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Blieskasteler Werkstätten
Arbeiten trotz psychischen Handicaps

Martin Follmar sei das „Zugpferd“ in den Blieskasteler Werkstätten, sagt seine Chefin Eva Paulus.
Martin Follmar sei das „Zugpferd“ in den Blieskasteler Werkstätten, sagt seine Chefin Eva Paulus. FOTO: Katja Sponholz
Blieskastel. Die Blieskasteler Werkstätten geben 120 Beschäftigten mit psychischen Beeinträchtigungen eine neue Perspektive. Von Katja Sponholz

(dpa) Martin Follmar ist bei seinen Kollegen bekannt dafür, dass er gerne T-Shirts mit Sprüchen trägt. „Ihr habt es echt gut, Ihr habt mich!“ steht heute auf seinem Oberteil. „Das passt!“, sagt seine Chefin Eva Paulus (56) und lacht. Denn in dem Betrieb in Blieskastel gilt Follmar als „Zugpferd“: Gewissenhaft und professionell ist er für die Digitalisierung von Dokumenten und Plänen zuständig. Einen Raum weiter ist Sandra Wilhelm damit beschäftigt, Papierdokumente so vorzubereiten, dass sie danach eingescannt werden können. „Top!“, sagt sie über ihren Arbeitsplatz. Und auch Christian Kratt, der aus hunderten von Seiten in mühsamer Handarbeit die Klammern entfernt, ist zufrieden. „Die Arbeit ist gut hier“, sagt er. „Macht Spaß!“

Und doch: Etwas ist anders hier. Die Arbeitszeiten sind kürzer als üblich, die Pausen länger, es gibt Rück­zugsmöglichkeiten, besondere Schulungsprogramme, Gespräche mit einem Psychologen, soziales Kompetenztraining, individuelle Teilhabepläne, Ressourcentraining und Möglichkeiten, über die eigenen Probleme zu sprechen. Nebenbei laufen gesundheitsfördernde Maßnahmen, ein Yoga-Kurs und Angebote zum Fußball, Tischtennis und Laufen. „Eigentlich sind wir ein Industriebetrieb“, sagt Leiterin Eva Paulus. Das Hauptziel jedoch sind nicht Umsatz und Gewinn. Auftrag ihres Unternehmens ist es vor allem, die Beschäftigten (wieder) in Richtung des ersten Arbeitsmarktes zu vermitteln. Denn die Blieskasteler Werkstätten sind Arbeitgeber für 120 Frauen und Männer mit psychischen Beeinträchtigungen. Darunter Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, paranoide Schizophrenie, Epilepsie oder auch solche nach einer Suchterkrankung.

Doch trotz der Einschränkungen und der Förderprogramme verbringen die Beschäftigten hier nicht einfach nur ihren Tag, sie arbeiten – und zwar ganz individuell nach ihren Möglichkeiten. Zusätzlich zur Abteilung Scan-Dienstleistung und digitale Archivierung gibt es noch die Bereiche Aktenvernichtung, Verpackung, Konfektionierung und Industriemontage. So lässt Festo aktuell hier nicht nur Anschläge für Kolben montieren und verpacken, sondern auch die Automobilindustrie beauftragt die Werkstätten. So entstehen in Blieskastel Griffe für den Smart-Kofferraum, Drehschieber für Opel-Motoren und Verzurr-Ösen für VW-Kofferräume. „Was uns auszeichnet: Wir trauen uns auch an sehr spezielle Sachen heran“, sagt Paulus. „Das können unsere Leute akribisch gut.“



Doch nicht nur innerhalb der Werkstätten sind die Mitarbeiter im Einsatz: Besonders stolz ist die Leiterin, dass jährlich knapp 15 Prozent von ihnen („eine im Bundesdurchschnitt sehr hohe Quote“) an einem Außenarbeitsplatz eingesetzt werden können. „Das geht schon“, sagt sie. „Man muss nur die richtige Nische finden.“

Felix Glöckler (32), Bereichsleiter Soziales und Fachkraft für betriebliche Integration, kennt viele Erfolgsmodelle aus der Praxis. Darunter ein Mitarbeiter, der in seinem Einsatzgebiet als Tankwart auf einmal völlig neue kommunikative Fähigkeiten entwickeln konnte oder ein Kollege mit ADHS, der nun bei einem Autozulieferer tätig sei.

„Von einem Montage-/Verpackungsplatz hat er sich hochgearbeitet und wird nun zur Teilekontrolle am PC eingesetzt“, sagt der Sozialarbeiter. Und weil man in jenem Betrieb wisse, dass sich der Werkstatt-Mitarbeiter schwer konzentrieren könne, habe man ihm eine ganz individuelle Anleitung geschrieben, um ihm die Prüfarbeit zu erleichtern. „Das finde ich wirklich super, dass er so mit eingebunden wurde“, sagt Glöckler. 

So etwas ist eher die Regel als die Ausnahme. „Wenn das Schlüssel-Schloss-Prinzip passt, dann sind die Beschäftigten wirklich motiviert und sehr dankbar dafür, dass sie eine Chance bekommen haben. Dann geben sie, was sie können“, meint Paulus.

Auch die Stadtwerke Bliestal GmbH kooperiert auf Initiative ihres Geschäftsführers Bernhard Wendel seit 2015 mit den Blieskasteler Werkstätten. Einmal im Monat sind vier Mitarbeiter in dem Nachbar-Betrieb bei der Post-Versendung im Einsatz. „Das ist wirklich eine große Entlastung und Unterstützung für uns“, meint Öffentlichkeitsarbeiterin Lorena Kretschmer. Es profitieren beide Seiten: Die Stadtwerke erhalten eine qualitätsvolle Dienstleistung, und die Menschen mit Beeinträchtigung erfahren, dass sie gebraucht werden. Das stärke ihr Selbstwertgefühl und ihre Arbeitsmotivation und fördere die berufliche Weiter­entwicklung.

Dennoch ist es für die Werkstattleitung manchmal schwer, Betriebe zu finden, die es „wagen“, Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf bei sich arbeiten zu lassen. „Unser Arbeitsmarkt ist eingebettet in eine Gesellschaft, in der es um Geld geht und um Leistung. Da stehen solche Menschen einfach hinten an“, beschreibt Eva Paulus. Und je weiter man entfernt sei von diesem Leistungsprinzip, umso mehr springe man über die Klinge oder lande am Rande der Gesellschaft.“

Zwar müssen auch die Blieskasteler Werkstätten auf Zahlen und Vermittlungsquoten schauen, doch im Hauptblick haben sie den Menschen. „Uns geht es vor allem darum, zu qualifizieren und den Beschäftigten für die Ressourcen, die sie haben, genau das Passende zu bieten“, sagt die Leiterin. Anders formuliert: „Es geht um Lebenszufriedenheit“, so Felix Glöckler. „Dass die Menschen einen persönlichen Erfolg erleben – das ist ein ganz großes Ziel.“

Die Werkstatt in Blieskastel wurde 1986 gegründet und befindet sich seit 2004 in Trägerschaft des Ökumenischen Gemeinschaftswerkes Pfalz. Gesellschafter sind der Caritasverband für die Diözese Speyer und die Evangelische Heimstiftung Pfalz. Die Zahl der Beschäftigten hat sich seit 2004 von 60 auf 120 verdoppelt. Hinzu kommen 23 Mitarbeiter.