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Wie es ist, einen schwulen Vater zu haben
„Der Papa ist der Papa“

 Die Interviewpartner Carmen und ihr Vater Rainer bleiben auf Wunsch anonym. Weil Homosexualität in Teilen der Gesellschaft noch ein Tabu ist, ist es nicht immer einfach für die beiden, mit ihrer Situation umzugehen.
Die Interviewpartner Carmen und ihr Vater Rainer bleiben auf Wunsch anonym. Weil Homosexualität in Teilen der Gesellschaft noch ein Tabu ist, ist es nicht immer einfach für die beiden, mit ihrer Situation umzugehen. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Rainer ist Carmens Vater – und er ist schwul. Was macht das mit seiner Tochter? Und wie geht der 64-Jährige selbst damit um? Von Ilka Desgranges

Carmen (38) und Rainer (64) verstehen sich sehr gut. Carmen und Rainer sind Tochter und Vater. Rainer ist schwul.

Gemeinsam hörten sie zu, als beim Christopher-Street-Day im Sommer auf einer Bühne in der Saarbrücker Mainzer Straße homosexuelle Männer die Medien kritisierten. Sie würden zu wenig berichten. Sie erführen zu wenig, entgegneten die Journalisten. Carmen griff zum Mikrofon und bot in aller Öffentlichkeit ein Gespräch über sich und ihren homosexuellen Vater an. Rainer stand daneben. Es dauerte eine Weile, dann traf man sich in der Redaktion.

Eigentlich wollte sie eines ihrer beiden Kinder zum Gespräch mitbringen, entschied sich dann aber die elfjährige Tochter zu schützen. Deshalb mochte sie auch ihren Nachnamen nicht nennen und als Wohnort nur eine mittelgroße Stadt im Saarland erwähnt wissen. Rainer lebt in einem kleinen Dorf. Carmen kam „der Liebe wegen“ vor zehn Jahren ins Saarland, der Vater folgte vor einem Jahr. Jetzt sind sie sich auch räumlich wieder nahe.



Rainer möchte eigentlich nur zuhören, denn „das ist in erster Linie Carmens Geschichte“. Sie begründet ihren Schritt an die Öffentlichkeit damit, dass es zu wenig Toleranz gebe. „Die Welt sieht nicht so aus, wie ich sie gerne hätte.“ Homosexualität werde noch immer als Skandal begriffen.

Dann will Rainer doch reden. Er erzählt, dass er Krebs hatte, dass seine Frau, Carmens Mutter, ein Verhältnis mit seinem besten Freund hatte, dass nach der Scheidung die beiden Töchter seiner Frau zugesprochen worden waren. Das war 1994. Ein Jahr später hat er Mark kennengelernt, mit dem er sieben Jahre zusammengelebt hat. Dann das ihm bekannte Muster. Mark hat ihn betrogen, sie trennten sich. Seitdem lebt Rainer alleine. Und spricht davon, dass es in seinem Leben zwei große Lieben gab: seine Frau und Mark.

Rainer erzählt leise, fast beiläufig. Als er Mark kennenlernte, sagt er, habe er sich gefühlt wie in einer zweiten Pubertät. Und er war völlig überfordert. Der Werbeleiter in einem Lebensmittelkonzern im Münsterland verlor seine Arbeit. Rainer sagt: „Ich wurde rausgemobbt.“ Psychisch war das eine Katastrophe, erinnert er sich. Nach dem Arbeitsplatz war bald auch das Haus weg.

Schmerzhaft sei sein Leben damals gewesen, turbulent. Er führt das gar nicht mal alleine auf seine Homosexualität zurück. Manchmal tue das Leben halt weh.

Und Carmen, die Tochter? „Mein Papa ist mein Papa“, sagt sie. Doch sie litt damals als Kind „unter der unglaublichen Sensationsgier der Menschen um mich herum“. Sie habe immer gesagt: „Na und, mein Papa ist schwul, das interessiert mich nicht.“

Mit 15 Jahren ist sie dann zu Rainer gezogen, weil sie sich nicht mit der Mutter verstand. Sie habe, sagt sie, früh gelernt zu überlegen, wem sie etwas erzählt. Von Misstrauen spricht sie nicht.

Carmens Tochter und Sohn wissen, dass Rainer homosexuell ist. Während die Tochter sagt: „Mein Opa ist mein Opa“, finden die Großeltern väterlicherseits es eher merkwürdig.

