| 20:40 Uhr

Interview Waldemar Vogelgesang
„Die Hartnäckigkeit des Protests unterschätzt“

 Schüler demonstrieren Mitte Februar vor dem Mainzer Hauptbahnhof für wirksamen Klimaschutz und einen sofortigen Kohleausstieg. Das Thema Klimawandel treibt junge Menschen seit Monaten auf die Straßen.  Foto: Peter Zschunke/dpa
Schüler demonstrieren Mitte Februar vor dem Mainzer Hauptbahnhof für wirksamen Klimaschutz und einen sofortigen Kohleausstieg. Das Thema Klimawandel treibt junge Menschen seit Monaten auf die Straßen. Foto: Peter Zschunke/dpa FOTO: dpa / Peter Zschunke
Zweibrücken/Trier. Die Jugend und der Klimawandel: Der Soziologe analysiert den Wahlausgang und die Fehler der Volksparteien. Von Katharina De Mos

Von wegen Sicherheit und Soziales. Das Thema, das den Ausgang der Europa- und Kommunalwahlen in Deutschland mit am stärksten geprägt hat, ist der Klimawandel. Ein Thema, das besorgte junge Menschen seit Monaten auf die Straße treibt. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit dem  Soziologen Waldemar Vogelgesang darüber gesprochen, was die Jugend bewegt – und was die etablierte Politik falsch macht.

Herr Vogelgesang, hat die Jugend die Wahlen entschieden?

WALDEMAR VOGELGESANG Die vorliegenden Daten lassen keinen Zweifel daran, dass Jugendliche und junge Erwachsene massiv Einfluss genommen haben – nicht nur in Deutschland. Die Zuwächse bei den europäischen grünen Parteien gehen vor allem auf die gestiegene Zustimmung der unter 30-Jährigen zurück. Je nach Land liegen die Werte zwischen 30 und 40 Prozent. Bei den großen Volksparteien ist dagegen ein weiterer Vertrauensverlust auf Seiten der jungen Generation zu beobachten.



Was machen die „alten Volksparteien“ falsch?

VOGELGESANG Ganz offensichtlich fällt es ihnen immer schwerer, zu den Jugendlichen durchzudringen. An den wenig überzeugenden Reaktionen der meisten Parteien auf die Fridays for Future-Proteste lässt sich das sehr gut ablesen. Wie weit dabei die Verunsicherung reicht, zeigen die abwertenden und pauschalisierenden Kommentare vieler CDU-Politiker auf das Video des YouTubers Rezo. Ihn wegen der zugegeben sehr plakativen Darstellung vieler Themen in die Nähe der AfD zu rücken, verkennt die fatale Wirkung, die so ein Vergleich auf Jugendliche hat, die dieses Polit-Video unmittelbar vor der Europawahl millionenfach geklickt haben.

Was wäre eine gute Reaktion gewesen?

VOGELGESANG Es wäre sinnvoll, die Sprachrohre der jungen Generation auf die klassische politische Bühne einzuladen, ihnen Rederecht einzuräumen und sich auf sie einzulassen. Das kann im Kleinen beginnen und auf Bundesebene enden.

Ist die Jugend politischer geworden?

VOGELGESANG Mich überraschen die massiven Proteste der jugendlichen Klimaaktivisten nur zum Teil. Denn seit Jahren ist in den Ergebnissen von Jugendbefragungen ein Anstieg des politischen Interesses festzustellen. Wer der Jugend Politikverdrossenheit unterstellt, verkennt die Vielfalt und Kreativität politischer Beteiligungsformen – und auch die ethisch-moralische Ausrichtung junger Menschen. Bemerkenswert ist allerdings, dass Handeln und Teilhabe sich nicht mehr nur auf das unmittelbare räumliche Umfeld beschränken, sondern globaler und internationaler werden. In den jugendlichen Umwelt- und Klimaprotesten, die mittlerweile weltweit stattfinden, zeigt sich eine existenzielle Zukunftsangst, wie sie in Sprechchören lautstark skandiert wird: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut.“

Ist dieser Protest ein Strohfeuer – oder wird er von Dauer sein?

