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Kandel trauert um 15-jährige Mia
„Der Schmerz ist unermesslich“

Hunderte Menschen besuchten gestern in der Kandeler St. Georgskirche einen öffentlichen Trauergottesdienst für ein 15-jähriges Mädchen, das Ende Dezember 2017 in einem Drogeriemarkt in dem Ort erstochen wurde.
Hunderte Menschen besuchten gestern in der Kandeler St. Georgskirche einen öffentlichen Trauergottesdienst für ein 15-jähriges Mädchen, das Ende Dezember 2017 in einem Drogeriemarkt in dem Ort erstochen wurde. FOTO: Uli Deck / dpa
Kandel. Schwere Stunden in Kandel: Bei einem Trauergottesdienst haben gestern viele Menschen der im Dezember getöteten 15-jährigen Mia gedacht. Der Pfarrer findet Worte des Trosts. Aber so mancher Zeitgenosse ist unversöhnlich.

Ein Ort trauert. Gut zwei Wochen nach dem gewaltsamen Tod der 15-Jährigen in Kandel sind gestern mehrere Hundert Menschen in die St. Georgskirche gekommen, um Abschied von dem Mädchen zu nehmen. Es sind Verwandte, Bekannte und Freunde oder einfach nur Bürger des Ortes, die gefasst oder mit Tränen im Blick das Foto von Mia neben dem Altar betrachten. Ein freundliches Mädchen, das nun auf dem Kandeler Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Pfarrer Arne Dembek spricht aus, was viele denken: „Fassungslos stehen wir da und begreifen, wie ohnmächtig wir sind“. Er hat das Mädchen vor nicht einmal zwei Jahren konfirmiert.

Aber Dembek scheint nicht verloren inmitten des Schmerzes und der Seelen-Pein, die ihn umgeben. In klaren Worten schafft der 42-Jährige es, auf die Gefühle der Eltern einzugehen, an das Mädchen zu erinnern – und vor der negativen Kraft von Vorurteilen zu warnen. Das scheint in diesen Tage besonders wichtig in Kandel, wo nach dem Tod der 15-Jährigen eine Flut von Hassbekundungen und Drohungen über Menschen hereingebrochen ist, die sich mit Flüchtlingen befassen. Denn Mia soll durch die Hand eines Flüchtlings gestorben sein – eines jungen Afghanen, mit dem sie bis wenige Wochen vor der Tat zusammen war.

In warmen Worten spricht Dembek von dem Mädchen, das immer seinen eigenen Kopf gehabt, das die Eltern furchtlos und schwindelfrei auf die österreichischen Berge begeleitet habe und das Tiere geliebt habe. Mia habe klar und ehrlich zu sich und anderen sein können, ein verschmitztes Lächeln und ein ansteckendes Lachen gehabt. Sie war auf einer neuen Schule, schrieb gute Noten. „Es hätte nicht mehr lange gedauert, und sie wäre ihre eigenen Wege gegangen – eine starke, junge Frau, der Stolz der Eltern. Es ist anders gekommen“, sagt der Geistliche in Richtung der Verwandten. „Der Schmerz ist unermesslich.“



Mia sei so viel mehr gewesen als das Opfer eines Verbrechens. Sie habe das Leben bereichert. „Das ist Mias Geschenk an Sie“, sagt der Pfarrer. „Und wenn der Schmerz übermächtig zu werden droht, halten Sie sich fest an dem, was Mia Ihnen gegeben hat.“ Für einen Jugendlichen ist das zu viel. Der Junge in Jeans und Bomberjacke schluchzt wild und wird aus dem Kirchenraum geführt. Dort hat sich, gut sichtbar an der Tür, auch der rheinland-pfälzische AfD-Fraktionsvorsitzende Uwe Junge eingefunden. „Das gibt‘s doch nicht“, entfährt es einer Besucherin des Gottesdienstes bei seinem Anblick. Junge trägt sich später in das Kondolenzbuch ein.

Auch der Leiter von Mias neuer Schule, Rainer Sprotte, beklagt den Verlust. „Wir alle, die gesamte Region, hat ihr Gleichgewicht verloren und kann nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagt er. Mia sei bei ihren Mitschülern wegen ihrer ruhigen und freundlichen Art sehr beliebt gewesen. Sie war stellvertretende Klassensprecherin, fleißig und hilfsbereit. „Wir werden sie sehr vermissen“, sagt Sprotte.

Am Ende hat der Gottesdienst, in dem der Sänger Johann Günther unter anderem das Lied „Hallelujah“ vorträgt, manchem so etwas wie Trost gespendet. Es sei eine würdige und für viele befreiende Trauerrede gewesen, sagt ein 49-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen will. Doch nicht alle sind versöhnt. Auf der Hauptstraße des knapp 10 000 Einwohner zählenden Ortes sagt ein Passant auf die Frage nach seinen Gefühlen: „Das wollen Sie nicht wissen, was ich da sagen würde.“ Und nach einigem Zögern: „Alle Ausländer raus!“ Ein 60-Jähriger sagt, die Tat sei völlig inakzeptabel, aber: „Sowas passiert überall auf der Welt.“ Deutschland habe viele Waffen ins Ausland verkauft, auch deshalb gebe es viele Flüchtlinge. „Ein Thema, das man nicht in zehn Minuten diskutieren kann“, sagt er.

(dpa)