| 21:29 Uhr

Badminton
Mit dem Telemark zum Titel

BCB-Kapitän Michael Fuchs (mit dem Meisterpokal in der Hand) und seine Mannschaftskollegen bejubeln ihren Triumph beim Final Four.
BCB-Kapitän Michael Fuchs (mit dem Meisterpokal in der Hand) und seine Mannschaftskollegen bejubeln ihren Triumph beim Final Four. FOTO: Sven Heise
Saarbrücken. Der 1. BC Bischmisheim wird nach einem 4:1 gegen den BC Beuel zum achten Mal deutscher Mannschaftsmeister im Badminton. Von Mark Weishaupt

„So was“, sagte Johannes Schöttler und schüttelte ein wenig ungläubig mit dem Kopf, „so was mach ich genau noch maximal einmal im Jahr.“ Der 33-Jährige vom 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Podest, wo sein Verein fünf Minuten zuvor die Hans-Riegel-Trophäe für den achten Gewinn der deutschen Mannschaftsmeisterschaft erhalten hatte, und nippte an seinem alkoholfreien Bier. In einem der vermutlich dramatischsten Herrendoppel der letzten zehn Bundesliga-Jahre gegen Marc Zwiebler und Max Weißkirchen hatte Schöttler mit seinem alten Weggefährten Michael Fuchs (35) den BCB zum 4:1-Sieg im Finale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft gegen den BC Beuel geführt – und beide mussten dabei über ihre Schmerzgrenze gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Vor allem Schöttler. Seit Jahren plagen ihn große Hüftprobleme, sogar ein vorzeitiges Karriere-Ende hatte vor den Olympischen Spielen in Rio 2016 gedroht, ein künstliches Hüftgelenk könnte irgendwann zur Debatte stehen. Seit Olympia spielt und trainiert Schöttler nur noch sporadisch, ist mittlerweile einer der Bundestrainer am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. In der Bundesliga spielt er aber noch – und ist im zweiten Herrendoppel noch immer ein zuverlässiger Punktelieferant. Um überhaupt noch vorne an bestimmte Bälle heranzukommen, hat sich Schöttler eine eigene Lauftechnik angewöhnt, bei der er den im Badminton für Rechtshänder üblichen Ausfallschritt modifiziert hat. Wenn er das rechte Bein nach vorne bringt, knickt Schöttler das linke nach hinten extrem ab und berührt mit dem Knie fast den Boden – ähnlich wie die Skispringer bei der Telemark-Landung.

Einige Gegner wissen ob der Hüft-Schwäche von Schöttler – Marc Zwiebler ganz besonders. Jahrelang hatte er mit Schöttler für den BCB und in der Nationalmannschaft gespielt, mittlerweile ist er zu seinem Heimatverein Beuel zurückgekehrt – und zwang gestern Schöttler permanent zu diesem Telemark. „Ich glaube, Marc hat mich 40 Mal angespielt“, stöhnte Schöttler nach dem Spiel: „Ich bin gerade extrem krampfgefährdet.“



Doch die Altmeister bissen sich durch, gewannen die ersten beiden Sätze jeweils mit 11:9, ließen sich auch von einem vergebenen Matchball in Durchgang vier und einem 2:6-Rückstand im fünften Satz nicht irritieren. Um Punkt 15.40 Uhr feuerte Schöttler den letzten Schmetterschlag des Tages in der Joachim-Deckarm-Halle ab, Marc Zwiebler konnte nicht mehr abwehren – 11:8, der Triumph des BCB war perfekt. Die BCB-Anhänger in der Halle standen alle schon lange, Fuchs und Schöttler wurden nach dem Matchball von ihren Teamkollegen überrannt. Vereins-Chef Frank Liedke wischte sich die Freudentränen aus dem Augenwinkel.

„Gott sei Dank haben die beiden das mit ihrer Routine nach Hause geschaukelt“, sagte Nationalspieler Marvin Seidel, der mit Peter Käsbauer den BCB mit einem Gala-Auftritt im ersten Herrendoppel gegen Tom Briggs und Akshay Dewalkar in Führung gebracht hatte. Im Halbfinale am Samstag beim 4:1-Sieg des BCB gegen Titelverteidiger TV Refrath hatten sich die beiden extrem schwer getan und mussten 50 Minuten auf dem Court schuften, ehe der Fünfsatzsieg eingetütet war. „Vielleicht haben wir genau das Spiel gebraucht, um heute so zu performen“, sagte Seidel.

Die Punkte drei und vier des BCB gingen – wieder einmal – auf das Konto der überragenden Bundesligaspielerin der Saison, EM-Bronzemedaillengewinnerin Isabel Herttrich. Die 26-Jährige brillierte sowohl im Damendoppel an der Seite von Olga Konon als auch im Mixed mit dem Niederländer Ruben Jille, gab in beiden Spielen keinen einzigen Satz ab. „Es hat alles perfekt funktioniert“, freute sich Herttrich, die im Mixed mittlerweile auf Platz 16 der Weltrangliste notiert ist. Tendenz steigend.

Den einzigen Punkt für den BC Beuel holte Luise Heim im Dameneinzel gegen Natalia Perminova – und die 22-Jährige schlägt ja bekanntlich ab der kommenden Saison für den BCB auf, hat im Saarland einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Auch Schöttler, der Erfinder des „Badminton-Telemarks“, wird wohl noch ein Jahr dranhängen – und kann es dann in zwölf Monaten ja noch mal machen.

Isabel Herttrich (links) und Ruben Jille machten mit ihren Gegnern im Mixed kurzen Prozess. Herttrich war die überragende Spielerin der Saison.
Isabel Herttrich (links) und Ruben Jille machten mit ihren Gegnern im Mixed kurzen Prozess. Herttrich war die überragende Spielerin der Saison. FOTO: Sven Heise
Johannes Schöttler zeigt seinen unorthodoxen Ausfallschritt, den er sich aufgrund seiner Hüftprobleme antrainiert hat.
Johannes Schöttler zeigt seinen unorthodoxen Ausfallschritt, den er sich aufgrund seiner Hüftprobleme antrainiert hat. FOTO: Sven Heise
Vereins-Chef Frank Liedke, von seinen Gefühlen überwältigt, stürmt auf Teammanager Marcel Reuter und Spielerin Olga Konon zu.
Vereins-Chef Frank Liedke, von seinen Gefühlen überwältigt, stürmt auf Teammanager Marcel Reuter und Spielerin Olga Konon zu. FOTO: Sven Heise