| 23:20 Uhr

Copa Libertadores
Die Copa Libertadores versinkt im Chaos

Anhänger von River Plate werden von der Polizei zurückgedrängt. Der Angriff auf den Mannschaftsbus der Boca Juniors ist da schon passiert.
Anhänger von River Plate werden von der Polizei zurückgedrängt. Der Angriff auf den Mannschaftsbus der Boca Juniors ist da schon passiert. FOTO: AP / Sebastian Pani
Buenos Aires. Krawalle, Absage, Grabenkämpfe: Der südamerikanische Fußball gibt ein verheerendes Bild ab. Aber es soll noch gespielt werden. sid

Verzögert, vertagt, abgesagt und nun für diesen Dienstag auf anderer Ebene neu angesetzt: Dem mit allen Mitteln ausgefochtenen Disput um die höchste Vereins-Krone im südamerikanischen Fußball droht nun am Sitz des kontinentalen Verbandes Conmebol in Paraguay ein weiteres unrühmliches Kapitel – und beim verzweifelten Versuch, das Final-Rückspiel um die Copa Libertadores auszutragen, vielleicht sogar der endgültige K.o. am grünen Tisch.

Wie geht es nach der heimtückischen Attacke einer Handvoll River-Plate-Fans am Samstag mit Flaschen- und Steinwürfen auf den Mannschaftsbus von Boca Juniors weiter? Es folgte zunächst noch am Samstagabend ein „Gentlemen’s Agreement“ beider Clubs, das zunächst zu einer 24-stündigen Verlegung des Final-Rückspiels führte. Am Sonntag gab es neue Grabenkämpfe beider Vereine, die in der vorläufigen Absage mündeten. Die Clubs aus Buenos Aires sind seit Jahrzehnten verfeindet und stehen sich nun erstmals im Finale der südamerikanischen Champions League gegenüber – ganz Argentinien ist daher wie elektrisiert.

Die Boca Juniors wollten nach dem erlebten Horror auf der Fahrt ins Estadio Monumental de Nunez verständlicherweise nicht spielen. Zwei Spieler erlitten im Bus Augenverletzungen durch Splitter der zerborstenen Fensterscheiben, weitere klagten nach dem Einsatz von Tränengas durch die in der Situation überforderten Polizisten über Übelkeit, und sowieso standen alle anschließend unter Schock. Und nun sucht der Club gar die Entscheidung auf dem Rechtsweg.



„Es gibt eine autonome Kommission bei der Conmebol, die unseren Antrag überprüfen muss. Man hat uns für Dienstag zu einer Besprechung eingeladen. Aber dort werde ich wiederholen, was ich hier und heute sage. Sie mögen das 15-seitige Dokument lesen und uns eine formale Antwort geben. Danach sehen wir weiter“, kündete Boca-Präsident Daniel Angelici an. Das Schreiben erreichte den Verband noch am Sonntagabend.

Ob es nach dem 2:2 im Hinspiel nun einen Sieger auf dem Rasen geben wird, hängt vor allem vom ominösen Paragrafen 18 des Conmebol-Reglements ab, der alle möglichen Strafen für River Plate nach dem Ausraster seiner Fans vorsieht. Boca pocht vehement auf den Passus, der den Club zum Gewinner erklärt. Für den Verband, der angesichts der weltweit ausgestrahlten TV-Bilder vom Chaos und unter den Augen des als Ehrengast eingeladenen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino schwer an Kredit verlor, wäre es das nächste Horror-Szenario.

Da der Vorfall aber außerhalb des Stadion-Sicherheitsringes geschah und damit River Plate um die Schuldfrage herumkommen könnte, stellte Conmebol-Boss Alejandro Dominguez am Ende eines offiziellen Communiqués klar: „Die Partie wird stattfinden.“

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass gespielt wird – im River-Stadion und mit Publikum“, äußerte sich als Letzter auch River-Präsident Rodolfo D’Onofrio – und ergänzte warnend: „Falls Boca wirklich die Punkte kampflos haben will, ist es ein Wortbruch.“ Der Schulterschluss von Samstag gegen die Conmebol, die trotz der Vorfälle unbedingt spielen lassen wollte, ist längst zerbrochen.

Fifa-Chef Infantino wehrte sich derweil gegen die Anschuldigung, dass er aufgrund seiner Anwesenheit auf die Austragung des Skandal-Spiels gedrängt habe. „Aufgrund der falschen Gerüchte möchte ich klarstellen, dass ich zu keinem Zeitpunkt darum gebeten habe, die Partie stattfinden zu lassen“, sagte der Schweizer der Tageszeitung La Nacion: „Außerdem habe ich niemandem mit Sanktionen gedroht.“

Die neue Woche steht in Buenos Aires ganz im Zeichen des G20-Gipfels mit den Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländern. Wegen angekündigter Proteste gegen die wirtschaftliche Krise werden alle Sicherheitskräfte eingespannt sein. Ein Sieger muss aber bis zum 18. Dezember gefunden werden, wenn der Libertadores-Cup-Champion sein erstes Spiel bei der Fifa-Club-WM bestreitet.

Alle spekulieren nun auf den 8. Dezember, wenn in Argentinien Maria Empfängnis als Feiertag zelebriert wird. Heute mehr als fraglich, ob dies zu einer friedvollen Fiesta zwischen den verfeindeten Erzrivalen River Plate und den Boca Juniors ausreicht. Für die Gewalt im argentinischen Fußball muss ohnehin eine andere Lösung her.

Marcelo Gallardo (rechts), Trainer von River Plate, und Gustavo Barros Schelotto von den Boca Juniors unterhalten sich auf dem Spielfeld.
Marcelo Gallardo (rechts), Trainer von River Plate, und Gustavo Barros Schelotto von den Boca Juniors unterhalten sich auf dem Spielfeld. FOTO: dpa / Gustavo Garello
Pablo Perez (Mitte), Kapitän der Boca Juniors, zog sich bei dem Angriff am Samstag auf den Mannschaftbus eine Augenverletzung zu.
Pablo Perez (Mitte), Kapitän der Boca Juniors, zog sich bei dem Angriff am Samstag auf den Mannschaftbus eine Augenverletzung zu. FOTO: dpa / Gustavo Ortiz
Die Bühne war bereitet, das Stadion von River Plate bis auf den letzten Platz gefüllt, bevor am Samstagabend die Absage kam. Arbeiter rollten daraufhin den Teppich auf dem Rasen wieder ein.
Die Bühne war bereitet, das Stadion von River Plate bis auf den letzten Platz gefüllt, bevor am Samstagabend die Absage kam. Arbeiter rollten daraufhin den Teppich auf dem Rasen wieder ein. FOTO: AP / Ricardo Mazalan