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Fußball-WM in Russland
Messi bleibt der Unvollendete

Kasan. Nach dem WM-Aus gegen Frankreich stellt sich die Frage, wie es mit Argentiniens Superstar im Nationalteam weitergeht.

Kein Blick nach rechts oder links, kein Wort über die schmerzvolle Gegenwart oder die ungewisse Zukunft: Mit versteinerter Miene und schnellen Schritten verließ Lionel Messi den Ort, an dem sein Traum von der WM-Trophäe wohl endgültig platzte. Argentiniens Superstar, das größte Fußball-Genie seiner Generation, geht als Unvollendeter. Und seinen potenziellen Nachfolger hat der 31-Jährige bei der Zeitenwende in Kasan schon kennengelernt.

Wie es nach dem Achtelfinal-K.o. gegen Frankreich und den fulminanten Jungstar Kylian Mbappé, der zwei Tore erzielte, in ihm aussah, mussten seine Teamkollegen erklären. "Leo geht es natürlich schlecht, wie uns allen", berichtete Stürmer Sergio Aguero nach dem spektakulären 3:4 (1:1): "Aber ihn hat es sicher am schlimmsten von uns allen getroffen, aufgrund des ganzen Drucks, der auf ihm bei jedem Spiel für die Seleccion lastet." An diesem Druck ist der fünfmalige Weltfußballer, der mit seinem Klub FC Barcelona sage und schreibe 34 Titel gewann, zerbrochen. Bei seiner vierten WM fehlte dem Alleinunterhalter jegliche Unterstützung seiner alternden Mitspieler. Kaum vorstellbar, dass Messi im Winter 2022 bei der WM in Katar mit 35 Jahren noch einen fünften Anlauf auf den Goldpokal nehmen wird.

"Es ist das Ende einer Generation", titelte das Sportblatt Olé. "Die Zeit zum Umbau ist gekommen", urteilte die Tageszeitung Clarin. Und La Nación forderte: "Mit oder ohne Messi, eine neue Ära muss eingeläutet werden." Seinen Rücktritt wie nach der Finalniederlage bei der Copa América 2016 erklärte Messi in Kasan noch nicht, doch er hatte ihn vor der WM angedeutet. "Es wird davon abhängen, wie wir abschneiden", hatte er erklärt.



In den Minuten nach dem Schlusspfiff sah alles nach dem Abschied von der Weltbühne aus. Zur Salzsäule erstarrt, die Hände in die Hüften gestemmt, verharrte Messi lange regungslos am Mittelkreis. Nach und nach klopften ihm die anderen auf die Schulter, tätschelten tröstend seinen Kopf. Erst die Franzosen um Mbappé, dann seine eigenen Mitspieler. Den 30 000 geschockten Landsleuten auf den Tribünen schenkte er nur ein kurzes Winken, dann verschwand er als erster Argentinier in den Katakomben. Tags darauf verließ er im strömenden Regen das WM-Quartier in Bronnizy als einer der Ersten – allein, ohne seine Teamkollegen.

Die Albiceleste ohne Messi wollen sich auch nach dem vierten Scheitern auf der WM-Bühne und wieder keinem Tor des "besten Spielers der Welt" (Trainer Jorge Sampaoli) in einem K.o.-Spiel die meisten nicht vorstellen. "Der Einzige, auf den man nicht verzichten kann, ist Messi", sagte Mittelfeldabräumer Javier Mascherano, "alle anderen sind entbehrlich." Folgerichtig erklärte der 34-Jährige, der mittlerweile in China spielt, umgehend seinen Rücktritt.

Wie es mit Messi weitergeht, der auf den Tag genau vor zwölf Jahren bei seinem WM-Debüt im Viertelfinale von Berlin an Deutschland im Elfmeterschießen gescheitert war, blieb dagegen noch ungeklärt. Damals als 18-Jähriger nur Ersatz, drehte sich diesmal in Russland alles um ihn. Gegen Frankreich sollte er den Unterschied machen, doch trotz zwei Torvorlagen stand er im Schatten des 19-jährigen Mbappé.