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Musik
Singen statt pauken

 Samuel Kirsch, Student der Rechtswissenschaften, arbeitet beim Gesangs-Einzelunterricht mit seinen Händen.
Samuel Kirsch, Student der Rechtswissenschaften, arbeitet beim Gesangs-Einzelunterricht mit seinen Händen. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz. Gesetzestexte oder Laborarbeit allein genügen manchem Studenten nicht. An der Mainzer Uni bietet das „Collegium musicum“ unter anderem eine studienbegleitende Chorsängerausbildung. Die Plätze sind voll.

Samuel Kirsch hält seine Hände erst vor den Mund, dann vor die Ohren, macht verschiedene Gesangsübungen – vom Lacher bis zum Singen von Vokalen. „Das klingt sehr kontrolliert, Du kannst es ruhig genießen“, rät Gesangslehrer Werner Schüssler. Dann schmettert Kirsch die Arie „Panis angelicus“. Den Unterkiefer etwas weniger bewegen, empfiehlt Schüssler und hebt dann den Daumen, während er am Flügel in die Tasten haut.

Sein Gegenüber Kirsch ist Jura-Student an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität – und Teil der Chorakademie des „Collegium musicum“. Das bietet eine studienbegleitende musikalische Ausbildung, die ihresgleichen suchen dürfte.

Neben der Chorakademie mit 35 Plätzen bietet das Collegium eine Orchesterakademie mit 15 Plätzen. Das Angebot richtet sich – anders als bei der Hochschule für Musik, die nur ein paar Hundert Meter weiter auf dem Campus sitzt – an interessierte Studenten, die eher nicht den professionellen Weg in die Musik anstreben. Vorkenntnisse helfen, sind aber nicht unbedingt erforderlich. Die Ensembles des Collegiums sind der Uni-Chor, das Uni-Orchester und seit 2013 der Gutenberg-Kammerchor, der auch über die Region hinaus auftritt.



Gegründet wurde das „Collegium musicum“ 1946 – dem Jahr der Uni-Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Grundidee ist, künstlerische, musikwissenschaftliche und pädagogische Aspekte zusammenzubringen. Seit 2012 leitet der Cellist, Dirigent und Musikpädagoge Felix Koch das Institut. Der Experte für Alte Musik hat auch eine halbe Professur an der Hochschule für Musik inne.

Ihm geht es um Freude am Gesang bei hohem Anspruch – ein Mix aus professioneller Ausbildung und Förderung der Laien-Musik, wie er sagt. „Es muss Spaß machen, aber der kommt nur mit Qualität.“ An der Chorakademie sollten keine Opernsänger herangezogen werden, sondern es drehe sich eher um das gemeinsame Singen in Ensembles. „Das ist für uns ein Leuchtturmprojekt und an deutschen Unis so einzigartig.“

Uni-Präsident Georg Krausch sieht das Collegium als „kreatives Forum für Musikbegeisterte vom Campus, aus der Stadt und der Region“. Deutschlandweit einmalig sei, dass sich Mitglieder der Ensembles neben ihrem Studiengang – von der Afrikanistik bis zur Zahnmedizin – in der Chor- oder Orchesterakademie im vokalen und instrumentalen Bereich weiter ausbilden und qualifizieren können – mit Unterricht erfahrener Lehrkräfte und renommierter Berufsmusiker.

Christel Bieger, Vizepräsidentin des Chorverbands Rheinland-Pfalz, kennt das „Collegium musicum“ auch. Einst war sie als Studentin dort Hilfskraft, das Angebot sei fantastisch, sagt sie. Allgemein tue sich gerade eine ganze Menge im Gesangsbereich. „Chorsingen ist in einem strukturellen Wandel“, sagt sie. Es gehe eher weg vom traditionellen, in einem Verein organisierten Männerchor und hin beispielsweise zu Pop- und Jazzchören sowie zu Projektchören, die nicht fest in Vereinsstrukturen verankert seien. Vor einiger Zeit habe man sich noch Sorgen machen müssen, wie es mit der Chorlandschaft weitergehe. „Jetzt sehe ich einen breiten Silberstreifen am Horizont“, sagt Bieger. „Singen ist wieder in – und das war es lange nicht.“

Ähnlich sieht das Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates. Er beobachtet zunehmend projektbezogene, zeitlich begrenzte Projekte im Chor- und Instrumentalbereich. „Die Lebensumstände der Menschen sind so, die Terminkalender sind voll.“

Als Samuel Kirsch an die Mainzer Uni kam, kannte er das Collegium noch nicht, wie er sagt. Es wäre für ihn aber ein echtes Argument für ein Studium in Mainz gewesen. Das hört Leiter Koch häufiger. Unter seiner Ägide ging das Angebot mehr an die Öffentlichkeit, wurde sichtbarer – auch ein Imagefilm wurde produziert. Hatte der Uni-Chor 2012 Koch zufolge rund 60 Mitglieder, sind es mittlerweile 300. Bei Frauen sei der Zulauf so groß, dass inzwischen vorgesungen werden müsse.

(dpa)