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Kommentar zum Artensterben
Naturschutz ist kein Luxus! Er ist lebenswichtig

Die Diskussion über den Klimawandel ist das große Thema unserer Zeit. Zahlreiche aktuelle Berichte zeigen, wie die Menschheit sehenden Auges ihre Lebensgrundlagen zerstört. Von Katharina De Mos

Es ist zum Verzweifeln. Da wurde die Spezies mit so viel Intelligenz gesegnet. Mit der Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu verstehen, aus Fehlern zu lernen, vorauszuschauen und zu planen. Und doch bleibt das, was am Ende zählt, meist der schnelle Profit. Wohlstand und Arbeitsplätze werden zu Totschlagargumenten. Und die Lobbyisten jubeln.

Als Umweltschützer in den 80er Jahren mit der vermeintlichen Indianerweisheit „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“ für mehr Umweltschutz warben, konnten sie nicht ahnen, wie schlimm es werden würde.

Der kürzlich veröffentlichte Sonderbericht des Weltklimarats oder der Artenschutzbericht des Weltbiodiversitätsrats lesen sich wie die Kapitel eines Endzeitromans. Die Lage ist nicht einfach nur schlimm. Sie ist katastrophal.



Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind dem Artenschutzbericht zufolge weltweit vom Aussterben bedroht, die Meere sind verschmutzt und überfischt, 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 23 Prozent der Landflächen können keine guten Erträge mehr liefern, weil die Böden degradiert sind, global sind Ernteerträge im Wert von 210 bis 515 Milliarden Euro pro Jahr gefährdet, weil die Bestäuberpopulationen in Gefahr sind, die globale Erwärmung schreitet schneller voran als befürchtet und zwar mit all den längst vorhergesagten Folgen, die auch in Deutschland inzwischen schmerzhaft spürbar sind – und dennoch hat Konsum Hochkonjunktur. Der Raubbau geht einfach weiter.

Immer wieder machen die Autoren des Berichts deutlich, dass der Verlust von Biodiversität nicht nur die Natur gefährdet, sondern auch die Wirtschaft und die politische Stabilität. Unter anderem, weil es zu neuen Flüchtlingsströmen kommen könnte. Um 105 Prozent stieg die globale Bevölkerung seit 1970. Um 15 Prozent der Pro-Kopf-Konsum an Pflanzen, Tieren, Erzen oder Erdöl.

Auch ohne den alarmierenden Aufruf des Weltbiodiversitätsrates haben viele Menschen längst verstanden, dass das nicht gut gehen kann. Sie steuern dagegen, indem sie ihr eigenes Verhalten ändern. Dabei gehen Klima- und Artenschutz sehr oft Hand in Hand. Es hilft, weniger Fleisch zu essen, regionale, saisonale  und biologisch erzeugte Produkte zu kaufen, möglichst kein Essen wegzuschmeißen und insgesamt weniger und nachhaltiger zu konsumieren. Auch im Garten und auf dem Balkon kann jeder Einzelne viel für den Artenreichtum tun: auf Pestizide verzichten, wilde Ecken stehen lassen, die weder gemäht noch betreten werden, Wildblumenbeete anlegen ... Und auch jedes Gramm CO2, das weniger in die Atmosphäre gelangt, hilft den Arten dieser Erde. Man denke nur an die Korallen, die in den warmen Meeren zugrunde gehen oder an seltene Alpenpflanzen, die nicht weiter nach oben ausweichen können.

Viele Städte engagieren sich inzwischen vorbildlich im Artenschutz, indem sie Bienenweiden anlegen, auf Glyphosat verzichten und Natur Natur sein lassen.

Trotz aller bereits existierenden Naturschutzgesetze, -gebiete und -bemühungen hat die große Politik noch großen Nachholbedarf: Die Menge der ausgebrachten Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel muss drastisch sinken, Agrarsubventionen sollten statt an Flächen an Natur- und Tierschutzauflagen gekoppelt werden, viel stärker als jetzt müssen Bauern und Winzer im Einklang mit der Natur arbeiten. Ja, die Landwirtschaft ist Mitverursacher des Artensterbens und des Klimawandels. Landwirte sind aber auch die ersten, die darunter leiden. Und die Lebensmittel, die sie erzeugen, sind in Zukunft mit acht oder neun Milliarden Menschen noch viel wichtiger als heute. Es müssen Wege gefunden werden in eine produktive, einträgliche und naturschonende Landwirtschaft. Investitionen in Forschung und Entwicklung sind da unerlässlich.

Fleisch sollte teurer werden, Fliegen auch, die immer weitere Versiegelung von Flächen muss gestoppt werden, der Ausstieg aus der Kohle muss viel früher kommen als derzeit von der Bundesregierung geplant, deutlich mehr Geld und Energie sollten in artenreiche Wälder, Wiesen und Moore, in den Umwelt- und Klimaschutz fließen.

Das ist kein Luxus. Es ist lebensnotwendig. Nicht nur für andere Spezies, sondern am Ende auch für den Menschen selbst.