| 23:47 Uhr

Den farbigen Linien folgen
Metz, die schlafende Schönheit, ist wach

Doppelter Effekt: Der Jaguar war bei den Mayas Sinnbild für das Licht. Wenn man diese Graffiti-Arbeit von Marko 93 (Saint Denis) am Metzer Place de la République nachts mit dem Smartphone anblitzt, sieht man den Jaguar als Sternbild.
Doppelter Effekt: Der Jaguar war bei den Mayas Sinnbild für das Licht. Wenn man diese Graffiti-Arbeit von Marko 93 (Saint Denis) am Metzer Place de la République nachts mit dem Smartphone anblitzt, sieht man den Jaguar als Sternbild.
Metz. In der Sommersaison setzen fast alle französischen Städte auf große Kulturereignisse, um Touristenscharen zu locken. Mit den „Constellations de Metz“ will die lothringische Nachbarstadt auch in der oberen Liga mitspielen. Das Konzept scheint aufzugehen. Von Silvia Buss

Einfach nur den farbigen Linien auf dem Boden folgen, heißt es derzeit in Metz. Sie führen den Besucher kreuz und quer durch die Stadt, von einem Kunstwerk zum nächsten. Man kennt das Prinzip aus Saarbrückens Partnerstadt Nantes. Dort lockt „Le voyage à Nantes“, ein Kunstparcours mit spektakulären und oft witzigen temporären Kunstinstallationen im öffentlichen Raum (samt Festivalprogramm) jeden Sommer über zwei Millionen Touristen an. So weit ist man in Metz noch nicht. Dort rechnen die Stadtväter, die in Gestalt der „Constellations“ nun zum zweiten Mal ein üppiges Sommerkulturprogramm mit 500 Veranstaltungen auffahren, diesmal in der Zeit von Ende Juni bis Mitte September, mit 800 000 Besuchern – und die Hotels mit mehr Übernachtungen (im Vorjahr zählten sie 21 Prozent mehr).

Auch die Metzer haben offensichtlich das Potenzial von Kunst-Schnitzeljagden erkannt. Im Vorjahr boten sie lediglich einen Ein-Kilometer-Parcours mit zehn Installationen von regionalen und internationalen Künstlern. In diesem Jahr gibt es vier Kunst-Strecken von 15 Kilometern Gesamtlänge. Als Zugpferd dient, wie 2017, ein großes Videomapping-Spektakel an der Ostfassade der Kathedrale, das während der „Constellations“ jeweils donnerstags bis samstags bei Dunkelheit beginnt. Computertechnisch sind die 15-minütigen Video-Projektionen sensationell: Der Künstler Yann Nguema, zum zweiten Mal in Metz am Werk, hat jeden einzelnen der über 2000 Fassadensteine eingescannt und lässt sie in rasanten Licht-Projektionen mit 3D-Effekten so wild auseinanderfliegen und wieder zusammenschmelzen, dass einem fast schwindlig wird. So vielfältig seine von dramatischen Elektroklängen unterlegten visuellen De- und Rekonstruktionen der Fassade und ihrer Ornamente auch sind, so fehlen ihnen doch ein Spannungsbogen und Abschluss-Tusch. Die Rechnung der städtischen Tourismusmarkting-Agentur „Inspire Metz“ aber geht auf: Selbst nach Wochen ist der Platz vor der Kathedrale beim Videomapping noch brechend voll.

Von dieser Show „Alter Lux Animae“ strömen die Massen anschließend weiter auf den „Parcours pierres numériques“ (digitale Steine), benannt nach dem europäischen Interreg-Programm, das auch den Saarbrücker Artwalk und Perspectives förderte. „IT- und Lichtkunst trifft auf historische Gemäuer“ heißt das Motto, mit dem sich Metz auch als Innovations-Stadt profilieren will. In zwei Schleifen um die Kathedrale kann man auf Schritt und Tritt Leuchtendes entdecken: Neo-Pop-Art-Projektionen an Wänden oder auch ganze Felder von Papierschiffchen, die beständig die Farbe wechseln, auf der Mosel. Das Spektrum reicht bis hin zu historischen Computerspiel­automaten, die eine ehemalige Kirche in eine turbulente Spielhölle verwandeln. Auch wenn nur weniges so überzeugend und magisch ist wie die Installation „Wharping Halos“ in der Trinitaires-Kirche (siehe kleines Foto), so verschafft die Vielfalt dem nächtlichen Spaziergang doch einen großen Reiz und belebt die Gassen der sonst „schlafenden Schönen“, wie Metz genannt wird.



