| 23:32 Uhr

Mordserie Niels Högel
Die Frau, die das Schlimmste vor sich hat

Schwierige
Aufgabe: Anwältin Gaby Lübben vertritt die Nebenkläger im Prozess gegen den Klinik-Mörder Niels Högel.
Schwierige Aufgabe: Anwältin Gaby Lübben vertritt die Nebenkläger im Prozess gegen den Klinik-Mörder Niels Högel. FOTO: dpa / Ingo Wagner
Delmenhorst. 98 Patienten soll der Ex-Pfleger Niels Högel zu Tode gespritzt haben. Bald vertritt Gaby Lübben fast 100 Nebenkläger vor Gericht. dpa

Die Rechtsanwältin Gaby Lübben sitzt an einem aufgeräumten Schreibtisch, dunkles Holz, ein Stapel Akten auf der einen Seite. Die schwarze Robe fürs Gericht hängt an einer Garderobe neben ihr. An diesem Tag trägt Lübben Jeans zur karierten Bluse und wirkt nach den Sommerferien sehr entspannt – noch. „Die Anspannung steigt“, gibt sie zu. In zwei Monaten startet der Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. 98 Patienten soll der frühere Krankenpfleger Niels Högel ermordet haben. Fast 100 und damit einen Großteil der 120 Nebenkläger wird Lübben vor Gericht vertreten. Ihr Ziel: Den Opfern eine Stimme geben.

Wenn das Landgericht Oldenburg ab Ende Oktober den Tod der vielen Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst verhandelt, werden die Fakten viel Raum einnehmen. Darin wird es um Details aus Patientenakten, Rückstände von Medikamenten und Aussagen von Gutachtern gehen. Dazu möchte Lübben ein Gegengewicht bilden. Hinter jedem Opfer steht auch eine persönliche Geschichte. Diese will die 41-Jährige vor Gericht erzählen.

Wegen der vielen Nebenkläger und Zuschauer hat die Kammer die Verhandlung in die Weser-Ems-Halle in Oldenburg verlegt. Dort wo andere tagen und feiern, werden ab Ende Oktober erschreckende Details und viel Leid offenbart. 700 Quadratmeter ist der Raum groß. Sechs Anwälte werden den Familien der Opfer nach Angaben des Landgerichts dort zur Seite stehen.



Dass der Großteil sich für Lübben entschieden hat, liege an ihrer Erfahrung mit dem Fall, sagt sie. Wegen des Todes von sechs Patienten am Klinikum Delmenhorst musste sich der Ex-Pfleger schon zweimal vor Gericht verantworten. Seit dem bislang letzten Prozess sitzt er lebenslang in Haft. In dem Verfahren war auch Lübben schon als Nebenklage-Vertreterin dabei.

Als sie damals die Akten auf den Tisch bekam, sei sie fassungslos gewesen. „Ich habe erstmal gar nicht kapiert, worum es geht – wir alle nicht“, berichtet sie. Zu grauenhaft war der Gedanke, dass ein Pfleger seine nichts ahnenden Patienten zu Tode spritzen könnte. Geschockt sei sie vor allem gewesen, als sie realisierte, dass es noch viel mehr als die angeklagten Fälle geben muss.

Im Februar 2000 tötete Högel nach Ansicht der Ermittler zum ersten Mal am Klinikum Oldenburg. Dann wieder und wieder, über Jahre. Erst im Sommer 2005 nahm das Morden ein Ende, als eine Kollegin den Pfleger auf frischer Tat ertappte. Mit Beginn des jüngsten Prozesses endet für die Familien der Opfer eine lange Zeit des Wartens. Doch der Gang vor Gericht, dem mutmaßlichen Täter zum ersten Mal ins Gesicht sehen – das werde für ihre Mandanten nicht einfach. „Ich möchte sie möglichst stark durch den Prozess bringen“, sagt Lübben.

Neben den juristischen Aspekten müssen Nebenklage-Anwältinnen und -Anwälte nach Ansicht von Holger-Christoph Rohne vom Deutschen Anwaltverein auch viel in zwischenmenschlicher Hinsicht leisten. Doch ob das bei so vielen Mandanten überhaupt noch möglich ist, bezweifelt er. „Es ist eine Herausforderung“, sagt Lübben. Für den Prozess hat sie deshalb eine Anwältin angestellt, die sie unterstützt.

Seit vielen Jahren arbeitet Lübben ehrenamtlich für den Opferhilfeverein Weißer Ring. Im Gericht werden bis zu sechs Mitarbeiter der Organisation die Nebenkläger betreuen. „Wir sind vor Ort, um die Menschen zu stützen“, sagt Petra Klein, die die Oldenburger Außenstelle des Weißen Rings leitet. Obwohl Högel schon lebenslang in Haft sitzt, sei der neue Prozess für die Angehörigen nicht verzichtbar. „Die meisten erwarten, dass der mutmaßliche Täter Verantwortung übernimmt. Das ist viel wichtiger für sie als eine Strafe.“

Der Prozess wird die Nebenkläger viel Kraft kosten – aber auch die Menschen, die sich um sie kümmern. „Das ist emotional belastend“, sagt Lübben. Das enge und persönliche Verhältnis zu ihr hat Christian Marbach als sehr tröstlich empfunden: Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste. „Gaby Lübben setzt sich weit über ihre berufliche Arbeit hinaus für die Opfer und Angehörigen ein“, sagt Marbach. Halt findet Lübben bei ihrem Mann und ihren drei Kindern, Ablenkung beim Bogenschießen und Klettern.

Nach dem Urteil, das nächstes Jahr im Mai fallen könnte, kann Lübben nur kurz durchatmen. „Das wird nur ein Etappensieg.“ Danach steht der Prozess gegen vier frühere Kollegen von Högel am Klinikum Delmenhorst und später möglicherweise noch gegen Klinik-Mitarbeiter aus Oldenburg an. Nach Ansicht der Ermittler waren diese trotz Hinweisen auf die Taten nicht eingeschritten. „Die meisten Nebenkläger wollen die Mitarbeiter und Vorgesetzten in Verantwortung sehen“, sagt Lübben. Und auch in diesen Verfahren werden sie jemanden an ihrer Seite brauchen, jemanden wie Gaby Lübben.

Der mehrfach wegen Mordes angeklagte Niels Högel.
Der mehrfach wegen Mordes angeklagte Niels Högel. FOTO: dpa / Carmen Jaspersen