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Medizin
Dem Nierenversagen auf der Spur

Homburg/bitburg. Ein Arzt aus Bitburg ist an bahnbrechenden Forschungen beteiligt. Die Ergebnisse können zahlreichen Patienten helfen. Die Studie sorgt weltweit für Aufsehen. Von Bernd Wientjes

Elf Prozent der Bevölkerung haben eine chronische Nierenerkrankung. Nicht alle Betroffenen müssen behandelt werden. Doch bislang war schwierig festzustellen, wer eine leichtgradige Nierenerkrankung hat und bei wem die Funktionsstörung zu einem Nierenversagen führen kann und damit zwangsläufig zur Dialyse. Bei der Dialyse wird das Blut außerhalb des Körpers gereinigt, weil die Nieren diese Aufgabe nicht mehr übernehmen können.

Wissenschaftler der Uniklinik in Homburg haben ein Protein im Urin entdeckt, mit dessen Hilfe ein hohes Risiko für Nierenversagen vorhergesagt werden kann. Der Name dieses Proteins ist ungewöhnlich: Dickkopf 3, abgekürzt, DKK 3, haben die Mediziner und Forscher den sogenannten Biomarker getauft. DKK 3, das in bestimmten Nierenzellen gebildet wird, ist demnach ein messbares Indiz für eine chronische, fortschreitende Nierenerkrankung.

Maßgeblich an dem Forschungsprojekt beteiligt war der aus Bitburg stammende Urologe Stefan Schunk. Die  kürzlich in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Ergebnisse der Studie seien „bahnbrechend“ und würden weltweit Wellen schlagen, sagt der 35-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitungsgruppe. In dem Magazin würden nur ausgewählte Forschungsergebnisse veröffentlicht, erklärt Schunk, der seit 2014 an der Universitäts-Klinik in Homburg arbeitet, zunächst als Assistenzarzt und seit diesem Jahr als Oberarzt für Nieren- und Hochdruckerkrankungen.



Nierenversagen sei eine häufig vorkommende Komplikation bei Klinikpatienten, wenn diese etwa eine Chemotherapie bekämen. Oder aber nach komplizierten, lang andauernden Herzoperationen. Bei diesen Patienten, so Schunk,  bestehe ebenfalls ein Risiko eines akuten Nierenversagens. „Es kann dann zu einer dauerhaften Funktionseinschränkung der Nieren kommen, und die Patienten können sogar längerfristig dyalisepflichtig werden.“ Das betreffe aber eben nur bestimmte Patienten. Und da kommt dann Dickkopf 3 ins Spiel.

„Wir haben herausgefunden, dass wir diese Patienten mit Hilfe von DKK 3 identifizieren können“, sagt Schunk, der in Biesdorf Abitur gemacht und in seiner Freizeit öfter als Notarzt für das Bitburger DRK unterwegs ist. Werde etwa bei Herzpatienten vor der OP das Protein im Urin nachgewiesen, wisse man: „Dieser Patient ist gefährdet, wir müssen vorsorglich mit der Therapie beginnen, um das Risiko für ein Nierenversagen nach dem Eingriff zu senken.“

Doch anhand des Dickkopf-3-Proteins ließe sich nicht nur bei Herzpatienten ein mögliches Nierenversagen vorhersagen, erklärt Schunk. Die Untersuchung könne bei allen Nierenkranken angewendet werden und somit schlimmere Verläufe möglicherweise verhindern. Die Ergebnisse seien nicht nur für Nephrologie (Nierenheilkunde) von Bedeutung, sagt der Direktor der Klinik für Innere Medizin, Nieren- und Hochdruckkrankheiten an der Uni Klinik Homburg, Danilo Fliser. Letzlich profitierten alle Risikopatienten durch die Ergebnisse des Forschungsteams.

Mehrere Jahre hätte die Arbeit gedauert, sagt Schunk. An 575 Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen wurde der Biomarker untersucht. Hinzu kamen noch über 500 mehr oder weniger zufällig ausgewählte Patienten.

Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie spricht von einem Meilenstein. Oft würden Nierenkrankheiten auf die leichte Schulter genommen und nicht engmaschig beobachtet, sagt der Sprecher der Gesellschaft, Jan C. Galle. Dadurch rutschten immer wieder Patienten durch, bei denen die Nierenkrankheit rasant voranschreite. Oft müssten Nierenärzte Patienten zur Dialyse schicken, „die aber bis vor ein paar Monaten oder gar Wochen noch gar nicht wussten, dass ihre Nieren krank sind“, sagt Galle. Wäre die Erkrankung früher bekannt gewesen, hätte man bei diesen Patienten das Fortschreiten der Erkrankung durch Medikamente verlangsamen und die Dialysepflicht hinausschieben können.

Schunk ist nun ein gefragter Mann in der Welt der Medizin. Weil die Erkenntnisse, die er und seine Kollegen mit ihrer Forschung gewonnen haben, für derartiges Aufsehen sorgen, sei er nun viel unterwegs zu Vorträgen und auf Kongressen. Demnächst reist Schunk auch nach Washington, um dort über Dickkopf 3 zu referieren.