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207 Menschen starben im Jahr 1948
BASF und Stadt gedenken Katastrophe vor 70 Jahren

Zerstörte Werksanlagen der BASF nach der verheerenden Explosion am 28. Juli 1948. Am Nachmittag dieses Tages kam es im BASF-Werk Ludwigshafen zum bislang größten Explosionsunglück der deutschen Nachkriegszeit. 207 Mitarbeiter wurden getötet, 3818 Beschäftigte und Einwohner verletzt. Die Detonation – die dritte bei der BASF seit 1921 – zerstörte fast ein Drittel der Anlage und beschädigte allein in Ludwigshafen knapp 5000 Häuser.
Zerstörte Werksanlagen der BASF nach der verheerenden Explosion am 28. Juli 1948. Am Nachmittag dieses Tages kam es im BASF-Werk Ludwigshafen zum bislang größten Explosionsunglück der deutschen Nachkriegszeit. 207 Mitarbeiter wurden getötet, 3818 Beschäftigte und Einwohner verletzt. Die Detonation – die dritte bei der BASF seit 1921 – zerstörte fast ein Drittel der Anlage und beschädigte allein in Ludwigshafen knapp 5000 Häuser. FOTO: dpa
Ludwigshafen. Mitten im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1948, trifft ein schwerer Unfall die BASF. 207 Menschen sterben. Ursache war wohl eine Verkettung unglücklicher Umstände.

(dpa) Es sind Szenen wie in einem Katastrophenfilm – aber es geschieht nicht in Hollywood, sondern in Ludwigshafen am Rhein. Erst eine einzelne Explosion, dann eine ganze Kette von Detonationen. Die Druckwelle lässt Werkshallen wie Kartenhäuser einstürzen, in nahen Ortschaften fliegen Scheunentore aus den Angeln. Während Helfer in den Trümmern nach Überlebenden suchen, steht über der größten Stadt der Pfalz ein 150 Meter hoher Rauchpilz.

Die Behörden zählen bei einem der schwersten Chemieunfälle der deutschen Geschichte am Ende insgesamt 207 Tote und 3818 Verletzte. An diesem Samstag, 28. Juli, jährt sich das Unglück in der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) zum 70. Mal. Am Jahrestag gedenken Stadt und Unternehmen mit einer Kranzniederlegung der Tragödie.

Einer, der Glück hatte und überlebte, ist Helmut Leger. „Ich habe maßlos Angst gehabt“, sagt der Ludwigshafener später. Der damalige Starkstrommonteur-Lehrling beugt sich an jenem schicksalhaften Mittwoch im Jahr 1948 gerade über ein Steuerpult, als um 15.43 Uhr in 70 Metern Entfernung ein Kesselwagen explodiert. Die einstürzende Hallendecke zerquetscht sein Bein „wie einen Pfannkuchen“. Ein US-Soldat befreit den 17-Jährigen mit einem Schneidbrenner aus dem Stabgeflecht. Noch in der Nacht wird das linke Bein des Hobbyfußballers oberhalb des Knies amputiert. „Es war eine sehr schwere Zeit“, sagt Leger.



Der Horror bricht kurz vor Schichtwechsel herein. Auslöser ist ein mit 30 Tonnen Dimethylether – einem leicht entzündlichen Flüssiggas – beladener Kesselwagen. Später kommt eine Expertenkommission zur Annahme, die Kapazität sei möglicherweise falsch berechnet worden. Zudem wird eine Schwachstelle an einer Schweißnaht vermutet.

Die explosive Fracht aus Bitterfeld ist für die Farbenproduktion gedacht. Seit frühmorgens steht sie in der Sonne. Bei Temperaturen von über 30 Grad dehnt sich das Gas im Inneren aus – bis eine Naht platzt. Als der Ether sich mit Luft mischt, kommt es zur Explosion. Dabei tritt das übrige Gas aus, das mit immenser Wucht verbrennt.

Im Umkreis von 500 Metern werden alle Bauten auf dem Firmengelände beschädigt. 20 Gebäude werden völlig zerstört. Sogar im jenseits des Rheins gelegenen Mannheim werden 2450 Häuser beschädigt. Der damals 13 Jahre alte Gerhard Dörr wohnt in der Nähe des Werks. Zuerst habe er ein seltsames Geräusch gehört, erinnert er sich später. „Dann gab es einen großen Knall“, erzählt der Pensionär. Im Haus seien nur die Scheiben aus den Fenstern geflogen. „Wir hatten Glück.“

Im Werk bietet sich den rund 1000 Feuerwehrleuten und mithelfenden französischen und amerikanischen Besatzungssoldaten ein grausiges Bild. In Halle B 210 ist zum Zeitpunkt der Explosion Schichtwechsel. Hunderte Arbeiter geben ihre Werkzeuge ab oder gehen duschen, als die Stahlwand des Waggons zerreißt. In der Werkzeugabgabe der zerstörten Halle gibt es keine Überlebenden. Am Unglücksort spielen sich grauenvolle Szenen ab. Während bangende Angehörige vor den Werkstoren auf ein Lebenszeichen ihrer Männer, Söhne und Väter warten, tragen Rettungskräfte immer mehr Leichen ins Freie.

Bis die materiellen Schäden beseitigt sind, vergeht den Aufzeichnungen zufolge ein Jahr. Die Kosten werden allein bei dem Unternehmen auf 80 Millionen Mark beziffert. Eine Kommission stellt kein Verschulden der Werksleitung fest. 27 Jahre zuvor – am 21. September 1921 – waren bei der Explosion eines Stickstoffsilos in Ludwigshafen-Oppau bei der BASF 561 Menschen getötet und etwa 2000 verletzt worden.

In leidvoller Erinnerung ist auch das Unglück am 17. Oktober 2016. Damals kommen im Landeshafen Nord des Konzerns vier Männer der Werksfeuerwehr und ein Matrose ums Leben. 28 Menschen erleiden Verletzungen. Ermittler gehen davon aus, dass ein Mitarbeiter einer Fremdfirma die Explosion auslöste, als er eine Rohrleitung anschnitt.

Am 2. August vor 70 Jahren finden die Trauerfeiern statt. Die Toten werden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und der französischen Besatzungsmacht unter anderem auf einem Ehrenfeld des Hauptfriedhofs in Ludwigshafen bestattet. Der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Peter Altmeier (CDU), sagt bei einem Staatsakt: „Meine lieben trauernden Angehörigen, wir trauern mit euch, wir sorgen mit euch – und wir vergessen euch und eure Toten nicht.“

(dpa)