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Verbrechen in Koblenz
Ermordung eines Obdachlosen gibt den Ermittlern Rätsel auf

Mit einem Absperrband ist auf dem Hauptfriedhof von Koblenz der Bereich gekennzeichnet, in dem die enthauptete Leiche des 59-jährigen Obdachlosen gefunden wurde.
Mit einem Absperrband ist auf dem Hauptfriedhof von Koblenz der Bereich gekennzeichnet, in dem die enthauptete Leiche des 59-jährigen Obdachlosen gefunden wurde. FOTO: Sascha Ditscher / dpa
Koblenz. Auf dem Koblenzer Hauptfriedhof, wo er die Nächte verbrachte, fand das Leben eines Mannes ohne festen Wohnsitz ein brutales Ende. Die Polizei sucht fieberhaft nach dem Mörder.

(dpa) Das Bild auf dem Polizei-Flugblatt zeigt einen gepflegten Mann mit Baseballkappe, der verschmitzt lächelt. Auf den ersten Blick ist wohl kaum vorstellbar, dass er seit vielen Jahren ohne festen Wohnsitz auf dem Koblenzer Hauptfriedhof lebte. Dort fand das Leben von Gerd Michael Straten vor wenigen Tagen ein brutales Ende – der 59-Jährige wurde enthauptet. Die Polizei rätselt über das Motiv: Wer brachte den Mann um, der nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler trotz seiner Obdachlosigkeit um ein einigermaßen normales Leben bemüht war?

„Wir haben derzeit keine heiße Spur“, sagte Kriminaldirektor Jürgen Süs vom Polizeipräsidium Koblenz am Donnerstag. „Wir führen die Ermittlungen derzeit in alle Richtungen.“ Es gebe noch keine Erkenntnisse darüber, ob es sich um einen oder mehrere Täter handele. Generell gebe es in Koblenz nicht auffällig viele Fälle von Gewalt gegen Obdachlose.

Der 59-Jährige war am Freitag vergangener Woche tot auf dem Koblenzer Hauptfriedhof gefunden worden. Rechtsmediziner haben seinen Leichnam mittlerweile untersucht. Zu den Ergebnissen der Obduktion und wie genau der Obdachlose umgebracht wurde, wollen die Ermittler nichts sagen, um nicht Täterwissen zu verraten.



Oberstaatsanwalt Rolf Wissen sprach von einem Verbrechen, das „außergewöhnlich brutal und menschenverachtend“ sei. Die Polizei bildete eine „Sonderkommission Hauptfriedhof“ mit 35 Beamten. Auch das rheinland-pfälzische Landeskriminalamt ist eingebunden.

Die Ermittler versuchten nun, möglichst viel über Umfeld und Persönlichkeit des Opfers herauszufinden. „Jeder Bekannte, jeder Freund, jeder ehemalige Geschäftspartner, jeder, der etwas zu ihm sagen kann, ist für uns von Bedeutung“, sagte die Leiterin Zentrale Kriminalinspektion in Koblenz, Kathrin Süßenbach. Die Beamten der Sonderkommission gingen bislang 240 verschiedenen Spuren nach. „Wir haben bereits über 100 Personen vernommen.“ Das Gelände rund um den Tatort sei umfangreich abgesucht worden.

Nach Darstellung der Ermittler war das Mordopfer Straten in Köln aufgewachsen, aber bereits 1972 nach Koblenz gekommen. Dort habe er ein Geschäft eröffnet und mit Kunst gehandelt. Ende der 80er Jahre habe er das Geschäft schließen müssen und sei seither die meiste Zeit ohne festen Wohnsitz in Koblenz gewesen. „Er galt als einer, der am Zeitgeschehen und an Kunst interessiert war“, sagte der Leiter der Sondermission, Thomas Lauxen. Aus der Obdachlosenszene habe er sich weitgehend rausgehalten. Er habe sich auch viel Mühe gegeben, nicht gleich als Obdachloser erkannt zu werden. Er habe nach bisherigen Erkenntnissen seit vielen Jahren allein gelebt.

Für das Wochenende plant die Koblenzer Polizei eine Flugblattaktion, um weitere mögliche Zeugen zu finden. Interessiert sind die Ermittler unter anderem an der Frage, ob Straten vor seinem Tod mit irgendjemandem Streit hatte.

Der Mann hatte nach Angaben der Ermittler seit mehreren Jahren regelmäßig in einem abgelegenen Teil des Koblenzer Hauptfriedhofs übernachtet und war tagsüber in der Innenstadt und am Hauptbahnhof unterwegs. „Er trank kaum oder keinen Alkohol und nahm auch keine Drogen zu sich“, heißt es in dem Flugblatt der Polizei. „Er legte sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres.“

Er habe regelmäßig Cafés, Biomärkte und Bibliotheken besucht, in der Vergangenheit sei er im Sommer als Pfandsammler auf Festivals unterwegs gewesen. Einen Tag, bevor er tot aufgefunden wurde, war er das letzte Mal abends lebend gesehen worden. Es wurden von der Polizei 10 000 Euro Belohnung ausgesetzt für Hinweise, die zu dem oder den Tätern führen.

Kriminaldirektor Jürgen Süs vom Polizeipräsidium Koblenz sitzt vor der Projektion eines Flugblattes, das bei der Aufklärung des Mordes helfen soll.
Kriminaldirektor Jürgen Süs vom Polizeipräsidium Koblenz sitzt vor der Projektion eines Flugblattes, das bei der Aufklärung des Mordes helfen soll. FOTO: Sascha Ditscher / dpa
(dpa)