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Wahl GB
Der schräge Herausforderer überraschte viele Landsleute

London . Jeden Morgen, wenn Jeremy Corbyn die Zeitungen aufschlägt, springen ihn die negativen Schlagzeilen an. Sie betreffen ihn, den 68-jährigen Kandidaten der Labour-Partei, der heute die Parlamentswahlen gewinnen und Theresa May in der Downing Street ablösen will.

Erst gestern machte ihn die Boulevardzeitung „Daily Mail“ zu einem „Verteidiger des Terrors“ – es ist ein schonungsloser Kampagnen-Journalismus nur Tage nach dem Anschlag in London.

Doch der Alt-Linke Corbyn scheint unbeeindruckt. Seit er vor zwei Jahren den Vorsitz der Sozialdemokraten übernahm, hat er gelernt, mit den Angriffen auf seine Person zu leben. Und es ist vielleicht seine größte Stärke, dass der Mann mit dem weißen Vollbart und den unumstößlichen Prinzipien selbst unter dem Druck des Wahlkampfs ruhig und besonnen bleibt. Er wirkt authentisch und ehrlich, reagiert humorvoll und überlegt. Corbyn wollte im Gegensatz zu May eine positive Kampagne führen, persönliche Angriffe und Schmähungen lehnte er als „nicht mein Stil“ ab. Vielmehr betonte er gestern bei einem Endspurt-Auftritt, es gehe um die Wahl zwischen „Hoffnung oder Angst“. Corbyn, dreifacher Vater und in dritter Ehe verheiratet, will die Hoffnung verkörpern. Von seinen Fans und der Labour-Basis wird er dafür gefeiert wie ein Superstar.



Doch auch wenn sich etliche Briten zuletzt positiv überrascht von Corbyn gezeigt haben, betrachten ihn noch immer viele als unwählbar. Ihm wird das Amt des Regierungschefs schlichtweg nicht zugetraut. Zu diesem Image hat Labour selbst beigetragen. Die Selbstzerfleischung begann, als Corbyn zum Parteichef gewählt wurde. Ausgerechnet der Hinterbänkler, der in 30 Jahren rund 500 Mal gegen die Parteilinie votiert und auch mehrfach gegen Anti-Terror-Gesetze gestimmt hat, siegte dank einer Änderung des Wahlverfahrens.

Nach dem Brexit-Votum eskalierte der Streit. Die meisten Sozialdemokraten standen auf der Seite Europas, Corbyn aber präsentierte sich stets als EU-Skeptiker. Etliche Labour-Abgeordnete schieben bis heute die Schuld für die Referendums-Niederlage auf ihren Vorsitzenden.