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Der lange Weg zum Roten Planeten

Der Mars glich vor Jahrmilliarden möglicherweise der Erde. Heute ist er eine lebensfeindliche, eiskalte Wüste mit einer extrem dünnen Atmosphäre. Astronauten, die hier leben wollten, bräuchten eine umfassende technische Ausrüstung und ständigen Schutz vor der kosmischen Strahlung.
Der Mars glich vor Jahrmilliarden möglicherweise der Erde. Heute ist er eine lebensfeindliche, eiskalte Wüste mit einer extrem dünnen Atmosphäre. Astronauten, die hier leben wollten, bräuchten eine umfassende technische Ausrüstung und ständigen Schutz vor der kosmischen Strahlung. FOTO: NASA/JSC/Pat Rawlings
Paris. Um „MarsOne“, das vor fünf Jahren groß angekündigte Projekt der Besiedlung des Roten Planeten, ist es still geworden.

Mit der Bahn oder dem Flugzeug nur eine Hinreise zu buchen, ist kein Problem. Es wird sich schon eine Lösung für die Rückfahrt finden. Wenn jedoch Astronauten ins All starten, muss bereits bei Beginn der Mission die Rückreise bis ins kleinste Detail geplant sein. Kein professioneller Raumfahrer würde sich auf einem Raumflug begeben, wenn es keine Chance für die Rückkehr gäbe.

Umso mehr sorgte vor fünf Jahren die Initiative „MarsOne“ für Furore. Sie sieht einen Einwegtrip zum Roten Planeten vor. „MarsOne“ will drei Dutzend Menschen zum Mars bringen – und zwar für immer. Sie sollen sich dort ansiedeln, so wie vor zwei Jahrhunderten die ersten weißen Kolonisten in den Wilden Westen Nordamerikas zogen. Nur das Notwendigste, beispielsweise Pflanzensamen, Geräte zur Regeneration der Atemluft und zur Wassergewinnung aus dem Marsboden, sollten sie mitnehmen.

Für das Weltraumabenteuer wurden in einem Online-Wettbewerb junge Freiwillige mit Pioniergeist gesucht, die auf den Rückflug zur Erde verzichten wollten. Bei der Bewerbung gefragt waren englische Sprachkenntnisse, eine gute Gesundheit und allgemein Interesse an Wissenschaft und Technik. Ein selbstgedrehtes Bewerbungsvideo, Antworten auf einem Fragebogen und ein kurzes Interview genügten zur Anmeldung.



Mehr als 200 000 Bewerbungen sollen bei den Initiatoren eingegangen sein. Davon gelangten 100 Kandidaten, darunter zwei Deutsche, in die engere Wahl. In öffentlichen Casting-Shows sollten sie sich dem Urteil einer professionellen Jury und der Zuschauer stellen und dann das Training für den Flug aufnehmen.

Das hätte eigentlich in diesem Jahr beginnen sollen, doch bereits im Frühjahr 2015 stieg einer der Hauptgeldgeber, die Produktionsfirma Endemol, die mit TV-Unterhaltungsshows wie Big Brother weltweit aktiv ist, aus dem Marsprojekt aus. Außerdem haben sich professionelle Raumfahrer wie der deutsche Esa-Astronaut Thomas Reiter und andere Raumfahrtexperten skeptisch über die Erfolgsaussichten einer solchen Einweg-Mission geäußert.Wesentliche Fragen zur Sicherheit der Raumfahrer, wie zum Beispiel der Schutz vor der kosmischen Strahlung bei einem neun Monate dauernden interplanetaren Flug und die gesundheitlichen Risiken durch die Schwerelosigkeit seien bisher praktisch ungeklärt.

Bislang brauchten sämtliche Astronauten, die nach einem halben Jahr Schwerelosigkeit auf der Internationalen Raumstation  zur Erde zurückkehrten, die Hilfe ihres Bergungsteams bei den ersten Gehübungen nach der Landung. Die ersten Siedler auf dem Mars würde jedoch niemand erwarten. Sie wären auf sich allein gestellt und könnten wegen der großen Entfernung und Signallaufzeiten von 20 Minuten bis zur Erde nicht einmal schnellen Rat von einer Bodenstation einholen.

Und selbst wenn Flug und Landung problemlos verlaufen sollten, bestünde die Gefahr, dass die ersten Siedler nach wenigen Monaten in ihren Wohncontainern ersticken. Zu diesem Ergebnis gelangte jedenfalls vor knapp einem halben Jahr ein Expertenteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Es erklärte, die von der Erde mitgebrachten Pflanzen seien nicht in der Lage, auf Dauer die Neubürger auf dem roten Planeten mit ausreichend Atemluft und Nahrung zu versorgen. Das bestätigen zudem alle bislang mit Salatpflanzen und Blumen gemachten Experimente auf den Raumstationen Mir und ISS.

Die geschätzten Kosten von rund sechs Milliarden US-Dollar für die erste Marsreise ohne Rückkehr erscheinen Laien astronomisch, unter Fachleuten gelten sie jedoch angesichts der Tatsache, dass es noch nicht einmal ein geeignetes Raumfahrzeug für diesen Einsatzzweck gibt, als hoffnungslos zu niedrig angesetzt. Der US-Raumfahrtkonzern Lockheed Martin, der Konzepte für einen Marslander entwickeln sollte, hat sich aus dem Projekt zurückgezogen.

Die Mars-One-Initiative ist allerdings nicht der einzige Versuch, den roten Planeten zu besiedeln. Auch Elon Musk, der Gründer des Weltraumunternehmens SpaceX und Chef des Automobilherstellers Tesla will schon bald eine leicht umgebaute Dragon-Raumkapsel auf einen unbemannten Testflug zum Mars schicken. Ein konkreter Starttermin steht noch nicht fest, doch Dragon-Raumkapseln fliegen immerhin bereits regelmäßig zur Internationalen Raumstation. Musk hat die Visionen einer Marsbesiedelung vor einem Jahr durch ein noch kühneres Programm übertroffen. Er möchte 2024 über 100 Astronauten mit neuentwickelten 180 Meter hohen Super-Raketen zum Roten Planeten transportieren. Noch ist auch das Wunschdenken. Aber immerhin verspricht Musk seinen Raumfahrern ein Rückkehrticket zur Erde, falls es ihnen auf dem Mars nicht gefallen sollte.