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Patienen von Virus geheilt
China hofft in Corona-Krise auf ein Stück Normalität

Peking. In Peking verlassen die ersten vom Virus geheilten Patienten die Krankenhäuser. Eine Familie berichtet von ihren Erlebnissen. Von Fabian Kretschmer

Feuchtkühler Wind und Schneeregen fegt durch den Innenhof des Youan-Krankenhaus in Peking. Nur ein Mann mit Ganzkörper-Schutzanzug, der zwischen den vierstöckigen Funktionsbauten Desinfektionsmittel versprüht, erinnert an die landesweite Ausnahmesituation. Im Gegensatz zu sämtlichen Wohnanlagen, U-Bahnhöfen oder Einkaufszentren wird der Weg ins Krankenhaus nämlich nicht von Wachmännern versperrt, die Körpertemperaturen messen und Personalien aufnehmen. So paradox es klingt: Die Klinik vermittelt mehr Normalität als die geschlossenen Lokale und Bürogebäude der Stadt.

Aus dem Hauptgebäude tritt ein junges Pärchen auf die wartenden Journalisten zu, die Frau trägt einen kleinen Bub in Leopardenanzug auf dem Arm. Mitarbeiter der Regierung begrüßen die Jungfamilie mit einem Blumenstrauß. Herr Liu und Frau Li werden heute aus der Klinik entlassen. Der Presse sollen sie an diesem Freitagnachmittag von ihrer Viruserkrankung erzählen und der anschließenden Genesung. Arrangiert wurde das Interview, wie in solch sensiblen Fällen in China üblich, vom staatlichen Informationsbüro.

Die Transparenz ist kein Zufall: Händeringend braucht die Volksrepublik eine Erfolgsmeldung beim Kampf gegen das Coronavirus. Noch vor kurzem hoffte die Regierung schließlich, dass sich das Land in dieser Woche langsam wieder  dem Alltag annähern würde. Die Zahl der Virusinfizierten sank sieben Tage lang in Folge. Präsident Xi Jinping traute sich erstmals in die Öffentlichkeit: Fotos der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zeigten ihn händewinkend beim Besuch eines Krankenhauses.



Doch die Zahl der Toten stieg dennoch täglich an, bis Montagnachmittag waren es bereits über 1770 in China. Und am Donnerstag schließlich explodierte die Zahl der Neuinfektionen so stark wie noch nie zuvor. Dies ging zwar auf eine veränderte Zählweise der Behörden zurück, dennoch scheint die Hoffnung auf eine Kontrolle des Virus vorerst in weite Ferne gerückt. „Dies ist ein Kampf um Leben und Gesundheit unserer Bevölkerung und der ganzen Welt“, heißt es in einem Schreiben des Informationsbüros der Pekinger Stadtregierung.

Der nun geheilte Herr Liu, 29 Jahre, Büroangestellter in der IT-Industrie, erzählt von seiner Infektionsgeschichte: Ende Januar haben ihn die Eltern, die wie er aus der schwer betroffenen Provinz Hubei stammen, zum chinesischen Neujahrsfest besucht. Beim Umsteigen in Wuhan müssen sie sich infiziert haben. Wenig später haben sie sich alle infiziert: seine Ehefrau und der gerade einmal einjährige Sohn.

„Am Anfang hatte ich schon ein bisschen Angst“, sagt Frau Li: „Doch im Krankenhaus wurden wir von Anfang an gut behandelt. Wir konnten als Familie weiterhin zusammenbleiben, hatten eine gemeinsame Dusche und Toilette. Es war ein bisschen wie im Hotel.“ Die Symptome seien bei ihr und ihrem Kind kaum merkbar ausgeprägt gewesen. Nur ihr Ehemann hätte Fieber und Husten gehabt, doch nach vier Tagen habe sich auch das gelegt. „Das Virus war nicht so stark, wie wir gedacht haben. Wer infiziert ist, sollte auf das Land vertrauen und die behandelnden Ärzten“, sagt Herr Liu.

Solche Aussagen mögen nach Propaganda klingen, schließlich könnten sie gegensätzlicher nicht sein zu den Hiobsbotschaften, die die Weltöffentlichkeit aus Wuhan erreichen: Ein Bürgerjournalist filmte dort nicht nur hoffnungslos überfüllte Krankenhäuser, sondern auch Leichensäcke auf den Gängen.

Tatsächlich bestätigen jedoch Gesundheitsexperten, dass das Virus viele verschiedene Gesichter hat. Laut Benjamin Cowling, Epidemiologe an der Universität Hongkong, sähen wir derzeit nur die Spitze des Eisberges. Eine riesige Dunkelziffer an Infizierten würde nur leichte Symptome zeigen. „Unserer Einschätzung nach liegt das neue Coronavirus von seiner Gefährlichkeit her in etwa zwischen dem tödlichen Sars-Virus und einer herkömmlichen Grippe“, sagt der britische Wissenschaftler. Die Sterblichkeitsrate dürfte in den nächsten Wochen deutlich sinken, weil schlicht immer mehr Infizierte mit mildem Krankheitsverlauf erfasst würden.

Die Ärztin Xu Bin vom Youan-Krankenhaus ist eine von mehreren Medizinern, die sich um die insgesamt 20 Infizierten kümmert. In ganz Peking sind derzeit über 370 Ansteckungen bekannt. Die Behandlung beschränkt sich laut Ärztin Xu auf traditionelle chinesische Medizin für die leichten Fälle, Antibiotika und künstliche Beatmung für die schwereren. Bislang seien nur Senioren über 80 Jahren an dem Virus im Youan Krankenhaus gestorben.

Kurz bevor die genesene Familie in die Freiheit entlassen wird, möchte Herr Liu noch ein Wort loswerden: Man solle sich nicht vor dem Virus fürchten, aber sofort in Behandlung begeben. Angst vor einer Neuansteckung habe er nicht, doch in den nächsten Tagen werde die Familie erst einmal nur zu Hause bleiben.