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Expedition
Ein magischer Moment unter Wasser

Ein magischer Augenblick für die Taucher: Die Pottwal-Mutter beim Stillen ihres Babys.
Ein magischer Augenblick für die Taucher: Die Pottwal-Mutter beim Stillen ihres Babys. FOTO: Ingolf Winter
Illingen. Im Rahmen der Dreharbeiten zu einem Meeresfilm begegneten Ingolf und Michael Winter einer Pottwal-Familie. red

Einen außergewöhnlichen magischen Moment durften die beiden Umweltschützer Michael und Ingolf Winter Anfang Juli auf den Azoren erleben. Die Leser unserer Zeitung wollten sie gerne an diesem Erlebnis teilhaben lassen. In Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium in Portugal, drehten die beiden auf dieser faszinierenden Inselgruppe mitten im Atlantischen Ozean einen Lehrfilm über die zunehmende Meeresverschmutzung durch Mikroplastik und ihre Folgen. Die fertige Produktion soll in portugiesischen Schulen für eine größere Sensibilität hinsichtlich dieses Themas sorgen. Auch in Schulen in der Region soll dieser Film gezeigt werden.

Zusammen mit dem Unterwasserfilmer Nuno Sá waren die beiden begeisterten Hobbytaucher während ihres Aufenthaltes auch auf den Spuren des größten Raubtieres der Erde unterwegs: Dem bis 80 Tonnen schweren und bis 20 Meter großen Pottwal. Selbst ein Tyrannosaurus Rex konnte ein solches Beißwerkzeug nicht vorweisen, wissen sie. Der Kiefer dieses Wales misst etwa ein Drittel seiner Körperlänge und ist mit starken rund 20 Zentimeter langen Zähnen aus Elfenbein bestückt. Diese benötigt das gewaltige Raubtier auch, um im Kampf gegen Riesenkalmare – denen er in bis zu 2500 Meter Wassertiefe bei 40 Minuten langen Tauchgängen nachstellt – als Sieger hervorzugehen.

Nahezu jeder Pottwal ist von Begegnungen dieser Art mit unzähligen Narben gekennzeichnet. Wie genau diese Kämpfe ablaufen, ist aktuell noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Bislang bekannt ist aber, dass diese Tiefseekalmare die Hauptnahrung der Pottwale darstellen. Bei der Obduktion von Pottwalen, hat man in ihren Mägen über zehn Meter lange Fangarme dieser Kalmare gefunden. Ingolf Winter und Sohn Michael entdeckten einen etwa fünf Meter großen, total zerfetzten Kalmar an der Wasseroberfläche, der vermutlich Opfer eines Pottwals wurde, so heißt es.



Am beeindruckendsten für die beiden Taucher war aber ihr ganz besonderer magischer Moment mit den riesigen Meeresbewohnern: „Vor ziemlich genau 20 Jahren“, erzählt Ingolf Winter, „hatte ich meine erste Begegnung mit einem großen Pottwal – auf den Azoren vor der Insel Pico. Die war alles andere als nett, denn der Pottwal-Bulle war wohl schlecht gelaunt: Er schwamm auf mich, ohne zu stoppen, und schob mich mit seinem mächtigen Kopf durch das über 1000 Meter tiefe Wasser. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich damals die einzigartige Nähe dieses beeindruckenden Meeresriesen. Ab da ließen mich die großen Meeressäuger nicht mehr los.“

Es wurde zu seinem Lebenstraum, dieses Erlebnis gemeinsam mit den Söhnen Sascha und Michael zu teilen. Im Juli diesen Jahres war es dann so weit. Etwa 15 Kilometer vor der Insel Pico, am letzten Tag auf dem Meer, saßen die Winters im Schlauchboot, als der Skipper plötzlich Vollgas gab, weil er weit entfernt den Blas eines Wales gesichtet hatte. Taucherausrüstung an, Kamera klar: Eine Dreiergruppe Pottwale, zwei Erwachsene und ein Baby. Auf Kommando ging es für Filmer Nuno, Michael und Ingolf Winter ins Wasser.

Plötzlich fand sich Ingolf Winter wieder Auge in Auge mit einem Pottwal-Bullen. Doch dieses Mal lief die Begegnung gut. „Und dann geschah das Unfassbare, wovon nur wenige Zeuge werden dürfen: Die Pottwalkuh drehte sich zur Seite und das Baby begann zu trinken. Währenddessen wich der Pottwalbulle seiner Familie nicht von der Seite und hatte uns drei Menschlein sowie eine Schule von etwa 25 großen Delfinen, die ebenfalls um uns herum schwammen, fest im Blick. Ein magischer Moment für die Ewigkeit, der an Friedfertigkeit nicht zu überbieten war! Diese Bilder haben sich wie ein Tattoo in meine Seele gebrannt.“ Das 15-minütige Erlebnis, so sagt Winter, übersteige alles, was er bei seinem 2500 Tauchgängen erleben durfte.

„Diese intensive Begegnung mit diesen majestätischen Geschöpfen war alle Strapazen der vergangenen zehn Tage wert“, resümiert der Umweltschützer. „Schon im Wasser fielen wir uns in die Arme und hätten vor Glück weinen können. Wir empfanden eine tiefe Demut, denn näher als in diesem Moment, sind wir der Schöpfung vorher noch nie gewesen.“

Die Pottwalmutter zeigt ihre beeindruckenden Zähne.
Die Pottwalmutter zeigt ihre beeindruckenden Zähne. FOTO: Michael Winter / Michael A. Winter
Foto links: Pottwal-Baby mit Ingolf Winter im Hintergrund. 
Foto rechts: Die Pottwale für Nuno (vorne) und Michael Winter (hinten). 
Foto links: Pottwal-Baby mit Ingolf Winter im Hintergrund. Foto rechts: Die Pottwale für Nuno (vorne) und Michael Winter (hinten).  FOTO: Michael Winter / Michael A. Winter
Pottwale vor Nuno (vorne) und Michael (hinten). Foto: Ingolf Winter
Pottwale vor Nuno (vorne) und Michael (hinten). Foto: Ingolf Winter FOTO: Ingolf Winter