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Kolumne Moment mal
Erfolg, tütenweise oder: Von den Chancen cleverer Ideen

FOTO: SZ / Baltes, Bernhard
Dass das Gute oft so nahe liegt, haben Zweibrücker Händler zum Wochenende hin mit der Aktion „Heimat shoppen“ bewiesen. Doch dies kann nur ein kleiner nächster Schritt auf einem langen Weg gewesen sein – findet Merkur-Chefredakteur Michael Klein.

Es gibt Überschriften, die können einem auf den Magen schlagen. Oder sie machen Appetit auf mehr. Im wortwörtlichen wie auch im übertragenen Sinne gilt dies fraglos für die Schlagzeile „Wie aus einem Hähnchen elf werden“. Diese Menge an Federvieh kulinarisch zu verputzen, wäre wenig ratsam. Das Rätsel zu lösen, wie es zur wundersamen Gockel-Explosion kommt, kann dagegen ganz spannend sein.

Weshalb ich mir zumindest mal den Text, der so auf Seite zehn der aktuellen, also der laufenden Nummer 18/2018 in der Reihe der Informationen aus dem Institut der deutschen Wirtschaft steht, durchlese. Und dabei erfahre ich mit einem gewissen Erstaunen, dass der durchschnittliche Westdeutsche im Jahr 1960 für die Finanzierung einer vollständigen Mahlzeit, damals traditionell bestehend aus einem Hähnchen, zwei Beilagen und einer großen Flasche Bier, im Schnitt knapp über drei Stunden arbeiten musste. Heute – so wird an dem Broiler-Beispiel deutlich – lässt sich der Schmaus schon mit dem Lohn für eine knappe halbe Stunde Arbeitszeit finanzieren. Die Forscher, die in dem vorliegenden Artikel die Entwicklung der Kaufkraft untersucht haben, kommen – wenig überraschend – zu dem Schluss, dass viele Dinge des täglichen Bedarfs heute deutlich günstiger sind als früher.

Konkret haben Sie dafür einen fiktiven Warenkorb des Jahres 1960 mit dem der aktuellen Zeit verglichen. Dabei ist heraus gekommen, dass heute zum Bezahlen der im Korb verstauten Waren 19 Minuten reichen, während man früher für die vergleichbare Ausbeute noch eine Stunde arbeiten musste. Dazu gibt es – denn das macht solche Vergleiche besonders bildlich und spannend – eine muntere Aufzählung verschiedener Produkte. Und die Relation in Minuten Arbeitszeit, die dafür früher nötig war und heute ist.



Um nicht alle aufzuzählen, nenne ich nachfolgend stellvertretend: Flaschenbier, früher 15 Minuten, heute drei. Ein Kilo Zucker, früher eine halbe Stunde, heute drei Minuten. Pumps, früher (falls im Regal vorhanden) 14 Stunden und 17 Minuten, heute vierdreiviertel Stunden. Damenkleid, früher gut 26 Stunden, heute rund fünf. Den passenden Herrenanzug kaufte man früher vom Lohn für 67 Stunden, heutet arbeitet man durchschnittlich 13,5 Stunden dafür. Für ein TV-Gerät musste man 1960 rund zwei Monate malochen, heute ist der Flatscreen statistisch in gut drei Arbeitstagen bezahlt.

Ja, selbst für die Frühstücksbrötchen, die laut einer aktuellen Meldung vom Wochenende teurer werden sollen, weil Kosten für Lkw-Maut und gestiegene Hygiene- und Qualitätsstandards den Preis negativ beeinflussen, könnte man den Vergleich ausrechnen. Wie sich die Reihe ja generell beliebig fortsetzen ließe. Soll sie aber nicht.

Stattdessen der Schwenk ins Jetzt. Mit dem epochalsten aller Unterschiede, der sich in den Jahrzehnten ergeben hat. Früher, also vor knapp 60 Jahren, wurde so gut wie alles in unmittelbarer Nähe zum Wohnort gekauft. Möglichst im Dorf. Zur Not auch schon mal in der etwas weiter entfernten Stadt, in die man ab und an einmal fuhr, weil es dort größere und mehr Geschäfte gab. Heute entfallen ein Großteil dieser Touren, weil das gemeinsame Einkaufsziel so vieler Menschen die unendlichen Tiefen des Internet sind.

Online kaufen  – das kam früher nicht in die Tüte!

Darum ist es (ein hoffentlich nachhaltiges) aufrüttelndes Zeichen und weit mehr als ein bloßer Marketing-Gag, dass sich zum Wochenende bundesweit in Stadt und Land so viele Händler und Gewerbetreibende an der Aktion „Heimat shoppen“ beteiligt haben. Auch im Zweibrücker Stadtbild hat die eigens dafür kreierte Papiereinkaufstasche mit dem bunten Logo ihre deutlichen Spuren hinterlassen: Ein gutes Dutzend Händler hatte – motiviert von Zweibrücker Stadtmarketing und dem Zusammenschluss Gemeinsamhandel Zweibrücken – extra für Freitag und Samstag eine Menge Aktionen auf die Beine gestellt. Damit haben die Händler in der Stadt (und überall dort, wo sie bundesweit mit ihrem Angebot und ihrem Service in Erscheinung getreten sind) ein klares Credo dafür gesetzt, dass sich der Einkauf lokal, also vor Ort lohnt. Augenfälliger als bei der auf  die Industrie- und Handelskammer zurückgehenden Idee kann man die Bedeutung lokaler Einzelhändler, Gewerbetreibender oder Gastronomen für Dörfer, Städte, Gemeinden und auch Regionen wohl kaum  in Szene setzen.

Und doch bleibt „Heimat shoppen“ wie auch jedes andere ähnlich gelagerte Event, wozu stellvertretend auch die Aktionen „Einkaufsstar“ und  „Pegasus“ unserer Zeitung zählen, final  nur ein kleines werbetechnisches und Öffentlichkeit heischendes Strohfeuer, wenn es nicht dauerhaft gelingt, die Flamme am Lodern zu halten und potenzielle Käufer in die Innenstädte zu bringen. Tagtäglich aufs Neue müssen sie umgarnt und umworben werden, tadellos beraten und gleichfalls bedient werden. Insofern darf man all jene beglückwünschen, die dieses Mal dabei waren. Und man darf all jene, die aus welchen Gründen auch immer gezögert und sich in vornehmer Zurückhaltung in der Zuschauernische verdrückt haben, ermutigen, beim nächsten Mal dabei zu sein.

Gewiss: Dafür ist viel Überzeugungsarbeit nötig, was an dieser Stelle nicht zum ersten Mal unterstrichen wird. Und es braucht Überzeugungstäter, zu denen an vorderster Front Petra Stricker zählt, die als Beauftragte für das City-Management die Marketing-Klaviatur aus dem Effeff beherrscht. Ihren Vertrag turnusgemäß bis Sommer des kommenden Jahres zu verlängern beziehungsweise diese Empfehlung als Hauptausschuss dem Stadtrat mit auf den Weg für die Septembersitzung zu geben, war deshalb eine grundlegend vernünftige und sinnvolle, weil Erfolg versprechende, Entscheidung.