| 22:47 Uhr

Mainzer Forscher untersuchen Video-Botschaften
Dschihadisten-Propaganda als Musik-Clip

Christoph Günther diskutiert mit Studenten an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität über die gewonnenen Erkenntnisse. Günther leitet die Nachwuchsforschergruppe „Dschihadismus im Internet.“
Christoph Günther diskutiert mit Studenten an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität über die gewonnenen Erkenntnisse. Günther leitet die Nachwuchsforschergruppe „Dschihadismus im Internet.“ FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz/Wiesbaden. Radikale Islamisten werben mit Videos für sich und suchen Nachwuchs im Netz. Mainzer Forscher haben herausgefunden: Den Machern der Videos geht es dabei nicht nur um eine Botschaft, sondern auch um Unterhaltung.

Ein Dschihad-Kämpfer mit Waffe steht heroisch auf einem Felsen, die Kamera fährt von hinten auf ihn zu und an ihm vorbei. Ein Bild wie aus einem Kinofilm. Es ist Teil eines Videos von Dschihadisten im Internet, von denen es zahlreiche ähnlicher Art gibt. Das Bundeskriminalamt (BKA) schätzt, dass die Propaganda dschihadistischer Organisationen ein wichtiger Faktor für die Radikalisierung und die Gewinnung neuer Anhänger ist. „Die Propaganda ist professioneller geworden und wird mittlerweile zielgruppengerecht produziert“, erklärt eine BKA-Sprecherin. Videos des Islamischen Staates (IS) etwa hätten ein qualitativ hohes Niveau erreicht.

Der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam hält die Rolle des Internets für zentral bei der Radikalisierung. „Das Internet als Kommunikationsplattform für Terrororganisationen kann man gar nicht hoch genug einschätzen, denn dadurch bekommt eine Terrororganisation die Möglichkeit, Propaganda ungefiltert weltweit letztendlich zu produzieren“, sagt der Experte, der für das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz arbeitet. Ein vermeintlich intellektueller Dschihad-Interessent lese Analysen im Netz, während Jugendliche sich kurze Videos anschauten.

Drei Gruppen werden nach Einschätzung des Forschers damit angesprochen: diejenigen, die nach Syrien ausreisen wollten und es als göttliche Aufgabe sähen, diejenigen, die Männlichkeit und Abenteuerlust suchten und diejenigen, die kriminell seien und eine Art Neugeburt suchten. „So eine Terrororganisation funktioniert nur dann, wenn sie sich ihren Zielgruppen anpasst“, sagt Abou-Taam. „Die Botschaft ist nicht in erster Linie, dass man ideologisch begründet, sondern die Tat an sich spricht für sich, die Bilder sprechen für sich. Du darfst Leute köpfen und wirst sogar gefeiert dafür.“ Wie das BKA glaubt er aber, dass das Internet allein nicht reicht, um zu radikalisieren. Dazu müssten auch reale Kontakte kommen.



An der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz geht eine Forschergruppe seit einem halben Jahr dem „Dschihadismus im Internet“ in Filmen und Bildern auf den Grund. Der Dschihadismus (von Dschihad – „Heiliger Krieg“) gilt als militante Form des radikalen Islamismus. „Dschihadisten wissen auf hochprofessionelle Weise mit Bildermedien umzugehen und ein Publikum anzusprechen“, sagt Islamforscher und Gruppenleiter Christoph Günther. „Es wird mit Botschaften gespielt, die beim Zuschauer ankommen, aber die von ihnen nicht bewusst reflektiert werden.“ Bilder sind aus seiner Sicht geeignet, sprachliche Grenzen zu überschreiten. Sie sind Propaganda, mit der Anhänger gewonnen werden sollen.

Die Forscher schauen auf den Stil, auf Botschaften, Zitate und Gestaltungsmittel. So wird zum Beispiel ein Konvertit in einem Video zunächst nur in Teilen gezeigt. Sobald er die neue Religion gefunden hat, ist er als ganzer Mensch zu sehen. Oder: Deutschland wird in dunklen Farbtönen gezeigt mit Menschen, die einsam wirken, Syrien dagegen hell und freundlich mit Menschen, die lächeln. Zur Forschungsgruppe gehören auch Kultur- und Islamwissenschaftlerin Alexandra Dick, Islamforscherin Larissa-Diana Fuhrmann, Filmwissenschaftler Bernd Zywietz, Medienforscher Yorck Beese und die Ethnologin Simone Pfeifer. Das Bundesforschungsministerium unterstützt ihr Projekt über fünf Jahre mit 2,7 Millionen Euro.

Den Machern der Videos geht es nicht nur um Botschaften: „Man versucht, Videos wie eine Erlebniswelt zu gestalten“, sagt Filmwissenschaftler Zywietz. „Es gibt Videos, die wie Musikvideos geschnitten sind. Bei ihnen geht es nicht darum, eine Botschaft zu verbreiten, sondern zu unterhalten. Sie sind zugeschnitten auf eine Webkultur des Teilens.“ Die Zeit der Auftritte bei Facebook, Twitter und YouTube ist nach seiner Ansicht allerdings allmählich vorbei. „Es geht hin zu geschlossenen Gruppen und Messenger-Diensten.“

Die Wissenschaftler wollen über soziale Netzwerke herausfinden, wer sich mit dem Material befasst, wer es teilt und es kommentiert. Sie versuchen, Kontakt aufzubauen – auch zu denen, die die Ideologie teilen. Aber: „Das ist uns bisher nicht besonders gut gelungen, weil diese Menschen sehr reserviert sind gegenüber Forschern“, sagt Günther.

„Ein Trend geht dahin, Remakes zu machen“, berichtet er. „Die offiziellen Produktionen gehen quantitativ zurück.“ Das Terrornetz IS betrieb nach Angaben von Medienforscher Yorck Beese zeitweise 50 Medienstellen. „Die Produktion ist über 95 Prozent zurückgegangen. Das liegt an Angriffen gegen den IS und daran, dass Inhalte gelöscht werden.“ Islamwissenschaftlerin Dick berichtet, dass in Videos inzwischen auch fremdes Material – zum Beispiel von deutschen Fernsehsendern – verwendet, verfälscht und angereichert wird. Und: „Wenn ein Inhalt gelöscht wird, taucht er irgendwo neu wieder auf“, sagt sie. „Das ist ein Katz- und Maus-Spiel.“