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Behinderte Menschen haben es schwer
Arbeitsmarkt noch nicht barrierefrei

 Landes­behinderten­beauftragter   Matthias Rösch.
Landes­behinderten­beauftragter Matthias Rösch. FOTO: MSAGD
Bitburg. Der Landesbeauftragte Matthias Rösch besucht Initiativen und Betriebe, die Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen einen Arbeitsplatz bieten. Er hält „Kümmerer“ für wichtig, die Barrieren in den Köpfen abbauen.

(dpa) Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für Menschen mit Behinderungen noch lange nicht frei von Barrieren – es gibt aber auch Projekte, die Mut machen. Hürden abzubauen und Mutmacher zu stärken, das ist ein Anliegen des Landesbehindertenbeauftragten Matthias Rösch. „Mir geht es darum, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigte Möglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben“, sagte Rösch zum Auftakt seiner Sommerreise jetzt der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist für alle Beteiligten ein Gewinn.

Nachholbedarf gibt es etwa bei Privatunternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen, die fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen müssen – ansonsten wird eine Ausgleichsabgabe fällig. „1732 beschäftigungspflichtige Betriebe in Rheinland-Pfalz haben keinen einzigen Schwerbehinderten eingestellt“, kritisierte Rösch.

Nach zuletzt verfügbaren Daten liegt der Anteil schwerbehinderter Arbeitnehmer in Rheinland-Pfalz bei 4,1 Prozent; alleine bei privaten Arbeitgebern sind es nur 3,7 Prozent und damit weniger als im Bundesdurchschnitt (4,1 Prozent). Dass es auch anders gehe, zeige Opel in Kaiserslautern mit einer Quote von 14 Prozent, sagte Rösch.



Im Juli waren in Rheinland-Pfalz 6200 Menschen mit einer schweren Behinderung arbeitslos gemeldet. Allerdings fallen viele aus der Statistik raus, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Diese sogenannte Nichterwerbsquote liegt bei Nichtbehinderten im Alter von 15 bis 64 Jahren bei 23 Prozent, bei Menschen mit Behinderungen ist sie mit 56 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Auf der bis Freitag dauernden Sommerreise unter dem Motto „Inklusiv arbeiten“ will Rösch vor allem „gute Beispiele zeigen, wo Menschen mit Behinderungen in Betrieben Arbeit finden und was die Gelingensbedingungen dafür sind“. Zu den ersten Besuchsstationen gehört die Regionalstelle des Zentrums für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZSL) in Bitburg.

„Seit dem Start 2008 haben wir viel erreicht, um Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen“, sagte die Regionalstellenleiterin Edith Bartelmes. Besonders bewährt habe sich das Programm „Budget für Arbeit“, das nach rheinland-pfälzischem Vorbild mit dem Bundesteilhabegesetz nun bundesweit verfügbar werde. Hierbei übernehmen das Land und die Kommunen bis zu 70 Prozent der Lohnkosten, wenn Beschäftigte aus einer Werkstatt für Behinderte übernommen werden.

In Trier sprach Rösch mit einem Hausmeisterhelfer im Priesterseminar, der schon zehn Jahre lang im „Budget für Arbeit“ ist. Bei rund 15 000 Menschen in Behindertenwerkstätten sei es gelungen, mehr als 400 Menschen auf diese Weise in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu bringen. „Das kann aber noch mehr werden.“

Zu den weiteren Stationen der Sommerreise gehören am Mittwoch eine als Integrationsbetrieb geführte Wäscherei in Hachenburg im Westerwaldkreis und am Freitag das Projekt „schwer-begabt.de“ in der Pfalz. „Menschen mit schweren Behinderungen haben zum Teil eine jahrelange Odyssee hinter sich und trotz vieler Bemühungen keine Arbeitsstelle gefunden“, sagte Beate Sitzenstuhl vom Verein zur Förderung der beruflichen Bildung (VFBB), einem der drei Bildungsträger des mit Bundesmitteln finanzierten Projekts. „Es gibt vielfach eine Hemmschwelle, Menschen mit Behinderungen einzustellen, aus Angst, dass sie nicht leistungsfähig genug sind.“

Bei „schwer-begabt.de“ werden die Menschen eingeladen und können dann sechs Monate an einem freiwilligen Programm teilnehmen. „Sie werden bei Bewerbungen unterstützt und zu potenziellen Arbeitgebern begleitet“, erklärte Sitzenstuhl. Auch diese werden geschult, etwa zur Frage, welche Förderleistungen es gibt. Seit dem Start im April 2015 wurden so 80 Menschen in Arbeit vermittelt.

Noch immer gebe es ganz viele Vorurteile, dass man Menschen mit Behinderungen nicht kündigen könne oder dass sie häufig krank seien, betonte Rösch. Natürlich sei eine Teambesprechung anders, wenn Menschen mit Autismus oder einer Hörbehinderung dabei seien. Aber oft seien nur kleine Anpassungen nötig, um alle einzubeziehen. „Deshalb ist es am wichtigsten, dass Kümmerer vor Ort sind, die auch dabei helfen, die Barrieren in den Köpfen abzubauen“, sagte Rösch. „Wichtig ist, nicht von den Defiziten, sondern von den Fähigkeiten und Fertigkeiten auszugehen – da müssen alle umzudenken.“

 Nachholbedarf gibt es bei Privatunternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen, die fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen müssen – ansonsten wird eine Ausgleichsabgabe fällig.
Nachholbedarf gibt es bei Privatunternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen, die fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen müssen – ansonsten wird eine Ausgleichsabgabe fällig. FOTO: dpa / Felix Frieler
(dpa)