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Missbrauchsskandal
„Die Priester waren Sadisten“

Was geschah im Internat „Albertinum“ in Gerolstein? Zeitzeugenberichte lassen auf skandalöse Umstände in den 60er und 70er Jahren schließen. Sogar Gerüchte über sexuellen Missbrauch stehen im Raum.
Was geschah im Internat „Albertinum“ in Gerolstein? Zeitzeugenberichte lassen auf skandalöse Umstände in den 60er und 70er Jahren schließen. Sogar Gerüchte über sexuellen Missbrauch stehen im Raum. FOTO: dpa / Jochen Lübke
Gerolstein. Mutmaßliche Misshandlungen im ehemaligen Internat „Albertinum“ liegen Jahrzehnte zurück — und sind doch präsent.

Als der Priester ihn aufruft, hat er einen Kloß im Hals. „Das Gedicht“, fordert der Mann. Doch der 13-Jährige kann es nicht aufsagen. Er hat die ersten Zeilen vergessen. Und er weiß, dass er dafür nicht ohne Strafe davonkommen wird.

Heute ist der Junge von damals 69 Jahre alt und lebt in der Eifel. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Die Internatsschüler wollen nicht auf das angesprochen werden, was ihnen in den Sechziger und Siebziger Jahren in der Bischöflichen Einrichtung widerfahren sein soll. „Ich habe damit abgeschlossen“: Es ist ein Satz, der in all diesen Gesprächen fällt. Und doch brechen sie ihr Schweigen.

Jahrelang genoss das Internat in der Vulkaneifel einen guten Ruf. Eltern aus der gesamten Region schickten ihre Kinder in die Bischöfliche Einrichtung. Ihre Jungen sollten von den Priestern „Zucht und Ordnung“ lernen. Doch mit Erziehung habe das, was im Albertinum passiert sei, nichts zu tun gehabt. Vielmehr „mit psychischer und physischer Folter“, wie es ein Ehemaliger ausdrückt. Gewalt sei an der Tagesordnung gewesen: „Wer in der Nase gebohrt hat, bekam eine Ohrfeige mit drei Fingern. Wer sich nicht an die Ruhe im Silentium hielt, wurde an den Schläfenhaaren nach oben gezogen.“ „Die Priester waren Sadisten“, bewertet der 69-Jährige die Zustände heute: „Es ging ihnen um Qual, nicht um Sanktion.“



Auch Gerüchte über sexuellen Missbrauch machten lange die Runde und wurden auch vor wenigen Jahren noch in einem Internetforum von mutmaßlichen Betroffenen diskutiert. Warum drang Jahrzehnte lang nie etwas an die Öffentlichkeit? Warum hat sich das Bistum Trier, als Träger des Internats, nie zu den Vorfällen geäußert? Erst auf Anfrage unserer Zeitung gibt die Sprecherin zu, dass die die Vorwürfe gegen den ehemaligen Leiter der Einrichtung und einen weiteren Priester ihr schon seit acht Jahren bekannt sind.

Inzwischen ist das Albertinum längst geschlossen. Das Gebäude im Schatten der Gerolsteiner Dolomitenfelsen steht seit Jahren leer.

 1945 erhielt der damalige Kaplan von Daun vom Regens des Bischöflichen Priesterseminars Trier den Auftrag, ein Internat zu errichten. 1946 ziehen die ersten Kinder ein, schlafen in dreistöckigen Betten, sitzen im Unterricht auf Kisten.

 Kein Wunder, dass es unter den Pubertierenden häufig zu Streit kommt. „Teilweise zu Prügeleien und Messerstechereien“, wie ein Ehemaliger erzählt: „Wenn du überleben wolltest, musstest du entweder ein Gruppentier sein oder dich als einsamer Wolf durchschlagen.“ Wer den Worten des Mannes lauscht, könnte meinen, er spreche über ein Gefängnis, nicht über ein Internat. Und so nannten die jungen Männer das Albertinum ja auch: „Knast.“

Und wenn das Albertinum ein Knast war, dann war der Direktor der Oberaufseher. „Er war ein Mann wie ein Baum, etwa ein Meter neunzig groß und kräftig“, so beschreibt einer der Internatsschüler den ehemaligen Leiter. Von Betroffenen wurden vor allem ihm Misshandlungen vorgeworfen. Auch davon will das Bistum erst 2010 erfahren haben. Also drei Jahre nach dem Tod des Pfarrers, der im Alter von 68 Jahren starb. Sanktionen musste der mutmaßliche Täter daher sein Leben lang nicht fürchten. Im Nachruf heißt es, er sei ein „liebenswerter Mensch“ gewesen.

Was mit dem zweiten mutmaßlichen Täter passiert ist, liegt im Dunkeln. Der ehemalige Oberpräfekt des Albertinums soll die jungen Männer ebenfalls misshandelt haben. „Von uns ließ er sich Plato nennen, der Gerechte“, sagt einer der Internatsschüler. Der Oberpräfekt habe die Kinder mit dem Rohrstock geschlagen, ihnen Kopfnüsse verpasst. Heute kann auch die Staatsanwaltschaft Trier keine Auskunft darüber geben, ob der Mann sich für die Vorwürfe vor Gericht hat verantworten müssen. Die Akten seien gelöscht.

Nicht gelöscht sind allerdings die Erinnerungen der Bewohner. „Vieles, was in meinem Leben schief gelaufen ist, habe ich dem Albertinum zu verdanken“, ist sich einer der Befragten sicher. Eine Entschädigung habe er vom Bistum Trier nicht gefordert: „Ich lechze nicht danach, die Vergangenheit aufzurechnen.“ So scheint es den meisten Betroffenen zu gehen. Nur eine einzige Person bekam 2011 eine Entschädigung. Sonst habe sich niemand gemeldet.