Carmen erkennt Vorbehalte schnell. Es sind oft Kleinigkeiten, die darauf hindeuten, sagt sie. Das Zucken der Augenbraue, das Verändern des Tonfalls. Aber: „Ich musste meinen Vater nie beschützen; er ist stark genug.“ Man glaubt es ihr. Doch: Sollten nicht ohnehin die Eltern die Kinder beschützen?

Rainer erzählt noch immer. Er hat seinen ruhigen Tonfall beibehalten. Auch als er diese Begebenheit erwähnt: Er habe als Pfleger gearbeitet und ein rosa T-Shirt getragen. Anmerkung eines Patienten: „Ach, heute ganz schön schwul.“ Wenn man sich nach Jahren noch daran erinnert, hat es ja vielleicht doch geschmerzt.

Schlimmer war wohl, dass die Ex-Frau die Wut über die Situation nicht in den Griff bekam und bei den Kindern gegen ihn gehetzt hat.

Rainer erinnert sich: „Als Carmen noch bei ihrer Mutter lebte, mussten wir umeinander kämpfen.“ Erst als Carmen zu Rainer gezogen war, konnten sie damit aufhören.

Damals ging es ihm psychisch schon besser, da er nach dem Outing kein Versteckspiel mehr spielen musste. Er bedauere es zutiefst, sagt Rainer, dass noch immer 15 Prozent der Jugendlichen, die vor einem Outing stehen, in den Suizid gehen. Auch deshalb ist es Rainer wichtig, seine Lebensgeschichte öffentlich zu machen. Er ist sich sicher, dass es für die Betroffenen lebenswichtig ist, reden zu können.

Carmens Eindruck: Heute denken alle, sie seien doch so tolerant. Dabei werde alles enger und unterschwellig brodele es. „Wir wünschen uns“, sagt sie, „dass Homosexualität so normal ist wie die Auswahl des Brotaufstriches.“ Und sie betont: „Es geht um Liebe und um nichts anderes, Sexualität ist zweitrangig.“

Carmen und Rainer haben es geschafft, haben das Vertrauen zueinander behalten, obwohl ihre Lebensgeschichte gewaltig umgeschrieben wurde. Was sie zusammengehalten habe, sagt Carmen, sei unabdingbare Ehrlichkeit.

Für Rainer ist sein Leben mittlerweile „ein normales Leben“. Er wisse nicht, ob in seinem kleinen Dorf bekannt sei, dass er homosexuell ist. „Ich hänge das nicht raus.“ Falls es bekannt werden sollte, und die Dorfgemeinschaft sich für Ausgrenzung entscheiden sollte, weiß er schon wie er reagieren wird: „Damit kann ich gut leben.“

Und Carmen? Zunächst aufgewachsen in einer Familie wie es sie in Deutschland häufig gibt: Mutter, Vater, Kind(er). Dann mit dem homosexuellen alleinerziehenden Vater zusammengelebt, später kam die Schwester noch hinzu.

Man lebt damit, sagt sie. Und: „Es gibt Dinge, in die man hineinwachsen muss.“ Als Teenager war sie neugierig auf das neue Leben des Vaters. Sie begleitete ihn in Clubs, Diskotheken, zu Travestieshows. In eine neue, aufregende Welt. Aufregend vor allem, weil unbekannt.

Man weiß wenig von der queeren Gesellschaft. Queer? Für manche ein Schimpfwort für Lesben und Schwule. Für andere die Bezeichnung für alle, die nicht heterosexuell sind.

Carmen wünscht sich mehr als den Christopher Street Day einmal im Jahr, der noch dazu vor allem wegen der bunten Parade wahrgenommen wird. Regelmäßige Aktionen. Gruppen wie „Schwule and Friends, oder „In und out“. Gruppen also, die es anderswo gibt, aber nicht im Saarland.

Das klingt nach dem Wunsch nach mehr Selbstverständlichkeit. Vielleicht auch Einfachheit. Denn einfach kann es nicht sein, seine Kinder zu schützen, den Vater noch immer schützen zu wollen.

Als ihr Vater sich geoutet hat, hat er nicht nur sein Leben stark verändert. Auch Carmen verließ damals Vertrautes. Heute lebt sie wieder in der Familienkonstellation wie sie sie als Kind kannte: Mutter, Vater, Kinder. Rainer gehört dazu. Denn: „Der Papa ist der Papa. Und der Opa ist der Opa.“