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Fußball-Bundesliga
Ohne Titz gäbe es keine Hoffnung mehr

Mit Christian Titz als neuem Trainer hat beim Hamburger SV nicht nur Lewis Holtby (links) einen Leistungssprung gemacht. Foto: Steffen/dpa
Mit Christian Titz als neuem Trainer hat beim Hamburger SV nicht nur Lewis Holtby (links) einen Leistungssprung gemacht. Foto: Steffen/dpa
Hamburg. Aus Homburg nach Hamburg: Mit dem neuen Trainer glaubt der HSV wieder an das Wunder Klassenverbleib. Von Claas Hennig (dpa)

(dpa) So gefragt war Christian Titz noch nie in seinem Trainer-Leben. Ein Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, Interviews in den Fach-Gazetten „Sport Bild“ oder „kicker“, Porträts in zahlreichen Zeitungen – in der Schlussphase der Saison muss der 47-Jährige fast täglich Rede und Antwort stehen. Jeder will wissen, wie es der noch vor knapp zwei Monaten nur in Fachkreisen bekannte Übungsleiter geschafft hat, den schon längst totgesagten und so gut wie abgestiegenen Fußball-Bundesligisten Hamburger SV wiederzubeleben. Von 2011 bis 2014 hatte Titz noch als Trainer den FC Homburg aus der Oberliga in die Regionalliga geführt und dort etabliert.

Titz scheint die Aufmerksamkeit nichts auszumachen. Er nimmt sich die Zeit. So spricht er auch jeden Sonntagmorgen nach einem Punktspiel noch lange nach dem Training mit Journalisten. Er habe das „nicht allein gemacht, sondern der ganze Stab hat mich dabei enorm gut unterstützt“, sagte der Familienvater dem „kicker“ zum unerwarteten Aufschwung: „Am Ende sind aber die Spieler entscheidend, denn sie sind die Hauptprotagonisten.“

Dennoch: Ohne ihn gäbe es keine Hoffnung mehr auf das Wunder Klassenverbleib. Als er im März vom U21- zum Cheftrainer befördert worden war, war dies auch für ihn nicht ohne Risiko. Schließlich würde sein Name mit dem ersten Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds auf ewig verbunden sein. Etwas, das sich im Lebenslauf für mögliche Bewerbungen bei anderen Profi­clubs nicht sonderlich gut macht. Er habe eine Nacht darüber schlafen müssen, ehe er zugesagt hatte. „Ich musste den Glauben und die Überzeugung haben“, sagte er.



Zwar sind die Hanseaten vor dem vorletzten Saisonspiel an diesem Samstag bei Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr) als Tabellenvorletzter noch immer in höchster Gefahr. Schließlich fehlen ihnen noch zwei Punkte zum Relegationsplatz. Aber der auf diesem rangierende VfL Wolfsburg hat eine Formkurve, die steil nach unten zeigt. Bei Frankfurt lief es in der Liga zuletzt ähnlich. Anders ist es beim HSV. Nach sechs Spielen unter Titz hat sich in der Mannschaft, im Verein und unter den Fans etwas bewegt. Es herrscht wieder so etwas wie Euphorie im und um das Team.

„Nach den letzten gewonnenen Spielen spürt man schon, dass die Mannschaft an sich glaubt, dass der Mut, ein Risiko einzugehen, sehr, sehr groß ist“, sagte Titz jetzt: „Es überwiegt der Fokus auf die Chance, dass man zurückkommen kann.“

Die Begeisterung rührt nicht nur aus zuletzt zehn Punkten. Sondern daher, dass das Team dem Überlebenskampf plötzlich mit spielerischen Mitteln begegnet. „Wir spielen das erste Mal seit vier Jahren Fußball“, sagte der wiedererstarkte Mittelfeldspieler Lewis Holtby. Titz rüffelte seinen Spielmacher für die Aussage, weil er darin eine Abwertung der Arbeit seiner Vorgänger sah. Letztlich hat Holtby aber recht.

Titz hat mit tiefgreifenden Maßnahmen ein neues Fußball-Gefühl vermittelt. „Wir mussten etwas Grundlegendes ändern“, sagte er der „Sport Bild“. Er setzt verstärkt auf Kurzpassspiel statt auf lange Bälle nach vorn und nutzt dabei die Stärken von Spielern wie Holtby, Aaron Hunt, Luca Waldschmidt oder Tatsuya Ito. Er holte Spieler aus der U21-Mannschaft, die dank ihrer Erfolgserlebnisse in der Regionalliga die Stimmung in der Kabine verbesserten. Titz und sein Trainerteam führten „Zielgespräche“ mit den Spielern. Er habe mit jedem bestimmt, „wie wir ihre Position sehen, wie sie dort spielen sollen und was sie verbessern sollen“. Das Ergebnis: „Wir spielen einen ganz anderen Fußball. Er hat eine Philosophie, hinter der er steht“, beschrieb es Hunt. Und Titz lebt den Glauben an das Fußball-Wunder vor. Er ist überzeugt von dem, was er tut, und wirkt in sich ruhend.