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Städtepartnerschaft
Eine Städtepartnerschaft im Umbruch

 Impression aus Goshen City.
Impression aus Goshen City. FOTO: Elkhart County CVB
Bexbach. Gut 40 Jahre besteht die Partnerschaft zwischen den „Sister Cities“ Bexbach und Goshen. Lange war der Austausch sehr rege. Nun findet ein Personal- und Generationenwechsel statt. Von Jennifer Klein

7350 Kilometer liegen zwischen Bexbach und der amerikanischen Partnerstadt Goshen in Indiana. Das ist nicht gerade um die Ecke, nichtsdestotrotz besteht die Partnerschaft zwischen den beiden Städten seit 40 Jahren. Der runde Geburtstag 2019 ging im Wahljahr in Bexbach ein wenig unter – auf der anderen Seite des Atlantiks wurde die Verbindung zwischen den „Sister Cities“ immerhin mit einem „Bexbacher Schaufenster“ gewürdigt. Entstanden sind die freundschaftlichen Bande nach Goshen durch eine Vereinsbegegnung, erzählt Udo A. Wittmer, Mitbegründer des Vereins und damit „Urgestein“ der Partnerschaft.

Denn da hat Musik wahrlich Brücken geschlagen: Das Jugend-Akkordeonorchester unter Hilarius Zehrden knüpfte 1978 erste Bande nach Übersee. 1979 wurde dann offiziell der Partnerschaftsverein gegründet.

 Bettina Balzer pflegt heute noch eine enge Freundschaft mit ihrer Gastfamilie in Goshen.
Bettina Balzer pflegt heute noch eine enge Freundschaft mit ihrer Gastfamilie in Goshen. FOTO: Jennifer Klein


 Goshens Bürgermeister Jeremy Stutsman (l.) mit Udo A. Wittmer.
Goshens Bürgermeister Jeremy Stutsman (l.) mit Udo A. Wittmer. FOTO: U. Wittmer
 Petra Fess ist Vorsitzende des Bexbacher Partnerschaftsvereins.
Petra Fess ist Vorsitzende des Bexbacher Partnerschaftsvereins. FOTO: Stefan Holzhauser

Es folgten wechselseitige Besuche – Schüleraustausche von Schülern der damaligen Gemeinschaftsschule und der Waldorfschule sowie der High School in Goshen, Vereinsfahrten, Konzertreisen der Musikvereine, und sieben Bürgerreisen in die USA: Feste, Ausflüge und Begegnungen mit den Mitgliedern des Sister City Committees in Goshen, aber auch Aufenthalte in San Francisco, New Orleans, Gettysburg, Nationalparks standen auf dem Reiseplan.

 40 Jahre „Sister Cities“ – Jubiläumsfenster in Goshen.
40 Jahre „Sister Cities“ – Jubiläumsfenster in Goshen. FOTO: Udo Wittmer

Unser Goshen ist das in Indiana, im Elkhart County, rund 120 Meilen östlich von Chicago und 150 Meilen nördlich von Indianapolis“, stellt Wittmer klar, im Hinblick darauf, dass es mehrere Orte dieses Namens in den USA gibt. „Wahrzeichen der auch als ‘Maple City’ bekannten Stadt ist der Ahorn-Baum, der überall zu finden ist. Goshen ist vor allem bekannt als Zentrum der Caravan- und Trailerherstellung“, so Wittmer. Auch ein Berührungspunkt zu Bexbach, dem Standort der Campingmesse. In Goshen findet alljährlich im Sommer die Elkhart County 4-H Fair statt, eine riesige Messe, mit Galaabend, Autoschau, Rodeo, Vergnügungspark und Konzerten, die rund 200 000 Besucher anlockt.

