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Zweifel bleiben bis zuletzt
Vergewaltigungs-Prozess: Gericht spricht drei Pirmasenser frei

 Im Zweifel für die Angeklagten, so das Urteil des Gerichts. Einige Fragen bleiben offen. Was war erfunden und was geschah wirklich?
Im Zweifel für die Angeklagten, so das Urteil des Gerichts. Einige Fragen bleiben offen. Was war erfunden und was geschah wirklich? FOTO: dpa / Uwe Anspach
Zweibrücken/Pirmasens. Die Große Jugendkammer des Landgerichts Zweibrücken hat am Dienstag ihr Urteil gefällt. Zweifel am möglichen Tatgeschehen blieben bis zuletzt. Von Rainer Ulm

Die Große Jugendkammer des Landgerichts Zweibrücken hat am Dienstag drei Pirmasenser vom Vorwurf der gemeinschaftlichen Vergewaltigung freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte den drei 19-, 21- und 40-jährigen Männern zur Last gelegt, am Pfingstwochenende in einer heruntergekommenen Wohnung in der Pirmasenser Schanzenstraße eine damals 17-jährige Pforzheimerin vergewaltigt und ihr dabei Schmerzen zugefügt zu haben. Laut Anklage sollen der 40- und der 19-Jährige den Beischlaf vollzogen und der 21-Jährige die junge Frau dabei festgehalten haben. Staatsanwalt Christian Heinekamp hatte in seinem Schlussvortrag für den 19-Jährigen eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, für den 21-Jährigen eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten sowie für den 40-Jährigen sogar eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren beantragt. Die drei Verteidiger der Angeklagten hatten jeweils auf Freispruch für ihre Mandanten plädiert.

Dazu kam es denn auch. Wenngleich sich das Gericht diese Entscheidung nicht leicht gemacht habe, wie der Vorsitzende Richter Michael Schubert in seiner Urteilsbegründung deutlich machte. Es sei ein „Verfahren mit großer Schwierigkeit“ gewesen, bei dem es um „eine Straftat in einem gewissen Milieu“ gegangen sei, resümierte der Jurist. Polizei und Justiz hätten eine „ungeheure Arbeit“ geleistet, um den Sachverhalt aufzuklären, lobte er. „Aber wir haben es nicht geschafft, ein von vernünftigen Zweifeln freies Bild zu bekommen.“ Auch wenn manche Geschichten über das mutmaßliche Tatwochenende, die die Angeklagten dem Gericht erzählt haben, „unglaublich albern klingen“, habe man sie nicht einfach ignorieren dürfen. Beispielsweise als der stämmige 40-Jährige berichtete, nicht er, sondern die eher zierliche 17-Jährige habe versucht, ihn gegen seinen Willen zu vergewaltigen. „Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten“, so Richter Schubert. Problematisch sei auch der bewiesene Umstand gewesen, dass sowohl die drei später Angeklagten als auch das vermeintliche Vergewaltigungsopfer an jenem Pfingstwochenende viel Alkohol und Drogen konsumiert hätten, in der Folge „kognitiv“, also in ihrem Wahrnehmen, Denken und Erkennen, eingeschränkt waren. Bewiesen sei auch, dass es in der Wohnung Geschlechtsverkehr gegeben habe. Nicht aber, ob nun freiwillig oder unfreiwillig, so Richter Schubert. Die Aussagen des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers seien zwar „überzeugend“ gewesen („Sie hat geweint und auch eigene Fehler zugegeben“). Es seien jedoch Zweifel geblieben, weil die Spurenlage in einem wichtigen Detail „mit ihren Schilderungen nicht in Übereinstimmung zu bringen“ waren. Alle Beteiligten seien wegen des Drogengenusses „enthemmt“ gewesen. Auch deshalb sei nicht auszuschließen, dass die junge Frau sogenannte „Pseudoerinnerungen“ wiedergegeben habe – Erinnerungen an Ereignisse, die objektiv so nicht stattfanden, unbewusst aber als tatsächlich geschehen wahrgenommen werden. Am vorletzten Verhandlungstag hatte auch eine Gutachterin von der Möglichkeit einer sogenannten „Scheinerinnerung“ des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers gesprochen (wir berichteten).

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwalt prüft, ob sie dagegen Rechtsmittel einlegt.