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Stressforschung
Die Widerstandskraft der Seele verstehen

 Beat Lutz (Foto) vom Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz beschäftigt sich mit zellulären Abläufen im Gehirn. Dazu gehört die Frage, wie das Gedächtnis funktioniert und wie der Körper Stress verarbeitet.
Beat Lutz (Foto) vom Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz beschäftigt sich mit zellulären Abläufen im Gehirn. Dazu gehört die Frage, wie das Gedächtnis funktioniert und wie der Körper Stress verarbeitet. FOTO: dpa / Peter Zschunke
Mainz/Berlin. Für das Deutsche Resilienz-Zentrum in Mainz könnte dieses Jahr das wichtigste seit der Gründung 2014 werden. Alle Voraussetzungen sind gegeben, um das Institut in die Leibniz-Gemeinschaft aufzunehmen.

(dpa) Stress kann krank machen – aber andere Menschen kommen erstaunlich gut damit zurecht. Die Wurzeln dieser als Resilienz bezeichneten Widerstandskraft der Seele erkunden Forscher am Deutschen Resilienz-Zentrum (DRZ) in Mainz. Viereinhalb Jahre nach seiner Gründung hat das Institut gute Chancen für die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft – und damit für die wissenschaftliche wie finanzielle Weiterentwicklung.

Derzeit gebe es keine anderen vergleichbar gebündelten Strukturen für die Resilienzforschung auf deutscher oder europäischer Ebene, befand der Wissenschaftsrat, der Bund und Länder in Hochschulfragen berät. Nach dessen Empfehlung für eine Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft muss noch die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern entscheiden, ob sie das DRZ in die gemeinsame Förderung aufnehmen wird – die nächste Sitzung ist am 3. Mai. Den förmlichen Schlusspunkt könnte dann die Mitgliederversammlung der Leibniz-Gemeinschaft am 28. November mit dem Beschluss der Aufnahme setzen, voraussichtlich zum 1. Januar 2020.

Das DRZ habe sich „in kurzer Zeit zum Leuchtturm-Projekt der rheinland-pfälzischen Wissenschaftslandschaft entwickelt“, sagt Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD). Mit neuen Forschungsansätzen zu Mechanismen der seelischen Widerstandskraft könnten Methoden und Strategien entwickelt werden, die Menschen in Krisen- und Stresssituationen helfen.



„Mit der Empfehlung des Wissenschaftsrats zur Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft ergeben sich für das Institut sowohl inhaltlich als auch strukturell hervorragende Perspektiven“, sagt DRZ-Geschäftsführer Klaus Lieb. „Es wird dem Institut möglich werden, die für das Verständnis von Resilienz wichtigen Langzeitstudien durchzuführen, die über viele Jahre angelegt sind.“ Solche Studien fragen etwa danach, warum Stressbelastungen von manchen Menschen resilient bewältigt werden können, von anderen hingegen nicht. Auch werde es möglich sein, Modellsysteme zur neurobiologischen Erforschung der Resilienz aufzubauen.

Mit zellulären Abläufen im Gehirn beschäftigt sich der DRZ-Geschäftsführer und Neurobiologe Beat Lutz. Dazu gehört die Frage, wie das Gedächtnis funktioniert und wie der Körper Stress verarbeitet, und ob diese Prozesse in resilienten Organismen anders verlaufen als in nicht-resilienten. Auch in Tierversuchen – etwa mit einem Zebrafisch, der simulierten Vogelangriffen ausgesetzt wird – kann untersucht werden, ob einzelne Gene, neuronale Netzwerke oder bestimmte Neurotransmittersysteme Resilienz unterstützen. Solche Systeme arbeiten mit Botenstoffen, die an den Synapsen, also an neuronalen Schnittstellen, Erregungen von einer Nervenzelle auf andere übertragen.

Von einer Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft erwartet DRZ-Geschäftsführer Lieb eine deutliche Stärkung des Wissenschaftsstandorts Mainz und seiner Gesundheitsforschung. Dabei nannte er insbesondere Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen an der Universitätsmedizin und Universität Mainz sowie die Netzwerkbildung mit nationalen und internationalen Partner, etwa in Nijmegen, Boston, Zürich oder Tel Aviv.

Der Senatsausschuss der Leibniz-Gemeinschaft für strategische Vorhaben befand bereits im Sommer vergangenen Jahres, das DRZ passe exzellent zu bereits bestehenden Schwerpunkten. Dabei wurde auch auf eine bereits begonnene Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Forschungsinstitut des Römisch-Germanischen Zentralmuseums hingewiesen. Mögliche Anknüpfungspunkte gebe es auch mit dem Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg oder mit dem Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund, sagte ein Sprecher der Leibniz-Gemeinschaft.

Der Anspruch der Resilienz-Forscher geht über Grundlagenforschung hinaus. „Wir möchten dazu beitragen„, sagt Professor Lieb, „Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen zu verhindern, die zu großem Leid bei Betroffenen führen und häufig schwer zu behandeln sind.“