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Protestbewegung in Italien
Sardinen gegen Salvini

Rom/Florenz. Eine neue Protestbewegung gegen Rechts findet immer mehr Anhänger in Italien. Am Samstag demonstrierten 40 000 in Florenz. Von Julius Müller-Meiningen und Giada Zampano

Die Sardinen spielen in der italienischen Küche eine untergeordnete Rolle. In Venetien beispielsweise gibt es frittierte Sardinen auf Zwiebeln mit Essig und Rosinen, eher gewöhnungsbedürftig. Dafür treten die Sardinen nun einen gesellschaftlichen Siegeszug an. Doch die Protestbewegung mit diesem Namen, die in den letzten Wochen im Internet entstand und sich nun wie ein großer Schwarm über das ganze Land verbreitet, versteht sich nicht als politischer Akteur. Es geht den Sardinen eher um eine Atmosphäre, die sich in den vergangenen Jahren in Italien herausgebildet hat und der sie sich nun mit Zivilcourage entgegen stellen wollen. Die Bewegung richtet sich vor allem gegen Ex-Innenminister Matteo Salvini und seine rechtspopulistische Lega. Auf die Straße gehen, ganz eng beieinander stehen gegen die Menschenfeindlichkeit, gegen Hass, Intoleranz und Rassismus. Wie die Ölsardinen in der Dose. Das ist ihr Programm.

„Wir wollten ein Vakuum füllen, das die traditionelle Politik hinterlassen hat“, sagt einer der Sardinen-Gründer in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Der 32-jährige Mattia Santori meint, die Politik habe „vor einer gewaltsamen Sprache von Hass und Angst kapituliert“. „Wir haben festgestellt, dass dieses Vakuum viel größer ist als erwartet.“

Die Protagonisten der Bewegung sind eher jüngeren Alters, mehrheitlich zwischen 30 und 40 Jahren. Es gibt aber auch Anhänger wie die 85-jährige Wanda Pane aus Neapel, die sich auf Facebook gerade in einem selbstgestrickten Sardinengewand mit wolligen Schwanzflossen und dem Hashtag „originalneapolitansardina“ verewigt hat. Tausende Likes waren Signora Pane gewiss. Anfang der Woche füllten 10 000 protestierende Sardinen den Domplatz von Parma. Zuvor waren es 7000 in Modena, ebensoviele in Rimini und 12 000 in Bologna. Im Januar stehen Regionalwahlen in der Emilia-Romagna an. Ex-Innenminister Salvini ist auf Wahlkampftour, seine Lega liegt laut Umfragen landesweit immer noch bei knapp 35 Prozent. Die Lega-Kandidatin hat gute Aussichten darauf, Regionalpräsidentin zu werden, ausgerechnet in der früheren Hochburg der Linken, in der die Partisanen-Tradition und „Resistenza“ immer noch eine große Rolle spielen. Das war der Auslöser für die „erste Fisch-Revolution“ der Geschichte, wie die Gründer schreiben.



Die Organisatoren haben offenbar im ganzen Land einen Nerv getroffen. Am Samstag gingen in Florenz zehntausende Menschen auf die Straße. „Jede Sardine hat das Recht auf Existenz“, skandierten die Demonstranten auf dem Platz der Republik im Zentrum von Florenz. Zahlreiche Protestteilnehmer stimmten in das Partisanenlied „Bella Ciao“ ein. Auf Flaggen und Banner politischer Parteien oder Vereinigungen verzichteten die Demonstranten. Stattdessen hoben viele Plakate in Form einer Sardine in die Höhe. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich etwa 40 000 Menschen an dem Protest.

Mitte Dezember haben sie sich in Rom verabredet, später auch in Verona. In allen Städten gibt es Menschen, die wohl ein Ventil gesucht haben, um ihren Protest im Hinblick auf die Entwicklung kundzutun, in der in der Öffentlichkeit immer freimütiger gegen Ausländer, Juden, Homosexuelle, aber auch gegen Frauen gehetzt wird.

Mehr als 40 Prozent der Italiener halten die Sardinen inzwischen für „Salvinis gefährlichsten Feind“, wie aus einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Instituts Index Research hervorgeht. „Wir sind schon Hunderttausende, und wir sind bereit, Ihnen Einhalt zu gebieten“, heißt es im Programm der Sardinen an die Rechtspopulisten gerichtet. Die Bewegung werde „diese Botschaft verbreiten, bis Sie seekrank werden“.

Salvini kanzelte die „Sardinen“ zunächst ab und machte sich dann über sie lustig. Er ziehe „Katzen Sardinen vor, und Katzen essen Sardinen, wenn sie Hunger haben“, schrieb der ehemalige Minister auf Twitter.