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Halsbandsittiche
Die kleinen, grünen Schreihälse

Zwei wildlebende Halsbandsittiche streiten sich in einem Park um Vogelfutter.
Zwei wildlebende Halsbandsittiche streiten sich in einem Park um Vogelfutter. FOTO: Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa
Mainz/Zweibrücken. Sie sind klein, auffallend gekleidet und manchmal ebenso auffallend laut: Halsbandsittiche sind in der Region längst angekommen – auch in Zweibrücken. Heimische Arten gefährden sie damit nicht, beruhigen Vogelkundler.

(dpa) „Auf dieser Platane haben 1976 die ersten Halsbandsittiche gebrütet“, erklärt Detlev Franz mit leichtem Stolz in der Stimme und zeigt auf einen kahlen Baum am Wegesrand. Um ihn herum in Wiesbaden im Biebricher Schlosspark wirkt alles grau: Nebel, Nieselregen, in der Ferne dampft der Weiher vor sich hin. Plötzlich durchbricht ein heller Schrei die Stille und zwei grüne Papageien lassen sich auf einem der Bäume nieder. Hobby-Ornithologe Franz zückt sogleich seine Kamera. „Ein Pärchen“, sagt er, „wie schön.“

Franz mag die kleinen Schreihälse. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich schon mit ihnen. Gut 3500 Sittiche, schätzt der Papageien-Experte, haben sich insgesamt zwischen Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Ingelheim und Rüdesheim niedergelassen. Auch in Zweibrücken gibt es eine Kolonie, die sich vor einigen Jahren vor allem in der Gestütsallee (in dem Abschnitt, der an die Schließ angrenzt) angesiedelt hat. Wie sie in die Region gekommen sind, weiß heute niemand mehr. Laut Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn waren die Vögel in den 60er Jahren Teil des Kölner Zoos. Von dort könnten sie entwischt sein.

Beschwerden von Anwohnern über das Geschrei oder den Kot der Vögel seien nicht bekannt, erklärt eine Sprecherin der Stadt Wiesbaden. Gelegentlich komme es vor, dass Sittiche in Löchern wärmegedämmter Fassaden brüten. „Diese Löcher werden in der Regel von Spechten geklopft und dann mitunter von anderen Vögeln besetzt“, so die Sprecherin.



Bruthöhlen kann Psittacula krameri gar nicht genug haben. Das Männchen muss dem Weibchen nämlich am besten gleich mehrere Höhlen präsentieren. Erst dann entscheide es sich, wo gebrütet wird, berichtet der Biologe Stefan Nehring. Er betreut beim BfN die „gebietsfremden Arten“.

Das Amt stuft die ursprünglich aus Afrika und Asien stammenden Sittiche nur als „potenziell invasiv“ ein. Denn im Gegensatz zu den invasiven Arten, bei denen belegt sei, dass sie die heimische Fauna oder Flora gefährden, fehlten beim Halsbandsittich stichhaltige Beweise. „Gegen eine Gefährdung spricht, dass der Halsbandsittich früh im Jahr brütet“, verdeutlicht Nehring. „Danach könnten andere Vögel die Höhlen für sich nutzen.“

Auch die Europäische Union hat sich 2014 der invasiven Arten angenommen und eine Verordnung erlassen, die es ermöglichen soll, entsprechende Tiere im EU-Gebiet früh zu erkennen und einzugreifen. Die „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ legt für die gelisteten Arten ein Verbot unter anderem von Einfuhr, Haltung und Zucht fest. In der im vergangenen Jahr aktualisierten Version fehlt der Sittich. Die Mitgliedsstaaten können jederzeit neue Vorschläge bei der EU einreichen, erläutert Nehring. „Wir empfehlen aber weiterhin, den Halsbandsittich nur zu beobachten“, sagt er.

Auf der Mainzer Rheinseite habe die Studentin Aline Friedrich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit vor drei Jahren 41 vom Halsbandsittich belegte Bruthöhlen ermittelt, berichtet Michael Schmolz, Geschäftsführer der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. „Insgesamt gab es in den 13 untersuchten Parks jedoch 363 potenzielle Höhlen in 225 Bäumen“, fasst Schmolz zusammen. „Die Nisthöhlen sind also sicherlich nicht ein limitierender Faktor oder ein Konkurrenz-Engpass.“ Inzwischen gehe man von etwa 50 Brutpaaren in Mainz aus, in ganz Rheinland-Pfalz seien es um die 300.

Dass sich manche Anwohner über das Geschrei der Vögel beschweren, findet Schmolz traurig. „Natürliche Geräusche werden mittlerweile als störend empfunden, aber gegen die knatternde Harley vor der Haustür sagt keiner was.“

Die Zahl der Halsbandsittiche habe zwar in den vergangenen Jahren zugenommen, aber nur ein kleiner Teil brüte in Mainz, erklärt Ralf Peterhanwahr, Pressesprecher der Stadt. „Überwiegend nutzen sie Mainz nur zur Nahrungssuche und fliegen zum Schlafen beispielsweise nach Wiesbaden“, sagt Peterhanwahr.

Obwohl er ein Pflanzenfresser ist, hinterlässt der Halsbandsittich nach Angaben des Grün- und Umweltamtes der Stadt keine Schäden an den Bäumen und Pflanzen. „Entsprechend geht die Stadtverwaltung nicht gegen sie vor“, stellt der Pressesprecher klar.

Detlev Franz will in Zukunft seine Faszination für die Piepmätze weitergeben. Für das Frühjahr sei etwa geplant, Exkursionen durch den Schlosspark zu organisieren. „Vielleicht begreift die Stadt die Sittiche bald als Chance und bindet sie in ihr Marketing ein“, hofft Franz.

(dpa)