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Reise
Auf Schienen durch Tansania

 Fast immer, wenn der Zug hält, kommen Frauen und Kinder, um den Passagieren etwas zu verkaufen.
Fast immer, wenn der Zug hält, kommen Frauen und Kinder, um den Passagieren etwas zu verkaufen. FOTO: Julian Hilgers/dpa-tmn / Julian Hilgers
Daressalam. Eine Zugreise durch das ostafrikanische Land ist ein echtes Abenteuer. Die Tazara-Bahn fährt – aber ohne einen Fahrplan. Von Julian Hilgers

Wer mit der Bahn durch Tansania reist, braucht viel Zeit. Und das schon bevor es überhaupt losgeht. „Seien Sie zwei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof“, sagt der Schalterbeamte in Daressalam einen Tag vor der geplanten Abreise. Warum, das sagt er nicht.

Die Einheimischen kümmert es nicht. Mit ihren Kindern an den Händen und Körben auf dem Kopf trudeln sie pünktlich am Bahnhof ein. Sie belagern die Bänke und haben riesige Mengen an Wasser und Toastbrot für die Reise dabei.

Der Zug verlässt Daressalam dann mit knapp vier Stunden Verspätung. Das ist gar nicht so schlecht –manchmal ist es ein ganzer Tag. Und das, obwohl die Verbindung hier startet. Eine Begründung oder gar eine Entschuldigung für die Verspätung dürfen Passagiere nicht erwarten.



Mindestens 40 Stunden soll die Fahrt von der Metropole am Indischen Ozean bis nach Mwanza am Victoriasee dauern. Sie kostet rund 75 000 Tansania-Schilling in der ersten Klasse, das sind umgerechnet etwa 29,40 Euro. Von Luxusabteil kann dabei keine Rede sein. Hier gibt es zwei abgenutzte Liegeflächen aus Lederimitat, ein kleines verrostetes Waschbecken und einen Ventilator. Polster und Decken sind sauber, der Rest wirkt ein wenig schmuddelig. Ein Stock hält das Schiebefenster zusammen. Die sanitären Anlagen am Ende des Abteils bestehen aus einem Loch im Boden.

Unter dem Abendhimmel rattert der Zug von der Küste ins Landesinnere. Schlaf zu finden, ist nicht einfach. Der Zug schaukelt und rüttelt über die Gleise. Die Tür des Abteils schließt nicht richtig und klackert während der gesamten Fahrt. In jedem Dorf hält die Bahn etwa zehn Minuten, in größeren Städten auch mal eine halbe Stunde oder länger. Einen Fahrplan gibt es nicht. Ruckeln und die Hupe des Lokführers begleiten jede neue Abfahrt in die Nacht.

Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen durch den grauen Dieseldampf leuchten, streift der Zug eine karge Landschaft. Leere Reisfelder sehnen sich nach Regen. Nur wenige Bäume tragen noch Grün, einige Bauern treiben ihr Vieh durch die Weite. Nach etwa 16 Stunden und 465 gefahrenen Kilometern erreicht der Zug die Hauptstadt Dodoma.

Das Eisenbahnnetz in Tansania ist seit der Unabhängigkeit des Landes 1961 geschrumpft. Das Zugsystem stammt noch aus der Kolonialzeit. Die Central Line nach Kigoma am Tanganyikasee bauten von 1905 bis 1914 die Deutschen, die Northern Line nach Mwanza, die 1928 eröffnet wurde, die Briten. Mit Chinas Hilfe kam am Ende der 1970er Jahre die Tazara-Bahn dazu. Sie führt durch einige Nationalparks im Süden Tansanias bis nach Sambia.

In der Regel fahren die Züge zweimal in der Woche. Wann genau, wissen nicht mal die Mitarbeiter am Bahnhof. Sie verkaufen auch die Fahrkarten. „Kaufen Sie das Ticket ein oder zwei Tage vorher“, lautet die Empfehlung dort. Die Abfahrtzeiten können sich immer ändern. Doch Besserung ist in Sicht: Von Ende 2020 an soll eine neue zuverlässige Schnellverbindung zwischen Daressalam und Dodoma entstehen.

Für viele Menschen in Tansania reicht das Geld nur für die dritte Klasse. Zusammengequetscht hocken sie dort auf den Bänken. Säcke, Taschen und unruhige Kinder füllen den Gang. Einige Passagiere stehen am Fenster und lassen die Weite des Landes an sich vorbeiziehen. Mit dem Zug erreichen sie ihre Heimat: Dörfer, die nur auf wenigen Landkarten verzeichnet sind. Wer mit den Einheimischen in Kontakt kommen will, ist hier richtig. Das Abenteuer wartet jedoch vor allem neben den Gleisen.

In Saranda, einem kleinen Ort, verwandelt sich der Bahnhof in Sekundenschnelle in eine Freiluftkantine. Anwohner grillen Mishkaki (Fleischspieße), kochen Chipsi Mayai (Omelett mit Pommes frites) oder Reis mit Bohnen. Viele Passagiere sind vorbereitet: Mit Besteck und Dosen in den Händen stürzen sie sich in das Outdoor-Restaurant. Wer nicht aussteigen will, wird auch am Fenster bedient. Immer wenn der Zug hält, und das ist etwa alle 20 bis 30 Minuten, beginnt das Spiel von vorne. Vor allem Frauen und Kinder laufen die Fenster ab, verkaufen Körbe, Kekse und Krimskrams. „Mzungu“, rufen sie vom Rand der Gleise – so nennen sie die Weißen hier.

In den ländlichsten Gegenden fragen die Kinder nach leeren Wasserflaschen. Fliegt mal eine aus dem Zugfenster, entsteht mancherorts ein regelrechter Kampf um das Plastikgold. Denn die Kinder füllen die Flaschen auf und verkaufen sie an Passagiere im nächsten Zug, der das Dorf passiert. 

Auch die zweite Nacht im Zug verläuft eher unruhig. Gegen zwei Uhr erreicht er Tabora. Erst nach mehr als zwei Stunden geht es weiter. Zum einen teilt sich der Zug hier auf. Ein Teil fährt nach Westen nach Kigoma, der andere Richtung Norden nach Mwanza. Die Waggons müssen dafür aufwendig rangiert werden. Zudem hat eine hochschwangere Frau kurz vor Tabora ihr Kind zur Welt gebracht. „Ein Arzt musste in den Zug kommen, aber allen geht es gut“, klärt eine Mitreisende am Morgen auf.

Je näher der Zug Mwanza kommt, desto grüner wird die Landschaft. Baumwolle, Mais und Spinat wachsen auf den Feldern. Immer mehr Passagiere strecken den Kopf aus dem Fenster. Sie beobachten die Bauern mit ihren Kühen und Ziegen und winken den Kindern, die aus den Lehmhütten sprinten und den Zug ein Stück begleiten.

Wer aufmerksam und geduldig ist, kann Tansania auf der Fahrt von vielen Seiten kennenlernen. Nach knapp 50 Stunden und gut 1200 Kilometern hupt sich der Lokführer durch den Stadtverkehr von Mwanza, während die Sonne tief über dem Victoriasee steht.