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Integrationsdebatte
Özils Rücktritt wird zum Politikum

Berlin. „Ist es, weil ich Muslim bin?“ Mesut Özil wirft dem DFB Rassismus vor. Der wehrt sich nun – und viele diskutieren über den Abgang eines großen Fußballers und über Integration. Von Hagen Strauss

Am Tag der Entscheidung wird Mesut Özil sportlich keine Rolle mehr spielen. Joachim Löw verkündet am 29. August seinen Kader für den Neuanfang – ein Kader ohne einen per Generalabrechnung zurückgetretenen Lieblingsspieler. Seit 2009 war Özil deutscher Fußball-Nationalspieler, seit der WM 2010 ein Fixpunkt im Ensemble des Bundestrainers. Feine Technik, geniale Momente und 23 Tore in 92 Länderspielen sorgten dafür, dass Mesut Özil eine prägende Figur beim Fußball-Weltmeister von 2014 war. Damals überreichte ihm Joachim Gauck das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste staatliche Auszeichnung für Sportler. Bundeskanzlerin Angela Merkel war dabei. Gestern ließ sie mitteilen, Özil sei ein „toller Fußballspieler“. Sie respektiere seinen Entschluss.

Ein Entschluss, der zum Politikum geworden ist. Denn nach der Kontroverse um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan begründete Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft unter anderem mit Rassismus und fehlender Anerkennung.

Der DFB hat inzwischen in einer Erklärung reagiert: „Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir mit Blick auf seine Repräsentanten, Mitarbeiter, die Vereine, die Leistungen der Millionen Ehrenamtlichen an der Basis in aller Deutlichkeit zurück.“ Die Attacken des Fußballers gegen Verband und Präsident Reinhard Grindel klammerte der DFB dabei weitgehend aus. Man bedauere den Schritt und sei Özil für seine „herausragenden Leistungen“ sehr dankbar.



Özil hatte am Sonntag über soziale Medien harsche Anschuldigungen gegen Grindel und den Verband erhoben. In Grindels Augen, schreibt Özil, sei er nur Deutscher, „wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“. Dem DFB-Chef warf er vor, ihn zum Sündenbock für „seine Inkompetenz“ gemacht zu haben. Zudem will der 29-Jährige im DFB „fremdenfeindliche Tendenzen“ erkannt haben. Ein Vorwurf, der einen Nerv getroffen hat. Denn in gewisser Weise ist die Lebensgeschichte des Fußballers aus Gelsenkirchen eben schon typisch für eine Erfahrung, die Migranten in Deutschland machen. Sie erleben, dass sie sich entscheiden sollen, wo sie dazu gehören wollen, sagt Integrationsforscher Haci Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen. Er spricht von „Vereindeutschungsdruck“ und „Integrationsparadoxon“. Özils Auftritt mit Erdogan dürfte viel mit diesem Phänomen und weniger mit politischen Statements zusammenhängen. In seiner Rücktrittserklärung fragt Özil: „Ist es, weil ich Muslim bin?“

Justizministerin Katarina Barley (SPD) nannte es ein „Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt fühlt.“ Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Gökay Sofuoglu, gibt Özil in einem Punkt Recht: „Ja, wir haben ein Rassismus-Problem.“ Wie der Fußballer jetzt mit diesem Thema umgeht, findet er aber „unglücklich“. Nicht wegen des Fotos mit Erdogan, sondern weil er das Thema Rassismus „erst jetzt, wo er selbst betroffen ist“, entdeckt habe. Andere werfen Özil vor, zu lange mit einer Reaktion gewartet zu haben. Bayern-Chef Uli Hoeneß fand harte Worte: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto.“

Trotz aller Kritik an Özil: Die Affäre wird nicht spurlos am DFB vorüberziehen. Weit mehr als bei der Kadernominierung dürfte sich das Özil-Beben auf die Strukturen im Verband und auch auf die EM-Bewerbung für 2024, bei der die Türkei einziger Gegenkandidat ist, auswirken.