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Deutsches Tonstudio auf der internationalen Bühne
Mit Mainzer Klängen um die Welt

Auch im kommenden Computerspiel „Anno 1800“ des deutschen Entwicklers Ubisoft Blue Byte ertönen Soundeffekte aus Mainz.
Auch im kommenden Computerspiel „Anno 1800“ des deutschen Entwicklers Ubisoft Blue Byte ertönen Soundeffekte aus Mainz. FOTO: dpa / Christian Schultz
Mainz. Ein kleines Studio in der rheinländischen Metropole produziert Töne für Hollywood-Filme und große Videospiele. Von Christian Schultz (dpa)

(dpa) Was haben die Laute sterbender Pferde aus der ersten Staffel der Erfolgsserie „Game of Thrones“ mit dem Geräusch eines in der siebten Staffel gezogenen Schwertes gemeinsam? Sie kommen beide von einer Firma aus der Mainzer Oberstadt namens „Boom Library“. Dahinter verbirgt sich eine der weltweit größten Sounddatenbanken für Produzenten von Filmen, Serien und Computerspielen. Zu den Kunden zählen Größen wie Netflix, Lucasfilm, 20th Century Fox oder Universal. Töne der Mainzer finden sich in Filmen oder Trailern von „Blade Runner 2049“, „Spider-Man: Homecoming“, „La La Land“, „Der Hobbit“, „Mord im Orient-Express“ oder aktuell in „Steig. Nicht. Aus!“ mit Wotan Wilke Möhring.

Es begann vor 18 Jahren mit der Firma Dynamedion, die heute zum gleichen Firmenverbund wie die Boom Library gehört. Dynamedion produziert Musik- und Soundeffekte sowie Musik für Computerspiele. Los ging es mit der Computerspiel-Serie „SpellForce“ des Ingelheimer Entwicklers Volker Wertich, der schon die „Siedler“-Spielereihe erfunden hatte. „Das war der Anfang“, erinnert sich der heute 40-jährige Pierre Langer, Mitbegründer von Dynamedion und auch bei der Boom Library mit von der Partie.

„Es war Zufall, dass wir diese Nische entdeckt haben“, sagt Langer. Seinerzeit habe sich die Spielebranche in Deutschland professionalisiert. Das Tonformat mp3 habe sich durchgesetzt, man sei zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee gekommen. „So konnten wir uns in der Nische ausbreiten.“ Mittlerweile werden für Aufnahmen auch mal ganze Sinfonieorchester gebucht, sogar das renommierte London Symphony Orchestra. Zugeliefert haben die Mainzer unter anderem für Spiele wie „Total War: Warhammer“, die Reihe „Elder Scrolls Online“ oder die in Mainz entstandene Wirtschaftssimulations-Reihe „Anno“.



„Der Sound macht 50 Prozent eines Filmes aus, und genauso ist es bei Spielen“, sagt Stefan Randelshofer, Audio Director beim Spieleentwickler Ubisoft Blue Byte in Düsseldorf. „Ziel ist es, den Spieler in die passende Stimmung zu versetzen.“ Das schaffe nur ein Gesamterlebnis aus Sound und Grafik. Wegen der Interaktivität eines Computerspiels seien hier sogar wesentlich mehr Soundeffekte nötig als bei einem Film. „Das sind Zehntausende für ein Spiel“, sagt der Experte. Denn was zu hören sei, hänge davon ab, wie der Spieler handele.

Blue Byte produziere große Mengen eigener Töne und greife dazu auch auf Sounds der Boom Library zurück, die immer noch weiterverarbeitet würden, wie Randelshofer erklärt. Das mache am Ende professionelles Audiodesign aus. Bei einigen Spielen gebe es „ikonische Sounds“, die einen hohen Wiedererkennungseffekt bei Spielern hätten.

Das Repertoire der Boom Library reicht von Monstergeschrei über Stadtlärm, Klänge aller möglichen Tiere bis hin zu Wassergluckern oder typischen Mittelaltergeräuschen. Langer und Boom-Library-Mitbegründer Axel Rohrbach sind immer auf der Suche nach Gegenständen, mit denen sich Geräusche erzeugen lassen. Knochenbrechen lässt sich mit angefrorenen Karotten oder Sellerie imitieren, für Metallgeräusche ist das Team auch schon mal mit einem Vorschlaghammer in den Mainzer Zollhafen gefahren und hat sich kräftig an Containern abreagiert.

Die Sounds sind neben Filmen und Spielen auch in Serien, Handy-Apps oder Werbestreifen zu hören – manchmal nur für den Bruchteil einer Sekunde. Oft wissen die Mainzer nicht, wo ihre Werke überall vorkommen, Produzenten müssen das nicht offenlegen. „Manchmal schaut man dann einen Film und kann selbst nicht glauben, dass man da seinen Sound hört“, sagt der 37-jährige Sounddesigner Axel Rohrbach.

Rund ein Viertel des Geschäfts machen Langer, Rohrbach und Co. in Deutschland, wichtige andere Märkte sind die USA, Großbritannien, Kanada sowie Japan und Südkorea – die Boom Library zählt mehr als 15 000 Kunden in 120 Ländern.

„Das Schönste an dieser Arbeit mit so vielen verschiedenen Projekten ist die Abwechslung“, betont Langer. „Wir arbeiten an sehr großen internationalen, aber auch kleineren, lokalen, künstlerischen oder teilweise auch nicht-kommerziellen Projekten.“ Unabhängige Produzenten probierten viel mehr aus, man habe mehr Freiheiten als bei internationalen Großprojekten. „Das bringt uns auch dazu immer wieder neue Wege zu gehen.“

Firmengründer Axel Rohrbach bastelt im Mainzer Tonstudio von Boom Library an Soundeffekten für internationale Kunden.
Firmengründer Axel Rohrbach bastelt im Mainzer Tonstudio von Boom Library an Soundeffekten für internationale Kunden. FOTO: dpa / Christian Schultz