| 23:10 Uhr

Arzneimittelreport
Wenn Medikamente zur Gefahr werden

Gefahr aus der Apotheke? Das ist laut eines Arzneimittelreports der Barmer gar nicht so abwegig. Häufig seien verschriebene Medikamente nicht dem Gesundheitszustand oder dem Alter der Patienten angepasst, moniert die Kasse.
Gefahr aus der Apotheke? Das ist laut eines Arzneimittelreports der Barmer gar nicht so abwegig. Häufig seien verschriebene Medikamente nicht dem Gesundheitszustand oder dem Alter der Patienten angepasst, moniert die Kasse. FOTO: dpa-tmn / Robert Günther
Mainz. Laut Arzneimittelreport der Barmer wird Medizin zu oft unpassend verschrieben. Das kann für Patienten gefährlich werden. Zunehmende Digialisierung — aber auch die Patienten selbst können helfen, Risiken zu vermeiden.

Von Ärzten unpassend verschriebene Medikamente gefährden oft die Gesundheit von Patienten. So lautet das Ergebnis des Arzneimittelreports der Barmer, der am Freitag in Mainz vorgestellt wurde. Verschriebene Medikamente würden zu häufig nicht zum Gesundheitszustand oder Alter der Patienten passen. Dazu kommen Risiken durch die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente.

„Die Arzneimitteltherapiesicherheit ist in Rheinland-Pfalz nicht so, wie sie sein sollte“, sagte Dunja Kleis, die Landesgeschäftsführerin der Barmer in Rheinland-Pfalz und im Saarland, am Freitag in Mainz. Es gebe durchaus eine Gefährdung in dem Bereich. Im schlimmsten Fall könne es lebensbedrohlich werden: Untersuchungen in Finnland, Schweiz und Schweden hätten ergeben, dass drei bis fünf Prozent aller Todesfälle auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurückzuführen sind.

Fast jeder fünfte Rheinland-Pfälzer bekam dem Report zufolge im Jahr 2016 Protonenpumpenhemmer (PPI), die etwa gegen Sodbrennen wirken, verschrieben. Bei nicht einmal der Hälfte dieser Patienten lag aber eine entsprechende Diagnose vor. Man könne annehmen, dass vielen Patienten PPI aufgrund von Vermutungen oder ungeprüft weiterverordnet werde, sagte Kleis.



Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Stefan Holler, widerspricht: Die pauschale Behauptung der Barmer, es würde zu viel oder unnötig PPI verschrieben, könne man nicht nachvollziehen.

Den Ärzten wolle man aber gar nicht den Schwarzen Peter zuschieben, sagte Kleis. Für die sei es enorm schwierig, den Überblick zu behalten. Ärzte bekämen teilweise gar nicht mit, was ihre Kollegen verschreiben, etwa wenn Patienten ohne Überweisung kämen.

Problematisch ist das etwa bei Patienten, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Ihnen rät Kleis, von einem vom Arzt ausgestellten Medikationsplan Gebrauch zu machen, auf dem die verschriebenen Arzneien verzeichnet sind: „Nutzt ihn, nehmt ihn mit in die Apotheken!“ So könnten Patienten mitwirken, falsche Medikamentierung zu vermeiden. Die Verantwortlichkeit für die Therapie liege aber beim Arzt.

Verbesserungen erhofft sich Kleis außerdem von der geplanten Einführung einer elektronischen Patientenakte, in der auch die verschriebenen Medikamente vermerkt wären. „Auf elektronischem Wege ist es auf jeden Fall besser, als wenn alle dran denken müssen“, sagte sie. Voraussetzung sei, dass der Patient dem Speichern seiner Gesundheitsdaten zustimmt. „Der Patient ist der Souverän seiner Erkrankung und seiner Therapie“, sagte sie.

Die Barmer veröffentlicht jährlich einen Arzneimittelreport mit wechselnden Schwerpunktthemen. In der diesjährigen Ausgabe wurden für den bundesweiten Report anonymisierte Daten von Barmer-Versicherten aus dem Jahr 2017 ausgewertet. Für einen Rheinland-Pfalz-spezifischen Teil wurden Zahlen von 2016 verwendet. In Rheinland-Pfalz gibt es rund 458 000 Barmer-Versicherte. Die Zahl sei ausreichend groß, um Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung zu übertragen, sagte Kleis.