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Kampf gegen Pilz Esca
Forscher haben Mittel gegen Rebenkrankheit

Typische „Tigerstreifen“ sind auf den Blättern einer mit dem Pilz Esca befallenen Dornfelder-Rebe auf der Anlage des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz zu sehen. Nach DLR-Angaben entsteht durch den Pilz Esca, durch welchen das Holz der Weinrebe verfault, weltweit jährlich ein Schaden von einer Milliarde Euro.
Typische „Tigerstreifen“ sind auf den Blättern einer mit dem Pilz Esca befallenen Dornfelder-Rebe auf der Anlage des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz zu sehen. Nach DLR-Angaben entsteht durch den Pilz Esca, durch welchen das Holz der Weinrebe verfault, weltweit jährlich ein Schaden von einer Milliarde Euro. FOTO: DLR Rheinpfalz / dpa
Neustadt/Weinstraße. Die Rebenkrankheit Esca lässt Weinstöcke einfach absterben. Das Problem wird immer größer, die Schäden sind immens. Nun gibt es ein Gegenmittel – das aus den Weinreben selbst kommt.

(dpa) Breiten sich Tigerstreifen auf den Blättern eines Weinstocks aus, schrillen beim Winzer die Alarmglocken. Er weiß, dass nach der gelb-braunen Verfärbung der Weinblätter bald die Trauben zu ungenießbaren Beeren zusammenschrumpeln. Dann vertrocknen die Triebe, schließlich stirbt der ganze Rebstock ab. Der Winzer muss das Holz aus dem Weinberg herausreißen und verbrennen.

Der Täter ist die durch Pilze verursachte Holzkrankheit Esca. Seit Ende der 90er Jahre wird sie in den deutschen Weinbauregionen als ernstes Problem betrachtet, schreibt das Julius Kühn-Institut in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Fachzeitschriften berichten, dass sich die Fälle in den vergangenen Jahren häufen. Überall in den Weinbergen tauchen nun die toten Rebstöcke auf, vermeintlich zufällig verteilt. Jedes Jahr verlieren die Winzer hierzulande Millionen.

Doch Forscher haben ein Gegenmittel gefunden. Der Clou dabei: Sie bekämpfen die holzzerstörenden Pilze mit nützlichen Pilzen. Das Rebholz wird dabei mit Pilzen der Gattung Trichoderma infiziert, wie Andreas Kortekamp und Joachim Eder vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz erklären. Das sei eine Art „Schutzimpfung für die Weinrebe“, sagen die Rebkrankheiten-Experten: Denn wo die Trichoderma-Pilze schon sitzen, könnten sich die schädlichen Pilze des Esca-Komplexes nicht mehr niederlassen.



Gefunden haben die Forscher die nützlichen Pilze in den Rebstöcken selber. Natürlicherweise kommen sie aber nur in wenigen Prozent der Reben vor, wie Kortekamp weiß. Einmal eingeimpft habe die biologische Methode den Vorteil, dass die Pilze in die Rebe einwachsen. Es handele sich nicht um Chemie, sondern um einen natürlichen Pflanzenschutz – die Wissenschaft imitiere oder verstärke ein natürliches System, betont Kortekamp. „Und weil es sich um einen lebenden Organismus handelt, verdünnt er sich nicht.“

Würden schon die kleinen Setzlinge in den Rebschulen mit Trichoderma geimpft, seien die Erfolge sehr gut, sagt Eder. Die Besiedelungsrate liege bei fast 100 Prozent. Negative Effekte konnten die Pilzexperten in ihren Versuchspflanzungen rund um das DLR in Neustadt an der Weinstraße bisher nicht feststellen. Im Gegenteil: Die geimpften Rebstöcke zeigen sogar besseres Wurzelwachstum und sind etwas kräftiger.

Die Forscher vom DLR halten das Potenzial der Trichoderma-Pilze für gewaltig. Schließlich gingen jedes Jahr rund ein Prozent der Rebstöcke durch Esca kaputt – weltweit entstünden so Verluste von jährlich einer Milliarde Euro. Doch die Winzer in Deutschland reagierten derzeit noch zurückhaltend, sagt Stephan Reimann vom Unternehmen Belchim Crop Protection in Burgdorf in Niedersachsen, das derzeit das einzige Anti-Esca-Produkt mit Trichoderma auf dem deutschen Markt anbietet.

„Die Ergebnisse sind sehr gut. Das interessiert die Winzer auch auf jeden Fall, aber die letzte Überzeugung fehlt noch“, sagt Reimann. Oft zeigten sich die Effekte des Esca-Befalls im Weinberg erst nach 15 oder 20 Jahren. Die Genehmigung für das Mittel gebe es aber erst seit drei Jahren – und die Zulassung gelte nur für Rebschulen und junge Anlagen. Reimann ist sich sicher: Können die Winzer auch ihre älteren Rebstöcke nach dem Rebschnitt an den Wunden mit der Anti-Esca-Lösung behandeln, werden sie zugreifen.

Der Wirkungsgrad des Produkts liege bei 50 bis 80 Prozent, erzählt Kortekamp. „Ich bin ganz begeistert.“ Er hofft, dass er bald weniger Rebstöcke sehen muss, in denen das Holz im Inneren morsch wird. „Wie eine Zahnkaries fängt der Pilz oben an, und zieht sie nach unten durch“, erklärt er. Die Fäulnisstellen würden in der Rebe schließlich so groß, dass sie das Wasser nicht mehr durchlassen und der Rebstock abstirbt.

Die Pilze des Esca-Komplexes verbreiten sich über Sporen. Sind sie einmal im Weinberg, besiedeln sie irgendwann alle Rebstöcke. Ob aber eine Rebe früher an dem Pilz stirbt oder viel später – das wissen die Forscher noch nicht. Das könne von so vielen Faktoren wie Bodenbeschaffenheit, Wurzeln, Wasser, Sonneneinstrahlung und Hangneigung abhängen. „Eine Weinrebe ist auch nur ein Mensch“, meint Kortekamp.

Andreas Kortekamp und Joachim Eder vom DLR prüfen junge Rebstöcke in einer Versuchsanlage.
Andreas Kortekamp und Joachim Eder vom DLR prüfen junge Rebstöcke in einer Versuchsanlage. FOTO: Doreen Fiedler / dpa
(dpa)