| 22:21 Uhr

Bexbacher Jürgen Beck fertigt Terrorschutz-Barrieren in Christbaumform
Der Beton-Tannen-Mann aus Bexbach

  Er hantiert mit Legosteinen der etwas anderen Art: Der Bexbacher Jürgen Beck hat eine Firma gegründet, die sich auf Terrorschutz-Objekte spezialisiert hat.
Er hantiert mit Legosteinen der etwas anderen Art: Der Bexbacher Jürgen Beck hat eine Firma gegründet, die sich auf Terrorschutz-Objekte spezialisiert hat. FOTO: Beck
Bexbach/Frankfurt. Jürgen Beck fertigt Terrorschutz-Barrieren in Tannenform. Jetzt werden Weihnachtsmärkte in ganz Deutschland auf den Bexbacher aufmerksam. Wie kam es zu diesem kuriosen Geschäftsmodell? Von Fatima Abbas

Er kleckert nicht, er klotzt. „Betonklotzt“, um genau zu sein. Gabelstapler, 2,5 Tonnen, Hebekasten aus Metall. Der Bexbacher Jürgen Beck hantiert mit Schwergewichten, fährt deutschlandweit von Markt zu Markt, um für Sicherheit zu sorgen. Sicherheit vor Terror.

Seit 2016 hat sich sein Leben verändert. Seit er am Abend des 19. Dezember diesen Anruf erhielt. Die Töchter am Apparat. „Papa, mach den Fernseher an. Guck mal, was da passiert ist.“ Terror-Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt. Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Tote. Ein Wendepunkt. Nicht nur für die direkt Betroffenen. Auch für die Töchter von Jürgen Beck. Sie hatten Verkaufsstände auf zwei anderen Weihnachtsmärkten in der Nähe. Was wäre gewesen, wenn? Eine Frage, die den Vater nicht mehr losgelassen hat.

„Ja, ich habe auch selber Angst vor Terror“, sagt der Mann, der in knapp zwei Wochen 64 wird, aber „keine Zeit für die Rente“ hat. Jetzt nicht und in fünf Jahren vermutlich auch nicht. Deshalb trifft man ihn auch nur mit Glück an seinem Erstwohnsitz in Bexbach an. An diesem betongrauen Novembertag geht er in seinem Büro in Frankfurt ans Telefon. Gerade kam eine Bestellung aus Ostfriesland. 48 Betonklötze für die Kaserne Leer. Läuft beziehungsweise rollt bei ihm. Denn sein Beton steht bei Bedarf auf Rädern. Beck hat den mobilen Betonblock erfunden.



Die Idee, Märkte mit Pollern vor Terror zu schützen, gab es schon vorher – vor allem nach dem Lkw-Anschlag von Nizza im Juli 2016. Aber einen Betonklotz, den man per Knopfdruck innerhalb von acht Sekunden verschieben kann: Das war neu. Das war Becks großer Coup, den er sich prompt patentieren ließ. „Patentieren“ ist übrigens ein ganz normales Verb für den Mann, dessen Sätze so ruppig sind wie der Ladevorgang auf dem Gabelstapler. Sein neuster Streich: die Anti-Terror-Tanne. „Die gibt es in Deutschland kein zweites Mal.“ Auch das ließ er sich patentieren. Auf Beamtendeutsch: Geschmacksmusterschutz. Keiner darf den Baum-Stil imitieren. Gleiches gilt für die Schneemänner, die 2020 auf den (Weihnachts)markt kommen sollen. Aber jetzt sind erst mal die Beton-Bäume dran: 1,80 Meter hoch, 3,1 Tonnen schwer. Seit März dieses Jahres existieren sie. Becks Inspirationsquelle: Die Riesen-Maßkrüge, die er 2018 auf dem Straubinger Gräubodenfest erspähte. „Ja, und dann haben wir uns gedacht: Warum nicht auch Tannenbäume?“ Er denkt’s, er tut’s. Zehn Tannen stehen jetzt bis zum 23. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt in Essen. Premiere. 70 weitere sind fertiggeschliffen, lagern zum Teil in seiner Halle in Bexbach. Was kostet denn eine? „Unbezahlbar.“ Tausend Euro Herstellungskosten pro Stück. Mieten ist realistischer. 21 Euro pro Tag und Tanne. Plus Transport und Logistik.

Gleich vier Unternehmen gießen für Beck die Barrieren. Er selbst hat sechs Mitarbeiter, auch eine der beiden Töchter ist im Geschäft. Nebenbei betreibt der Mann, der in einer Schaustellerfamilie zwischen Karussellen groß geworden ist, eine Firma für Notfallbeleuchtung und einen China-Imbiss. Als Beck die mobilen Poller im Frühjahr 2017 erstmals rollen ließ, rannte ihm die Kundschaft die Bude ein. Mit der Terrorangst wuchs auch die Konkurrenz. Aber das bremst ihn nicht. Bremsen sollen nur die Tannen. Einen Pkw könnten sie laut Beck sofort stoppen, ein Sprinter käme nach zehn Metern zum Stehen, ein Lkw erst nach 35 Metern. In der Theorie. In der Praxis ist alles möglich. Das weiß Beck, das wissen seine Töchter. Trotzdem betont er: „Die Tannen sind noch sicherer, weil sie schwerer als die Legosteine sind.“

20 lässt Beck jetzt für den Frankfurter Gay-Weihnachtsmarkt pink lackieren. Man will ja nicht päpstlicher als der Weihnachtsmann sein. „Wenn jemand blau verlangt, dann werden sie halt blau lackiert.“ Auch für Tannen gilt: Aussehen ist nicht alles. Aus vier Teilen bestehen sie, ein Rohr in der Mitte hält sie zusammen. Lkw-sicher. Terrorsicher. „Wir haben zur Entwicklung mit Statikern zusammengearbeitet“, sagt der Mann aus dem Ruhrpott, der seit 30 Jahren im Saarland lebt. Dort will übrigens niemand seine Tannen haben. Seine Legos auch nicht. Bisher zumindest nicht. Die Poller auf dem Saarbrücker Christkindlmarkt bezog die Stadt, wie sie auf Anfrage mitteilt, von einer Riegelsberger Firma. Aber Moment, da ruft jemand an. „Aha. Was will denn Kleinblittersdorf von mir?“ Beck ist hörbar amüsiert. Kommt selten vor so ein Anruf. Vielleicht der allererste Auftrag an der Saar? Nein, Fehlalarm. Aber dann, endlich: Nach fast zwei Jahren die erste Anfrage aus Saarbrücken. Zehn Tannen sollen es sein. Na also. Hat sich das Klotzen doch gelohnt.

  Premiere: Jürgen Becks Terrorschutz-Tannen auf dem Weihnachtsmarkt in Essen.
Premiere: Jürgen Becks Terrorschutz-Tannen auf dem Weihnachtsmarkt in Essen. FOTO: dpa / Roland Weihrauch