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Behindertensport
Popow will in guter Erinnerung bleiben

Berlin. Der Paralympics-Sieger beendet heute mit dem Weitsprung bei der Para-EM in Berlin seine überaus erfolgreiche Karriere. sid

Der letzte Sprung wird alles ändern. Ein Zurück gibt es nicht. Der Wettkampf, der Alltag an der Seite anderer Athleten, „all das wird mir fehlen“, sagt Heinrich Popow. Über Jahre prägte der Paralympics-Sieger den deutschen Behindertensport. Sein kritischer Geist sowie die offene und humorvolle Art sind die Markenzeichen des Sportlers. Bei der Para-Leichtathletik-EM in Berlin, die gestern begonnen hat und bis Sonntag dauert, bestreitet er den letzten Wettkampf seiner Karriere. „Es wird richtig schwer. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen werde“, sagt Popow.

Der 35-Jährige trägt die Erinnerungen an eine außergewöhnliche Athleten-Laufbahn im Herzen. Die ersten WM-Titel 2011 oder die Olympiasiege in London und Rio de Janeiro sind unvergessen. Wertvoller als Edelmetall ist Popow, dem herausragenden Sprinter und Springer, aber die gemeinsame Zeit mit Teamkollegen und Konkurrenten gewesen. Er sei ein Wettkampftyp und habe den Sport stets ernst genommen. Aber „ich gehörte immer zu denen, die die Menschlichkeit in den Vordergrund gestellt haben“, sagt Popow.

In der Vorbereitung auf das letzte Weitspringen seiner Laufbahn heute präsentierte sich Popow in Berlin gewohnt locker. Hier ein Späßchen mit den anderen deutschen Athleten, da ein lockeres Schwätzchen mit der Konkurrenz. Die Unbeschwertheit ist nicht Popows einzige Stärke. „Da tritt ein ganz, ganz Großer ab“, sagt Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Popow, fügt der 72-Jährige hinzu, habe den Sport über Jahre mitgeprägt. Und, das ist Beucher fast noch wichtiger: „Er hat ein begnadetes Talent, junge Leute zu motivieren und an den Para-Sport heranzuführen.“



Beucher verliert im Athleten Popow einen Werbeträger. Auf seine Stimme will der Funktionär nicht verzichten. Popow, so die Hoffnung, soll sich künftig in anderer Rolle im Verband verdient machen. Popow ist grundsätzlich nicht abgeneigt. Bedingungen stellt er dennoch. „Es muss eine Rolle sein, bei der ich etwas bewirken kann“, sagt er: „Ich will nicht, dass die politische Korrektheit im Vordergrund steht.“

Politisch korrekt war er nie. Missstände sprach Popow stets direkt an. „Ich war nicht immer nur der Nette“, sagt er: „Ich habe mich aber manchmal gefragt, ob ich nicht zu viel Stunk mache.“

Ganz offensichtlich nicht. Der DBS wählte aus der 40-köpfigen Mannschaft Popow als deutschen Fahnenträger für die gestrige EM-Eröffnungsfeier aus. „Das zeigt, dass man auch gute Dinge gemacht hat. Es ist eine große Aufgabe und eine große Ehre“, sagt Popow, der heute im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in der Startklasse T63 um eine Medaille springen will. „Wenn man mich kennt, weiß man, dass ich alles versuchen werde. Ich habe aber nicht das Niveau von Rio“, sagt Popow. In guter Erinnerung bleiben wird er trotzdem.