine sind politische Fragen. Aber es gibt einen Saarbrücker Zoo und einen Neunkircher Zoo, und wir haben unser eigenes Publikum. Wir sind Heimatzoos. Und es sind ja doch 40 Kilometer dazwischen.

FRITSCH Und: Je mehr Zoos es gibt, desto mehr Arten können wir erhalten. Wir haben ja schon in Neunkirchen andere als in Saarbrücken.

Nehmen Sie sich nicht gegenseitig die Besucher weg?

FRANCKE Nein, ich glaube nicht. Wir sind zufrieden mit unseren Besucherzahlen, zumal wir ja noch andere Zoos in der Nähe haben, etwa Amnéville. Aber auch wenn man sich gerne mal andere Zoos anguckt, kommt man immer wieder in den Heimatzoo. Früher hieß es, man geht dreimal im Leben in den Zoo: Als Kind, wenn man Kinder hat und wenn man Enkel ausführt. Heute sehen wir auch immer mehr junge Paare, Jugendliche. Das Publikum verändert sich, und das freut uns.

FRITSCH Die Zoos schaffen ja auch immer neue Möglichkeiten; bei uns im Elefantentempel kann man sich zum Beispiel trauen lassen. Das schafft auch neue Besuchergruppen. Konkurrenz gibt es ja immer, durch viele andere Angebote. Aber die Zoos im Saarland stehen für Kooperation, nicht für Konkurrenz.

Sie sind beide Saarländer und waren weltweit unterwegs. Was hat Sie denn bewogen, heimzukommen und einen saarländischen Zoo zu führen?

FRANCKE Der Zufall. Ich kam von Berlin hierher und habe eine Tierarzt-Gemeinschaftspraxis aufgemacht. Dann war ich ab 1991 Zoo-Tierarzt und daraus wurde der Direktor. Back to the roots...

FRITSCH Familie, Freunde, Heimat.

Zum Schluss die obligatorische Frage nach dem Lieblingstier eines Zoodirektors: Haben Sie eines?

FRITSCH Ganz schlechte Frage. Wenn Sie mehrere Kinder hätten, und ich Sie frage, welches Sie am liebsten haben, was sagen Sie? Nein, ich habe alle Tiere lieb.

Und Herr Francke, antworten Sie auch so diplomatisch?

FRANCKE Nee. Meine Lieblingstiere sind Schildkröten und Hühner. Habe ich auch privat, und das ist einfach doch nochmal was anderes.

Das Gespräch führten Frauke Scholl und Gerrit Dauelsberg.

Richard Francke, seit 2006 Direktor des Saarbrücker Zoos (2. v.l.), und Norbert Fritsch, seit 2001 Direktor des Neunkircher Zoos (2. v. r.), im Gespräch mit Gerrit Dauelsberg und Frauke Scholl.
Richard Francke, seit 2006 Direktor des Saarbrücker Zoos (2. v.l.), und Norbert Fritsch, seit 2001 Direktor des Neunkircher Zoos (2. v. r.), im Gespräch mit Gerrit Dauelsberg und Frauke Scholl. FOTO: BeckerBredel
Auch diese Giraffe lebt im Zoo am Saarbrücker Eschberg.
Auch diese Giraffe lebt im Zoo am Saarbrücker Eschberg. FOTO: Zoo Saarbrücken
Ein Star des Neunkircher Zoos: der Schneeleopard.
Ein Star des Neunkircher Zoos: der Schneeleopard. FOTO: Thomas Reinhardt