| 23:15 Uhr

Müll ärgert Saarländer
Der gelbe Sack ist ein „Drecksack“ geworden

Die gelben Säcke türmen sich wie hier in Saarbrücken oft zu Müllbergen. Das ist nicht nur ein optisches Ärgernis.
Die gelben Säcke türmen sich wie hier in Saarbrücken oft zu Müllbergen. Das ist nicht nur ein optisches Ärgernis. FOTO: Thomas Reinhardt
Homburg/Saarbrücken. Überladen, falsch befüllt und wild abgestellt: In vielen Kommunen häuft sich die Bürger-Kritik in Sachen Müllentsorgung. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn beim Zentralen Kommunalen Entsorgungsverband (ZKE) in Saarbrücken das „Dreck weg“-Telefon läutet, hören die Mitarbeiter bei jedem vierten Anruf Beschwerden über „Drecksorte“ und die „Stadtverschandelung“. Schuld sind die gelben Säcke, die sich vor allem an Container-Plätzen zu illegalen Riesen-Bergen türmen, um sich dann, vom Sturm, von Ratten oder Krähen aufgerissen, in chaotische Müllhalden zu verwandeln. Als die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) im Mai zu einer Ortsbegehung in Malstatt auftauchte, gab es kein drängenderes Thema. Dazu passt, dass beim ZKE zwei „Umweltstreifen“ ausgebildet werden, die 2019 an den Start gehen. Denn der „Drecksack“ gelber Sack verursacht auch finanzielle Probleme. Laut ZKE-Werksleiter Bernd Selzner kostet den Saarbrücker Gebührenzahler das Einsammeln des gesamten wilden Mülls 240 000 Euro. Der Anteil des gelben Sacks sei „erheblich“, werde aber nicht eigens berechnet. Auch aus Völklingen, Neunkirchen oder Lebach hört man Ähnliches. Zwischen 300 und 315 Tonnen illegaler Ablagerungen sammeln die städtischen Fuhrpark-Mitarbeiter dort ein. Allein die Entsorgung ohne Personalkosten, die bis zu 1000 Stunden betragen können, schlägt mit bis zu 42 000 Euro zu Buche. Hinzu kommt, dass auch Bürger, die den gelben Sack zu falschen Zeiten vor ihre Türe stellen, „wilden“ Müll produzieren, der rechtlich gesehen von der Kommune entsorgt werden muss.

In Mettlach, Homburg, Lebach und Saarlouis hält man den gelben Sack für ein latentes, aber nicht für ein brisantes Problem. Wenn, seien nur die Innenstädte betroffen. Als Regel gilt wohl: Je anonymer und je multikultureller das Milieu, umso größer der Müllfrevel. Oft auch aus Unwissenheit: Die deutsche Mülltrennung will gelernt sein. Der ZKE wird deshalb für 2018 demnächst schon die vierte Aufklärungskampagne durchziehen. Nach drei Wochen wird protokolliert, ob sie gefruchtet hat. Viel Hoffnung haben die ZKE-Leute nicht. In Malstatt beispielsweise stellte sich kein Positiveffekt ein. „Null Erfolg“, sagt ZKE-Pressefrau Judith Pirrot.

In ländlicheren Ortsteilen läuft es besser, hört man aus Homburg, Mettlach, Saarlouis und Lebach. Die soziale Kontrolle sei gegeben, heißt es, falsch befüllte Säcke ließen sich auch leichter bestimmten Anwesen zuordnen. Anders als in Neunkirchen, Saarbrücken oder Völklingen denkt man in keiner dieser Gemeinden derzeit über die Einführung einer verschließbaren gelben Tonne nach, die in manchen Bundesländern die gelben Säcke schon ersetzt. Obwohl der Leidensdruck hoch ist, denn überall hat sich die vermeintlich zu dünne Qualität der Säcke zu einem Bürgerärgernis erster Güte entwickelt. Dauerkritik beutelt alle befragten Kommunen. „Uns erreichen täglich Beschwerden“, sagt beispielsweise Lebachs Pressechef Toni Bartz. Dabei ist die vermeintliche Materialschwäche der Säcke gar nicht das Ding der Kommunen, sondern ist Sache der Entsorgerfirmen, die wiederum vom Grünen Punkt/Duales System Deutschland (DSD) beauftragt sind. DSD macht die Dichtigkeits-Vorgaben, die die Entsorger umsetzen sollen. Beschwerden bei Zuwiderhandlung müssten also beim DSD landen. Doch wer weiß das schon und vor allem: Wer kontrolliert vor Ort die vertraglich vereinbarte Dicke der Säcke? Niemand. Trotzdem halten sich die Einsammel-Firmen wie Remondis, RMG oder Paulus an die vorgeschriebene Festigkeit. Das ist zumindest die Einschätzung von Stefan Lang, Geschäftsführer des Entsorgungszweckverbandes Völklingen (EZV). Jedoch sei die schwindende Materialfestigkeit vom Bürger keineswegs nur gefühlt. Die Vorgaben seien seit 1999 um mehr als die Hälfte reduziert worden, sagt Lang: „Dass die Säcke dünner geworden sind, ist eine Tatsache.“



Ebenso deren Zweckentfremdung. Wie unsachgemäß und dreist verschwenderisch Verbraucher mit den kostenlosen Säcken umgehen, darüber kann die Friedrichsthaler Entsorger-Firma Paulus ein „spannendes Buch“ schreiben, so Firmensprecher Dieter Wacker. Bis 2017 versorgte das Unternehmen das gesamte Saarland mit Säcken. Statt der vorgeschriebenen 15 Millionen Säcke lieferte man laut Wacker auf eigene Kosten 30 Millionen aus, weil die Bürger sie anderweitig nutzten, etwa als Abdeckfolie beim Tapezieren. Die Festigkeit sei immer noch in Ordnung, meint er, die Vorschrift laute, dass die Säcke zwei Kilo Gewicht aushalten. Die Bürger müssten also Leichtgewichte packen. Wacker: „Das Überladen ist das Hauptproblem. Dadurch gehen die Säcke kaputt.“

Wären dickere Säcke nicht besser? „Je stärker und weniger transparent der Sack, umso vielfältiger der Missbrauch“, meint EZV-Geschäftsführer Lang. Durchschnittlich liegt bereits jetzt der Restmüll-Anteil in den gelben Säcken bei rund 40 Prozent. Eigentlich dürften die Entsorger die Säcke dann liegen lassen. Doch der Zeitdruck beim Abfahren verhindert in der Regel die Kontrolle. Das Ergebnis: Auch offensichtlich falsch befüllte Säcke werden vielerorts eingesammelt – eine Einladung an Wiederholungstäter.