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Gefahr unberechenbar
Die Angst vor dem nächsten Unwetter

  Feuerwehrleute pumten im Sommer einen Keller in Trier leer. Ein heftiges Unwetter war über die Region hinweggefegt und flutete zahlreiche Straßen.
Feuerwehrleute pumten im Sommer einen Keller in Trier leer. Ein heftiges Unwetter war über die Region hinweggefegt und flutete zahlreiche Straßen. FOTO: dpa / Harald Tittel
Konz. Unberechenbar ist die Gefahr. Und wegen des Klimawandels nimmt sie zu: Starkregen lässt sich nicht verhindern. Aber machtlos gegen die Schäden sind Städte und Gemeinden nicht.

Starkregen kann jeden Ort treffen. Es gibt so gut wie keine Vorwarnungszeit. Und die Schäden sind enorm. Etliche Kommunen in Rheinland-Pfalz und im Saarland haben genau dies in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen. Riesige Wassermassen kamen von jetzt auf gleich: Häuser wurden geflutet, Straßenzüge meterhoch überschwemmt, Autos weggerissen. „Im Rahmen des Klimawandels geht man davon aus, dass es künftig noch häufiger Starkregen-Ereignisse geben wird“, sagt Geografin Rita Ley vom Internationalen Betreuungszentrum für Hochwasserpatenschaften (HPI) in Konz bei Trier.

Umso wichtiger, dass sich Gemeinden daher auf Starkregen vorbereiten. Ley und ihr Kollege Christof Kinsinger beraten im Auftrag der Länder Rheinland-Pfalz und Saarland Kommunen bei der Aufstellung von Vorsorgekonzepten für Starkregen. In Rheinland-Pfalz seien bereits 700 von insgesamt 2300 Gemeinden mit Konzepten „unterwegs“: In der Vorbereitung, bei der Erstellung oder schon fertig, sagt Ley. Im Saarland, fügt Kinsinger hinzu, habe schon die Hälfte der 52 Kommunen Konzepte auf den Weg gebracht oder Interesse daran bekundet.

„Wir kümmern uns hauptsächlich um Ereignisse mit mindestens 40 Litern pro Quadratmeter in der Stunde“, sagt Ley. „Sie kommen mit heftigen Schäden.“ Nach einer Untersuchung des Deutschen Wetterdienstes und des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft gab es bundesweit in den vergangenen 18 Jahren 11 000 Starkregen-Ereignisse, die meisten davon 2018. Der dadurch insgesamt entstandene Schaden an Wohngebäuden belaufe sich auf 6,7 Milliarden Euro, hieß es.



2019 hatte vor allem Trier-Olewig nach extremen Niederschlägen mit überschwemmten Straßen und Häusern zu kämpfen. 2018 waren viele Gemeinden schwer getroffen: Beispielsweise Herrstein und Fischbach im Naheland, Dudeldorf, Lünebach in der Eifel, Bliesransbach, Kleinblittersdorf und St. Ingbert im Saarland – sowie etliche Orte in Rheinhessen und der Pfalz.

Ziel der Vorsorgekonzepte sei „eine Minimierung von Schäden“, sagt Kinsinger aus dem saarländischen Püttlingen. Er und Kollegin Ley werben bei Sitzungen der kommunalen Räte vor Ort, solche Konzepte bei Ingenieurbüros in Auftrag zu geben: 90 Prozent der Kosten würden von den Ländern übernommen.

Solch ein Konzept könne beispielsweise Notabflusswege ausweisen, die das Wasser möglichst schadlos durch eine Ortschaft führen, sagt Ley. Etwa durch den Bau einer Palisadenwand. Zudem gehe es um den Schutz privater und öffentlicher Gebäude. Oder um Vorschläge für die Ausrüstung der Feuerwehr und künftiges „hochwasserangepasstes Bauen und Planen“. „Es gibt keine Nullachtfünfzehn-Lösung, die für alle gilt. Jeder Ort ist anders“, sagt sie.

Was viele private Hausbesitzer nicht wüssten: „Grundsätzlich ist es so, dass jeder für sein eigenes Hab und Gut Vorsorge betreiben muss.“ Wichtig sei zum Beispiel der Einbau von Rückschlagklappen, die bei steigendem Wasserdruck in der Kanalisation verhindern würden, dass das Wasser über Toilette und Waschbecken ins Haus fließe. Zudem sollten Kellerschächte besser geschützt werden.

Ein Konzept erstellen zu lassen dauere ein bis eineinhalb Jahre. Dann folge die Umsetzung. „Das ist das Wichtigste. Das Konzept ist noch kein Schutz“, sagt Ley. Für diese Maßnahmen gebe es auch Fördertöpfe und „Lotsen“, die den Gemeinden zur Seite stünden, erklärt Kinsinger. „Die Umsetzung dieser Konzepte ist fast eine Generationenaufgabe.“ Dazu gehöre auch, dass Kommunen teils Evakuierungspläne erstellten. Weit vorangeschritten mit ihren Konzepten seien im Saarland beispielsweise Riegelsberg, in Rheinland-Pfalz Zweibrücken.

Das Betreuungszentrum in Konz ist aus einem Interreg-Projekt hervorgegangen. Es ist in Rheinland-Pfalz auch unter dem Namen Informations- und Beratungszentrum Hochwasservorsorge bekannt.

Mit im Fokus der Konzepte steht auch immer der Vorsorge-Aspekt gegen Hochwasser. „Da gibt es unbedingt einen Bedarf“, sagt Kinsinger, der auch das „Risiko-Bewusstsein“ aufrechterhalten will. Denn bei entsprechenden Niederschlägen könnte es sein, dass man an Mosel und Saar eines Tages wieder mit einem größeren Hochwasser rechnen müsse. „Wann, weiß keiner. Man darf sich aber nicht in Sicherheit wiegen.“ Starkregen gebe es in der Regel im Sommerhalbjahr, Flusshochwasser im Winter.