Der Name Goshen ist wohl biblischen Ursprungs: Demnach wurde im alten Ägypten das Land Goshen, im Osten des Nil-Deltas gelegen, den Hebräern gegeben, an Jakob und seine Nachkommen. Geradezu biblische Bilder kann man auch heute noch sehen, denn Goshen liegt zwischen zwei Siedlungsgebieten der Amish People. Der Name der Glaubensgemeinschaft leitet sich von ihrem Gründer Jakob Ammann (1644 bis 1730) ab. Die „Amischen“ haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung, die vor allem in der Schweiz und in Süddeutschland populär war. Viele wanderten in die USA aus und gründeten dort eigene Siedlungen. Die Amish People führen ein stark in der Landwirtschaft verwurzeltes Leben, sie stehen Neuerungen und technischen Errungenschaften oft skeptisch gegenüber. So gibt es eben Pferdekutschen statt Autos. Gemeinschaft werde groß geschrieben, berichtet Wittmer, wenn zum Beispiel eine Familie der Amish People ein Haus bauen wolle, sei es selbstverständlich, dass die ganze Dorfgemeinschaft da mithelfe. Bei den Reisen nach Goshen war stets auch ein Besuch in den nahegelegenen Siedlungsgebieten der Amischen Tradition.

Die Sprache sei da übrigens gar kein Problem gewesen, denn die Amish People sprechen aufgrund ihrer Abstammung von Südwestdeutschen oder Deutschschweizern „Pennsylvania Dutch“ – „und das klingt wie Pfälzerdeutsch, also für uns sehr vertraut, da war die Verständigung gar kein Problem“.

Petra Fess, die heutige Vorsitzende des Partnerschaftsvereins, war 1988/89 als Schülerin in der 11. Klasse selbst ein Jahr lang in Goshen zum Schüleraustausch. Eine rote Decke mit dem Emblem der High School hat sie bis heute aufbewahrt. Das Schulsystem ist natürlich anders, ein Highschool-Jahr wird in Deutschland meist auch nicht voll anerkannt, dafür ist das Lehrprogramm zu unterschiedlich. Sie habe die Zeit in Goshen in der Familie bei Gaby Botts sehr genossen. Herzliche Aufnahme, gute Atmosphäre, keine Probleme in der High School, Poolparties, rund um die Uhr geöffnete Geschäfte – „das war alles in allem sehr cool“.

„Heute sehe ich manches dort durchaus kritischer, zum Beispiel das fehlende Sozialsystem in den USA“, sagt Fess. Doch nach wie vor seien die Menschen sehr gastfreundlich, herzlich und hilfsbereit.

Das bestätigt auch Bettina Balzer, die bis heute eine enge Freundschaft mit der Familie von Gaby Botts verbindet. „Ich wurde wie eine Tochter aufgenommen“, erinnert sie sich an ihren zweimonatigen Besuch in der Familie Botts.

Gaby Botts, die im Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren verstarb, sei lange Jahre „Herz und Seele“ der Partnerschaft gewesen. „Sie war immer da, wenn es um die Partnerschaft ging, ohne sich in den Vordergrund zu schieben“, sagt Bettina Balzer. 21 Jahre lang war die gebürtige Würzburgerin Gaby Botts Vorsitzende des „Goshen Sister City Committee“ – sie stand immer ein für die deutsch-amerikanische Freundschaft. Nach Ingrid Simmons wird das Committee derzeit von Courtney Collins geführt.

2017 war der Bexbacher Partnerschaftsverein zum letzten Mal offiziell zu einem Besuch in Goshen; Udo A. Wittmer war im September letzten Jahres noch einmal dort, um die Beziehungen wieder aufzufrischen. „So eine Partnerschaft steht und fällt mit den Menschen, die sie mit Leben erfüllen, und es wurde in den letzten Jahren aufgrund organisatorischer und finanzieller Hürden zunehmend schwieriger, den Austausch in dem Maße, wie er früher war, aufrecht zu erhalten“, erklärt Petra Fess.

Es sei eine Zeit des Umbruchs, auch ein Generationenwechsel, und man müsse neue Strukturen aufbauen, so Petra Fess, „daran arbeiten wir zurzeit“.