Selbst weit nach Mitternacht sitzen die Menschen noch überall in den Straßencafés, sehr zur Freude der Gastronomen. Auch tagsüber wirkt Metz, jedenfalls bei schönem Wetter, derzeit sichtlich voller. An allen Ecken und Enden sieht man Passanten mit Faltblättern, die bunten Boden-Linien folgen. Denn drei Kunstparcours lassen sich nur im Hellen erwandern. Und da sich das an einem Tag kaum schaffen lässt, könnten sie dafür sorgen, dass Touristen länger bleiben. Metz hat die Strecken sehr clever angelegt: Sie führen alle weg von den gewöhnlichen Besucher-Trampelpfaden zwischen Kathedrale und der Einkaufstraße Rue Serpenoise. Der „Parcours Arts et Jardins“ etwa startet an der Place de la Comédie, deren temporärer Sommergarten rund um den Springbrunnen nun zusätzlich mit Klanginstallationen aufwartet.

Der „Parcours Robert Schad“ wiederum führt den Besucher von der Kathedrale zunächst ins lange Zeit dahin darbende und nun renovierte Einkaufszentrum Saint-Jacques, in die frisch restaurierte historische Porte des Allemands und schließlich in den modernen Stadtpark an der Seille, direkt neben dem neuen Einkaufszentrum Muse und dem Centre Pompidou. Man ahnt, die Kunstspaziergänger sollen auch zum Shoppen verleitet werden, muss aber auch konzidieren: Der gelbe Jaumont-Stein der Metzer Kulisse steht den Cortenstahl-Plastiken des parallel auch in Saarlouis ausgestellten Künstlers ausnehmend gut.

Die ausgefallenste Route ist der „Parcours Streetart“, schickt sie einen doch vom Einkaufszentrum Muse aus immer entlang der Mettis-Bus-Trasse durch (neugestaltete) Straßen, durch die man sonst nie käme. Bespielt werden unterwegs der Boden unter den Füßen, Freitreppen, Glasdächer, Straßenmöbel, Container und abgestellte Linienbusse. Urban Art geht hier weit über Wände hinaus. Höhepunkt jedoch ist die (profanisierte) Basilika Saint-Vincent auf der Belle-Isle. In ihrem riesigen gotischen Kirchenschiff kann man sich dann nicht ganz sicher sein, was einen stärker beeindruckt, die Installationen und großen mit Illustrationen bedruckten Stofffahnen von zwölf Künstlern, darunter der Saarbrücker Cone the Weired, oder doch die Kirche selbst.

Der eigentliche Gewinner der Metzer Kunstverlockungen ist der städtische Raum: Metz erscheint dem Flaneur sehr viel weitläufiger, auch reicher an malerischen Ecken, an historischer und neuer Architektur, gepflegten urbanen Plätzen und Parks. Und man ahnt: Man hat noch längst nicht alle Schönheiten gesehen.

Mit „Wharping Halos“, einem scheinbar schwebenden Kreis, der  beständig die Farbe wechselt, schafft die Straßburger Künstlergruppe „Children of the Light“  in der ehemaligen Église des Trinitaires eine magische Atmosphäre.
Mit „Wharping Halos“, einem scheinbar schwebenden Kreis, der  beständig die Farbe wechselt, schafft die Straßburger Künstlergruppe „Children of the Light“  in der ehemaligen Église des Trinitaires eine magische Atmosphäre.