VOGELGESANG Die jungen Leute sind politisch und sie bleiben politisch. Da können Sie ganz sicher sein. Die Klimakrise hängt wie ein Damoklesschwert über ihrer Zukunft, und das können sie nicht wegblenden. Man hat die Hartnäckigkeit des Protests unterschätzt.

Was unterscheidet diese jungen Leute von den Gelbwesten oder der Anti-Atom-Bewegung?

VOGELGESANG Was hier passiert, ist etwas Einmaliges. Die Gelbwesten bleiben unter sich. Im Falle der Klimabewegung bilden sich aber neue Unterstützergruppen: Senioren schließen sich an oder Wissenschaftler – die Scientists for Future. Und beim Blick in die 80er wird deutlich: Ohne das Internet sind massenhafte Proteste heute nicht mehr vorstellbar. Die Generation der Digital Natives hat dies früh erkannt.

Welche Rolle spielt jemand wie Greta Thunberg?

VOGELGESANG Sie ist durch ihren Schulstreik in weniger als einem halben Jahr zur Vorreiterin einer weltumspannenden Jugendbewegung für mehr Klimaschutz geworden. Neben ihr gibt es aber weitere Jung-Aktivisten, die zu politischen Symbolfiguren im Kampf gegen Umweltzerstörung und Erderwärmung geworden sind. Zu nennen ist etwa Felix Finkbeiner und die von ihm mitgegründete Initiative „Plant-for-the-Planet“, die schon seit mehreren Jahren dafür wirbt, Bäume für den Klimaschutz zu pflanzen.

Wie ernst sollte die Politik die Anliegen der Jugendlichen nehmen?

VOGELGESANG Sehr ernst. Sie mahnen mit ihren Protestaktionen an, dass die größte Gefährdung, mit der die Menschen weltweit heute konfrontiert sind, eine irreversible Schädigung der Biosphäre durch die Erderwärmung ist. Sie fordern – und leben – radikale Veränderungen, die von ethischem Konsum über umweltschonende Mobilitätsformen bis zu transnationaler Zukunftsverantwortung reichen. Auch wenn dabei ihre Vorstellungen zur Eindämmung des Klimawandels bisweilen Züge eines moralischen Rigorismus annehmen, so zeigt sich darin letztlich auch ein tiefgreifender Generationenkonflikt („Ihr verbrennt unsere Zukunft!“).  Das von Generation zu Generation weitergegebene Versprechen, dass es die Kinder einmal besser haben sollen, scheint angesichts des drohenden Klimawandels und seiner dramatischen Folgen nicht mehr einlösbar.

Ist das Klima denn der ganzen Jugend wichtig? Oder nur einer kleinen, lauten Gruppe aus gutem Hause?

VOGELGESANG Immer wieder taucht die Frage auf, ob die Jugendlichen, die freitags für das Klima auf die Straße gehen, die Stimme einer ganzen Generation sind oder lediglich eine kleine Gruppe verwöhnter Bürgerkinder repräsentieren. Der Protestforscher Dieter Rucht hat dazu jüngst jugendliche Teilnehmer der Fridays for Future-Bewegung befragt und herausgefunden, dass rund 70 Prozent aus der Mittelschicht stammen und über ein Drittel die Grünen präferiert. Daraus darf aber nicht abgeleitet werden, dass sich Kinder aus unteren Schichten nicht für Klimaschutz interessieren oder sie im Gegenteil sogar ablehnen. Denn über 90 Prozent erachten den Ausbau von erneuerbaren Energien für wichtig. Damit verbundene finanzielle Mehrbelastungen müssen aber auch für ärmere Schichten bezahlbar sein. So sprach sich ein Großteil der jugendlichen Befragten dafür aus, dass die Energiewende auch gerechter finanziert werden muss. Die Jugendlichen fordern also, die ärmeren Schichten bei Lösungen  stärker in den Blick zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel wird so auch zu einer sozialen Frage. Gleichzeitig verdeutlicht diese Einstellung nochmals mit Nachdruck, wie umfassend das Leben der heutigen jungen Generation politisiert ist.