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Immer mehr Senioren unter Stammkundschaft
Alte Menschen stellen sich bei Tafeln an

Eine bedürftige Person steht mit einem Beutel Salat an der Ausgabetheke der Mainzer Tafel. Dort gehören auch immer mehr Senioren zu den Stammkunden.
Eine bedürftige Person steht mit einem Beutel Salat an der Ausgabetheke der Mainzer Tafel. Dort gehören auch immer mehr Senioren zu den Stammkunden. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz. Manche kommen mit Tränen in den Augen zur Tafel oder in den Brotkorb der Caritas. Altersarmut ist hier ganz konkret erfahrbar. Ehrenamtliche Initiativen helfen aus, wo Sozialpolitik keine Antwort gibt.

Wenn im Alter das Geld nicht reicht, gehen Rentner zur Tafel. Gebeugt sitzt der ehemalige Maler und Lackierer Paul auf einer Bank in der Mainzer Tafel. „Die Rente ist zu wenig und muss mit Grundsicherung ergänzt werden“, erklärt der 76-Jährige. Jeden Freitag kommt er zur Tafel – der Verein teilt die Tage und Uhrzeiten der Ladenbesuche ein, um den Andrang möglichst gleichmäßig zu verteilen. Paul ist froh über die Unterstützung für den kleinen gemeinsamen Haushalt mit seiner Lebensgefährtin: „Für 1,50 Euro bekomme ich manchmal zwei Taschen voll mit Lebensmitteln.“

Die ehrenamtlichen Helfer der Tafel stellen fest, dass alte Menschen zur Stammkundschaft geworden sind. Obwohl das Thema mit der demographischen Entwicklung seit Jahrzehnten im Raum stehe, gebe es bislang kaum Ansätze für eine politische Lösung, kritisiert die Landesvorsitzende der Tafeln für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Sabine Altmeyer-Baumann.

„Es gab die Zeit, wo viele Flüchtlinge vor der Tür standen“, sagt Winfried Reininger, der sich beim Caritasverband im Bistum Mainz um die Brotkörbe kümmert, Ausgabestellen für Lebensmittel in den Stadtteilen oder auf Gemeindeebene. „Aber inzwischen sehen wir, dass die Altersarmut deutlich zunimmt.“ Bei diesen Menschen gebe es oft eine hohe Schamschwelle, sich nach einem Leben voller Arbeit für Lebensmittel anzustellen. „Manche kommen mit Tränen in den Augen.“ Sieben Brotkörbe gibt es allein in Mainz. „Die Brotkörbe und Tafeln sind Seismographen für soziale Notstände, weil die Menschen dort vor der Tür stehen, bevor sie in den Sozialstatistiken auftauchen“, sagt Reininger.



In der Mainzer Tafel herrscht jeden Tag ein großer Andrang. Erst gegen Mittag wird es etwas ruhiger. Die ehrenamtlichen Helfer verteilen Brot, Gemüse und Obst. „Wir sind an der Grenze der Kapazität“, sagt der Vorsitzende des Tafelvereins, Adolf Reuter. „Jede Woche kommen gut 1500 Menschen zu uns, mehr als 2000 Berechtigungsscheine können wir aus Kapazitätsgründen nicht ausgeben.“

Mit großen Augen hilft die zehnjährige Afaf ihrer Mutter Samaher beim Einkaufen, trägt in der einen Hand eine Tasche mit Gemüse, in der anderen einen Blumenstrauß. Sie passt auf ihren kleinen Bruder Hani auf und hilft bei den Gesprächen in der Tafel, weil sie schon besser Deutsch kann als ihre Mutter, die aus Syrien nach Mainz gekommen ist. Die junge Frau ist dankbar für das Angebot: „Alle Menschen sind so freundlich hier.“

„Wir sind nicht nur Abholstelle für Lebensmittel, sondern auch eine Art Sozialberatung für ganz viele Probleme“, sagt die pensionierte Lehrerin Christel Bollinger, die sich seit elf Jahren in der Mainzer Tafel engagiert. Entsprechend hoch seien die Anforderungen an die ehrenamtlichen Mitarbeiter, erklärt die Landesvorsitzende Altmeyer-Baumann. „Oft haben wir keine Antworten, wenn wir mit Schicksalen konfrontiert sind, für die es nur eine politische Lösung geben kann.“

Der Vorsitzende des Tafelvereins, Reuter, ist ein sehr besonnener Mann. Nach dem Ende seiner beruflichen Laufbahn im Umweltministerium des Landes entschloss er sich vor mehr als sieben Jahren für ein Engagement bei der Tafel. Jetzt ist er 77 Jahre alt und betrachtet jeden Menschen in seiner Bedürftigkeit, will sich eigentlich nicht mit den Umständen befassen, die sie oder ihn an den Rand der Gesellschaft gebracht haben. Aber dann bricht es doch aus ihm heraus: „Es ist eine Schande, dass es die Tafeln geben muss. Die Schere zwischen Armen und Reichen geht immer mehr auseinander.“

Neben der Verteilung von Lebensmitteln im Laden muss auch das Abholen von den Supermärkten und Bäckereien gut organisiert sein. Seit Herbst hat der Verein alle fünf Fahrzeuge mit Kühltechnik ausgestattet, damit bei der Anlieferung die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Das Geld für die Ausstattung des fünften Wagens kam von den Pfandspenden, die die Tafeln mit mehreren Einzelhandelsketten organisiert haben.

Die Mainzer Tafel sammelt jede Woche mehr als sieben Tonnen Lebensmittel ein. Auch andere Initiativen wollen Lebensmittel vor dem Wegwerfen bewahren. Aktivisten der Graswurzelbewegung Foodsharing bringen sie zu Verteilerschränken für alle. „Das sehen wir aber nicht als Konkurrenz, weil wir das gemeinsame Anliegen haben, dass Waren nicht vernichtet werden“, sagt Reuter. Im statistischen Durchschnitt werden in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen. Das rheinland-pfälzische Ernährungsministerium unterstützt die Foodsharing-Initiativen als einen „Mosaikstein im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung“.

Der Mainzer Tafelverein hat zwei feste Einnahmequellen: Rund 11 000 Euro im Jahr kommen von den etwa 360 Mitgliedern und 50 000 Euro aus den symbolischen Beiträgen der Abholer. Die Finanzierungslücke zu den Betriebsausgaben von insgesamt 120 000 Euro muss über Spenden gedeckt werden.

In diesem Jahr feiern die Tafeln bundesweit ihr 25-jähriges Bestehen. Tafelvereins-Vorsitzender Adolf Reuter hofft, dass es keine 50 Jahre werden: „Unser größter Wunsch ist, dass man in ein paar Jahren sagen kann: Wir brauchen die Tafeln nicht mehr!“