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Fußball
Ein zweites Sommermärchen? EM 2024 in Deutschland

Ein Fußballfest wie das Sommermärchen 2006: Das soll nach Wunsch des DFB auch die EM 2024 werden.
Ein Fußballfest wie das Sommermärchen 2006: Das soll nach Wunsch des DFB auch die EM 2024 werden. FOTO: Phil Daub - stock.adobe.com / fotolia.com © Phil Daub
Zweibrücken. Zuversicht gab es bei beiden Bewerbern, Zweifel am Erfolg der Bewerbung hatten weder der deutsche noch der türkische Fußballverband. So zumindest die öffentlichen Äußerungen, die natürlich Teil der Selbstdarstellung im Vorfeld dieser wichtigen Entscheidung waren. Tatsächlich dürfte es bis zur Bekanntgabe wenigstens kleine Momente des Zweifelns gegeben haben, ebenfalls auf beiden Seiten.

Für alles andere war das Rennen dann doch bis zum Schluss zu offen, wirklich sicher konnte sich keiner der potenziellen Ausrichter sein. Zumindest im Hinblick auf die Vergabe der Europameisterschaft 2024 müsste Gary Lineker sein berühmtes Deutschland-Zitat einmal revidieren. Denn im Gegensatz zur zurückliegenden WM in Russland heißt es diesmal erneut: Am Ende gewinnt Deutschland.

Kein "Share together" in der Türkei

Zugegeben, so ganz unerwartet ist dieser Sieg letztlich nicht. Deutschland wurde im Bewerbervergleich mit der Türkei als Favorit gehandelt, das lässt sich unterm Strich auch am eindeutigen Votum von zwölf zu vier Stimmen des Exekutivkomitees ablesen. Trotzdem war ein anderer Ausgang auch nicht gänzlich auszuschließen, ungeachtet der politischen (und wirtschaftlichen) Lage in der Türkei. Zuschläge mit dem Potenzial für heftige Kontroversen hatte es bei den letzten großen Turnieren ja gleich mehrfach gegeben, die Weltmeisterschaft in Russland wurde dabei ebenso zum Politikum hochgehandelt wie die Vergabe nach Katar.



Möglicherweise war das Thema Menschenrechte einer der Punkte, der die Türkei am Ende einmal mehr die Austragung eines internationalen Turniers gekostet hat. Die UEFA hatte jedenfalls in ihrem Evaluationsbericht das Fehlen eines Aktionsplans beanstandet, mehr als nur ein Schönheitsfleck auf einer ansonsten positiv aufgenommenen Bewerbung. Dass es nicht nur daran gelegen hat, macht ein weiterer Blick auf Katar deutlich: Die FIFA hatte dem arabischen Emirat damals die schlechteste Bewertung mit auf den Weg ins Auswahlverfahren gegeben, der Ausgang ist bekannt.

So bleibt es trotz aller Beteuerungen von Staatspräsident Tayyip Erdogan, eine EM in seinem Land zu einem lukrativen Unterfangen für die UEFA zu machen, für die Türkei erneut beim Nachsehen. Nach 2008, 2012 und 2016 bleibt dem türkischen Verband damit zum vierten Mal nichts weiter, als dem Konkurrenten zu gratulieren.

Vereint im Herzen Europas

Bei allen Unterschieden war zumindest der Verweis auf die geografische Lage ein Element, das in den Bewerbungen beider Verbände zu finden war. Die Türkei versuchte in dieser Hinsicht die Nähe von Europa und Asien geltend zu machen, ebenso wie die kulturelle Vielfalt, die sich aus der Verteilung der Spielstätten ergeben hätte. Kein schwaches Argument, immerhin ist beispielsweise der Weltverband FIFA ständig darum bemüht, sich und dem Fußball neue Märkte zu erschließen, die Vergabe der vergangenen WM-Turniere lässt daran keinen Zweifel.

United by Football: Mit diesem Slogan warb der DFB für die EM in Deutschland

Ähnliches gilt für die UEFA, die in zwei Jahren anstehende EM wird schließlich in insgesamt 12 europäischen Ländern ausgetragen. Auch wenn der damals verantwortliche UEFA-Präsident Michel Platini diese Entscheidung als eine im europäischen Geiste darstellte, so dürfte es genauso eine Rolle gespielt haben, den kleineren Verbänden mit dieser Lösung eine Gelegenheit zu geben, sich als Ausrichter zu präsentieren. Eine Rolle, die für ein ganzes Turnier von einigen UEFA-Mitgliedern wohl kaum hätte bewältigt werden können.

