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Verkaufsverhandlungen für Air Berlin
Lufthansa will Löwenanteil von Air Berlin

Berlin/Frankfurt/Main. Die Gewerkschaft Verdi fürchtet, dass die Interessenten nur die Flugzeuge kaufen wollen und die Mitarbeiter auf der Strecke bleiben. dpa

(dpa) Nach dem Insolvenzantrag der Air Berlin sind für heute konkrete Verkaufsverhandlungen für die zweitgrößte deutsche Airline geplant. Marktführer Lufthansa will sich rund 90 der 144 Flugzeuge sichern, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. Weitere Gespräche soll es mit Easyjet und Tuifly geben. Lufthansa will die seit Monaten vorangetriebenen Verhandlungen nun mit dem Air-Berlin-Vorstand und dem Insolvenz-Sachwalter Lucas Flöther möglichst schon in der kommenden Woche abschließen, hieß es gestern.

Bundesverkehrsminister Alexan­der Dobrindt (CSU) nannte es dringend geboten, dass Lufthansa wesentliche Teile der Airline übernimmt. „Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr“, sagte er der „Rheinischen Post“. Die Gewerkschaft Verdi fürchtet, dass die Interessenten nur die Flugzeuge kaufen wollen und die mehr als 8000 Beschäftigten von Air Berlin sich neu bewerben müssen. „Dann wären Lohnverluste von bis zu 50 Prozent zu befürchten“, sagte Bundesvorstandsmitglied Christine Behle nach einem Gespräch mit Air-Berlin-Personalchefin Martina Niemann. Verdi fordert von den Käufern, die Beschäftigen zu fairen Konditionen zu übernehmen. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo kritisierte: „Die Bieter wollen nur das Blech, und die Leute können sehen, wo sie bleiben.“ Deren Chef Nicoley Baublies appellierte an die Politik, die Arbeitsplätze zu aktuellen Bedingungen zu sichern. „Mit dem 150-Millionen-Kredit sollten schließlich die Jobs gerettet werden“, sagte er.

Lufthansa will neben bereits angemieteten 38 Air-Berlin-Jets die österreichische Touristik-Tochter Niki und weitere Flugzeuge übernehmen. Sie sollen unter dem Dach der Lufthansa-Tochter Eurowings fliegen. In der Zahl seien auch die meisten der 17 Langstrecken-Flugzeuge von Air Berlin enthalten, die auch an Eurowings gehen sollen



Ryanair hatte die geplante Übernahme großer Flottenteile durch Lufthansa scharf kritisiert und Klage bei den Kartellbehörden eingereicht. Kein Interesse hat Lufthansa dem Vernehmen nach an älteren Propeller-Maschinen und an den 14 Boeing-Jets, die Air Berlin von Tuifly gemietet hat. Sie könnten an Tuifly zurückfallen. Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann sagte im Gespräch mit „Bild“ und „B.Z.“: „Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Marke Air Berlin verschwindet.“

Die Pläne der Lufthansa stoßen aber auch auf Gegenwind. „Air Berlin und Lufthansa sind auf vielen Flugstrecken direkte Konkurrenten“, sagte der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, der „Rheinischen Post“. Lufthansa müsse bei einer Übernahme „mit strengen Bedingungen und Auflagen rechnen“. Dazu zähle der Verzicht auf weite Teile der Landerechte von Air Berlin.

Air Berlin hatte am Dienstag Insolvenz beantragt, nachdem Großaktionär Etihad ihr die finanzielle Unterstützung entzogen hatte. Der Flugbetrieb ist durch einen Kredit des Bundes über 150 Millionen Euro noch für etwa drei Monate gesichert.

Gestern war auch der Bonusmeilen-Dienst des Vielflieger-Programms Topbonus nicht mehr verfügbar, sagte eine Sprecherin des Großaktionärs Etihad, dem Topbonus gehört. Man warte auf zusätzliche Informationen von Air Berlin. Ob ein technisches Problem vorliegt oder andere Gründe die Ursache sind, war den Angaben nicht zu entnehmen. Unklar ist auch, wie lange die Störung dauert. Insolvenzrechtlich ist offen, ob der Anspruch der Kunden auf gesammelte Bonusmeilen weiter besteht.

Angesichts des Insolvenzantrags von Air Berlin hat sich Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) dafür ausgesprochen, EU-weit alle Fluggesellschaften zu einer Insolvenzabsicherung zu verpflichten. „Weder die Reisenden noch die Steuerzahler dürfen am Ende die Kosten dafür tragen, wenn ihre Fluggesellschaft während einer Reise in die Insolvenz muss“, sagte Maas dem „Handelsblatt“.