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Evakuierung in Mendig
Die Gefahr, die in der Tiefe lauert

Unter der Stadt Mendig liegen durch Basaltabbau entstandene Hohlräume. Mehrere Häuser müssen deshalb zeitweise evakuiert werden.
Unter der Stadt Mendig liegen durch Basaltabbau entstandene Hohlräume. Mehrere Häuser müssen deshalb zeitweise evakuiert werden. FOTO: dpa / Thomas Frey
Mendig. Mendig in der Osteifel steht gleichsam auf einem riesigen Schweizer Käse: Ein Höhlensystem durchzieht den Untergrund. Aus Angst vor Einstürzen sichern Experten zahlreiche Hohlräume. Manche Bewohner erleben eine Überraschung. Von Jens Albes, dpa

Vor 14 Jahren hat Familie Gubenko in Mendig in der Osteifel ein Haus gebaut. „Wir haben gewusst, dass es hier viele unterirdische Hohlräume vom historischen Bergbau gibt“, sagte Oleg Gubenko am Mittwoch. „Aber es wurde ein Bodengutachten gemacht und wir waren uns sicher, dass alles gut ist.“ Von wegen. Im Frühling 2018 erlebt Familie Gubenko in dem neueren Wohngebiet einen Schock: Weil unter ihrem Anwesen und drei Häusern in der Nähe Hohlräume aus Sicherheitsgründen mit einem Spezialbeton verfüllt werden sollen, müssen sie und ihre Nachbarn während der Arbeiten bald vorübergehend ihre vier Wände verlassen. Niemand soll ein Unglück erleben.

Familie Gubenkos Nachbar Andreas Kiefer sagt: „Ich bin sprachlos. Wir wissen nicht, was in fernerer Zukunft mit unserem Haus sein wird.“ Seine Mutter Nadja Kiefer ergänzt: „Wir wissen auch nicht, wo wir jetzt hinkommen.“ Eine weitere Nachbarin, Elena Knaup, führt fort: „Vier bis sechs Wochen lang müssen wir wohl raus. Im Oktober soll es losgehen. Wir können wohl in irgendein Ferienhaus gehen.“ Die Kosten begleicht laut der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord die Stadt und die Verbandsgemeinde Mendig.

Knaup deutet auf ihre Häuserzeile: „Nur wir sind betroffen. Die Häuser auf der anderen Straßenseite nicht.“ Oleg Gubenko ist immerhin froh, „dass das Land Rheinland-Pfalz die Kosten der Bodensicherung übernimmt und nicht wir darauf sitzen bleiben“.



Mendig hat ein halbes Jahrtausend Basaltbergbau in dem erkalteten Lavastrom eines vor 200 000 Jahren ausgebrochenen Vulkans erlebt. Helmut Koll, Leiter des Museums Lava-Dome und des Besucherbergwerks der Stadt Mendig, sagt: „Von hier aus sind Mühlsteine als Exportschlager in die ganze Welt geliefert worden. Das ursprüngliche, unterirdische Abbaugebiet war 390 Fußballfelder groß.“

Im 19. Jahrhundert nutzten bis zu 28 Brauereien die Felsenkeller mit einer konstant niedrigen Temperatur zur Lagerung ihrer Bierfässer. Etwa die Hälfte der Unterwelt ist laut Koll noch heute erhalten. Manchmal erlebten die Bürger von Mendig Überraschungen, beispielsweise vor 30 Jahren, als auf dem Sportplatz unverhofft ein Loch klaffte. So etwas sorgt für Unruhe.

Seit 2011 hat das Land laut der SGD Nord fachliche Erkundungen des Landesamts für Geologie und Bergbaus mit rund 1,5 Millionen Euro finanziert. Hohlräume mit einer Gesamtfläche von 200 000 Quadratmetern wurden vermessen, kartiert und ihre Standsicherheit festgehalten. Mit Bohrungen wiesen die Experten acht unzugängliche Hohlräume nach. Für die betretbaren Felsenkeller wurden Eingänge zum Teil erneuert. Das Netz von Messpunkten zur Kontrolle der Stabilität erweiterten die Fachleute erheblich.

Bei verschlossenen Hohlräumen können die Fachleute die Standsicherheit nicht genau beurteilen. Deshalb entschieden sie laut SGD Nord, für die Erschließung eines größeren Hohlraums einen neuen Schacht zu bauen sowie die zwei kleineren Hohlräume unter jenen Häusern zu verfüllen, deren Bewohner deshalb bald kurzzeitig umziehen müssen. Die Kosten betragen nach den Angaben voraussichtlich rund 2,5 Millionen Euro und sollen ebenfalls vom Land übernommen werden.

Der Mendiger Verbandsgemeinde-Bürgermeister Jörg Lempertz spricht von einzigartigen und atemberaubenden Felsenkellern. Es gehe um den „Schutz dieses weltweit bedeutenden Kulturgutes“ bei gleichzeitig verbessertem Schutz für gefährdete Anwohner. Vor einer Woche informierten Experten auf einer Bürgerversammlung in Mendig ausführlich über die Probleme der Unterwelt des Osteifel-Städtchens.

Natürliche und gemauerte Stützpfeiler tragen die Decken eines riesigen unterirdischen Höhlensystems in Mendig.
Natürliche und gemauerte Stützpfeiler tragen die Decken eines riesigen unterirdischen Höhlensystems in Mendig. FOTO: dpa / Thomas Frey