Mit Deutschland hat sich die UEFA allerdings für einen Gastgeber entschieden, der nicht nur, wie es schon das vom DFB ausgegebene Motto zur Bewerbung herausgestellt hat, im Herzen Europas liegt, sondern zugleich auf eine gewisse Erfahrung mit dieser Aufgabe hat: Insgesamt stehen drei Weltmeisterschaftsturniere (1974, 2006 und 2011) und einschließlich der Beteiligung an der EM 2020 (München ist einer der 12 Spielorte) zwei Europameisterschaften zu Buche. Im Jahr 2024 wird nun also eine weitere EM in deutschen Stadien ausgetragen werden.

Die Austragungsorte

Im Vergleich zur EM von 1988 hat sich einiges geändert, das eine mehr, das andere weniger. Zu Letzterem gehört die nur geringfügige Aufstockung der Spielorte. War man 1988 mit acht Spielorten ausgekommen, werden es in sechs Jahren zehn sein. Kein erheblicher Unterschied, was umso mehr gilt, wenn man sich vor Augen führt, wie sich seither die Teilnehmerzahlen bei Europameisterschaften entwickelt haben. Waren es Ende der 80er Jahre lediglich acht Mannschaften, die den Europameister-Titel unter sich ausmachten, aufgeteilt in zwei Vierergruppen, werden es 2024 dreimal so viele sein.

Insofern daraus deutlich mehr Partien resultieren, erscheint die Zahl der Spielorte auf den ersten Blick vergleichsweise klein. Andererseits kam die zurückliegende WM mit immerhin 32 teilnehmenden Nationen auch mit 12 Spielorten aus. Es dürfte also zu erwarten sein, dass die deutschen Stadien der bevorstehenden Aufgabe gewachsen sein werden. Und das sind die Austragungsorte:

· Berlin, Olympiastadion

Kapazität: 74.461

Das Berliner Olympiastadion wird einmal mehr die größte Spielstätte bei einem internationalen Turnier in Deutschland sein.
Das Berliner Olympiastadion wird einmal mehr die größte Spielstätte bei einem internationalen Turnier in Deutschland sein. FOTO: CC0 / Pixabay

Eine Liste der Spielorte ohne das Berliner Olympiastadion würde vielen Fußballfans wohl als unvollständig erscheinen. Immerhin wird hier nicht nur alljährlich das Finale des DFB-Pokals ausgetragen, das Stadion kann außerdem mit WM-Erfahrung punkten, etwa als Austragungsort des Finales von 2006 oder für das Eröffnungsspiel der WM 1974. Lob erhielt das angehende EM-Stadion mit der höchsten Bruttoplatzkapazität von Seiten der UEFA auch dafür, die Anforderungen in jeder Hinsicht, von den Kabinen bis hin zu den Parkplätzen, zu übertreffen.

· München, Allianz-Arena

Kapazität: 70.076

Spielort des Champions League-Finales von 2012, bei der EM 2020 als deutscher Vertreter beim europaweit ausgetragenen Turnier, dazu als Heimstadion des FC Bayern ohnehin in jedem Jahr auf der internationalen Bühne vertreten: Die Allianz-Arena ist ähnlich wie das Olympiastadion von Berlin eine Wahl, an der kein Verantwortlicher vorbeikommen kann. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil man in München um einen stetigen Ausbau bemüht ist, bei dem die Heim-Fans übrigens Mitspracherecht haben. Das Stadion ist daher in allen Belangen auf dem neuesten Stand, wenngleich sich dadurch bis 2024 noch einige Änderungen ergeben könnten.

· Düsseldorf, ESPRIT arena

Kapazität: 66.500

Nachdem das Stadion der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt bei der WM 2006 noch keine Berücksichtigung fand, bekommt die Düsseldorfer Arena bei der EM endlich seine Chance. Hinsichtlich der Kapazität muss sich die Spielstätte sicher nicht hinter den ganz Großen verstecken, vielmehr kann sie sogar mit einem verschließbaren Dach punkten. Laut UEFA-Bewertung gibt es dennoch Kleinigkeiten (die betreffen etwa den Medien- und VIP-Bereich), die bis zum Turnierstart erledigt werden müssen.

· Stuttgart, Mercedes-Benz Arena

Kapazität: 54.697

Seit einigen Jahren präsentiert sich das Stadion des VfB Stuttgart als reines Fußballstadion. Eine Option, die im Übrigen auch beim Berliner Olympiastadion im Gespräch ist und gehört ohnehin zur EM- und WM-Historie in Deutschland. Auch wenn es 1988 noch Neckarstadion hieß. Im Jahr 2006 wurde hier das Spiel um Platz 3 zwischen Portugal und Gastgeber Deutschland ausgetragen.

· Hamburg, Volksparkstadion

Kapazität: 52.245

Gleiches wie für das Stadion in Stuttgart gilt für das Hamburger Volksparkstadion. Dass es bei allen bisherigen Turnieren in Deutschland als Austragungsort fungierte, mag nicht zuletzt mit der Stadt selbst zu tun haben. Hamburg ist immerhin die zweitgrößte deutsche Stadt und damit prädestiniert, das Gastgeberland zu vertreten.

· Köln, RheinEnergieSTADION

Kapazität: 45.965

In der Rheinmetropole ist man nicht nur karnevalsjeck, sondern auch fußballverrückt. Zudem ist Köln das Aushängeschild für rheinische Gastlichkeit. Um als EM-Stadion von der UEFA angenommen zu werden, mussten allerdings einige Umbaumaßnahmen in Aussicht gestellt werden. Allerdings hat das Stadion schon unter anderem 2006 bewiesen, dass es internationale Spiele ohne Schwierigkeiten beherbergen kann.

· Leipzig, Red Bull Arena

Kapazität: 42.959

Neben Berlin stellt Leipzig sozusagen das zweite Stadion, das im Osten der Republik angesiedelt ist. Unabhängig von den Kriterien der UEFA wird an der Arena stetig gearbeitet, zuletzt wurde die Kapazität für Bundesliga-Spiele verkleinert. Die UEFA bewertet die Umbau-Pläne positiv, sieht allerdings vor allem bei den Logen noch Nachholbedarf.

· Dortmund, SIGNAL IDUNA PARK

Kapazität: 65.849

Mehr als nur ein Dortmunder Wahrzeichen: Der SIGNAL IDUNA PARK steht außerdem seit vielen Jahren für internationalen Spitzenfußball vor beeindruckender Kulisse.
Mehr als nur ein Dortmunder Wahrzeichen: Der SIGNAL IDUNA PARK steht außerdem seit vielen Jahren für internationalen Spitzenfußball vor beeindruckender Kulisse. FOTO: Marcus Retkowietz - stock.adobe.com / fotolia.com © Marcus Retkowitz

Es wäre nur schwer vorstellbar gewesen, wenn die Heimat der legendären Gelben Wand nicht zu den Austragungsorten der EM gezählt hätte, dagegen spricht nicht nur der Ruf des Stadions bezüglich der Stimmung, sondern auch sein Fassungsvermögen. Zusammen mit dem Olympiastadion und der Allianz Arena zählt der SIGNAL IDUNA PARK immerhin zu den drei größten Stadien in Deutschland. Was das für ein internationales Turnier bedeutet, konnten Besucher des Halbfinals von 2006 erleben. Ansonsten dürfte die Atmosphäre bei internationalen Spielen aber genauso von den regelmäßigen Champions League-Auftritten des BVB bekannt sein.

· Gelsenkirchen, VELTINS-Arena

Kapazität: 54.740

Wie auch das Düsseldorfer Stadion besteht auf Schalke die Möglichkeit, das Stadiondach komplett zu schließen. Das größere Pro-Argument dürfte aber die Bilanz der WM 2006 sein, bei der die VELTINS-Arena zu allen hier stattfindenden Partien (das waren immerhin fünf) komplett ausverkauft war. Davor konnte sich Gelsenkirchen schon 1988 als Spielort auszeichnen.

· Frankfurt/Main, Commerzbank-Arena

Kapazität: 48.500

Zuletzt war Frankfurt am Main als möglicher Austragungsort für Länderspiele eher mit Negativschlagzeilen vertreten, wenngleich die weniger vom Stadion selbst, als vielmehr von den (dementierten) Bedenken des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel herrührten. Ungeachtet der daraus resultierenden Diskussionen ist das Stadion sehr wohl für internationale Turniere geeignet, bei der WM 2006 beherbergte es wie die Gelsenkirchener Arena ausschließlich ausverkaufte Partien und hatte im Jahr zuvor anlässlich des FIFA-Konföderationen-Cups bereits das Debüt auf internationaler Ebene gegeben. Abgesehen davon liegt es in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptsitz des DFB, der hier sozusagen seine Heimspiele hat.

Hohe Erwartungen

Allerdings sind es nicht allein die Stadien, die bei der EM 2024 überzeugen müssen. Die Messlatte für die allgemeine Stimmung dürfte wohl die WM 2006 sein, mit der Deutschland als Gastgeber weltweit punkten konnte. Philipp Lahm als Botschafter der deutschen EM-Bewerbung wünscht sich daher nicht weniger als ein "riesengroßes Fest mit ganz Europa" für 2024. Für die Fußballfans im Land spielt dabei aber auch das sportliche Abschneiden der Nationalmannschaft eine Rolle.

Ganz schlecht ist die Bilanz der deutschen Elf jedenfalls nicht: Bei insgesamt zwölf Teilnahmen sprangen immerhin drei EM-Titel heraus, dazu drei zweite Plätze und drei Mal das Halbfinale. Bei den übrigen drei Turnieren war hingegen schon nach der Vorrunde Schluss. Bei der EM vor heimischer Kulisse wird das hoffentlich nicht passieren, auch in dieser Hinsicht sind die Erwartungen groß, aber das ist die allgemeine Vorfreude schließlich genauso.