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Verbraucher
Keine Distanz zur Lebensmittelindustrie?

 Weil sie in einem Video mit einem Nestlé-Vertreter posiert, erntet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner – hier am Deutschlandtag auf der Gartenbau-Ausstellung „International Horticultural Exhibition“ in China – heftige Kritik.
Weil sie in einem Video mit einem Nestlé-Vertreter posiert, erntet Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner – hier am Deutschlandtag auf der Gartenbau-Ausstellung „International Horticultural Exhibition“ in China – heftige Kritik. FOTO: dpa / Wu Hong
Trier/Mainz. Die rheinland-pfälzische Grünen-Umweltministerin Höfken kritisiert CDU-Landeschefin Klöckner scharf wegen eines Videos mit Nestlé. Von Bernd Wientjes

Wenn das Bundeslandwirtschaftsministerium derzeit – etwa über Twitter – Neuigkeiten verbreitet, wie etwa am Freitag, als es um die Sicherheit von Lebensmitteln ging, dann dauert es nicht lange, bis es in den Antworten darauf um den Lebensmittelkonzern Nestlé geht. So antwortete gestern eine Twitter-Nutzerin auf die Mitteilung des Ministeriums mit einer Fotomontage, auf der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) als Nestlé-Mitarbeiterin des Monats verspottet wird.

Seit Montag tobt ein Shitstorm gegen die rheinland-pfälzische CDU-Chefin. Das Bundeslandwirtschafts- und -ernährungsministerium hatte im Internet ein kurzes Video veröffentlicht, in dem Klöckner mit Nestlés Deutschland-Chef Marc-Aurel Boersch vor der Kamera steht und das Unternehmen dafür würdigt, dass es den Zucker-, Salz- und Fettgehalt seiner Lebensmittel reduziert habe. Hintergrund ist eine vom Kabinett verabschiedete „Reduktions- und Innovationsstrategie“, die Vereinbarungen auf freiwilliger Basis mit den Herstellern vorsieht. Für den Kampf gegen Übergewicht sollen viele Fertigprodukte so bis 2025 neue Rezepturen bekommen. Verbraucherschützer kritisieren dies als zu unverbindlich. Auch Bundespolitiker beteiligten sich an der Kritik. Klöckner wurde vorgeworfen, für Nestlé zu werben und sich von der Industrie vereinnahmen zu lassen. Klöckner reagierte gereizt und bezeichnete die Kritiker als „Hatespeaker“ (Hassredner). Das sorgte dann für einen erneuten Shitstorm. Zunächst versuchte das Ministerium noch, die Wogen zu glätten. „Wir verstehen eure Argumente. Und gleichzeitig liegt es uns am Herzen, dass es vorangeht mit gesünderen Lebensmitteln“, argumentierte die Twitter-Redaktion der Ministerin.

Doch der Sturm der Entrüstung legte sich nicht. Die Verbraucherorganisation „foodwatch“ warf der Ministerin  zu große Nähe zu Lebensmittelunternehmen vor. Und schließlich meldete sich dann auch noch der You-Tuber Rezo zu Wort, der mit seinem im Internet veröffentlichen Video eine Woche vor der Europawahl über die „Zerstörung der CDU“ für Unruhe und panische Reaktionen bei der Partei gesorgt hat. „Hätte ich exakt diesen Tweet mit genau so einem Video gepostet, hätte ich es als #Werbung kennzeichnen müssen“, twitterte Rezo. Und tatsächlich beschäftigt sich nun die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg mit dem  Klöckner-Video. Sie prüft, ob es sich dabei um unzulässige Werbung für das Unternehmen handeln könnte.



Nestlé werden – wie anderen Konzernen – teils fragwürdige Geschäfte vorgeworfen, etwa die Privatisierung von Trinkwasser in Entwicklungsländern.

„Das gemeinsame Video mit Nestlé ist distanzlos zur Lebensmittelwirtschaft und entspricht nicht der Rolle einer Bundesministerin für Ernährung“, kritisiert die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne).  Klöckner und Nestlé hätten jahrelang eine farbliche Nährwertkennzeichnung verhindert.  „Wir brauchen dringend eine aussagefähige Nährwertampel, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine transparente Entscheidungsgrundlage liefert“, sagte Höfken unserer Zeitung. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen und mehr als 50 Prozent der Erwachsenen seien übergewichtig. Ernährungsbedingte Krankheiten verursachten rund ein Drittel der Kosten im Gesundheitswesen und minderten Lebensqualität, Gesundheit und auch die Leistungsfähigkeit.

Die rheinland-pfälzische SPD nennt das Video einen „peinlichen Fehltritt“. Klöckner sei eine „Ministerin der Großkonzerne und der Agrar-Lobby“, kritisierte SPD-Generalsekretär Daniel Stich. „Was die Wirtschaft fordert, setzt die Ministerin um – ohne Rücksicht auf Tierwohl, Umwelt oder Gesundheit der Menschen.“  Für klare Regeln „zum Schutze der Schöpfung fehlt ihr der Mumm.“

Die CDU in Rheinland-Pfalz wies die Kritik zurück: „Es gehört zur Aufgabe, mit jenen Verbänden und auch Unternehmen aus den Zuständigkeitsbereichen des Ministeriums zu sprechen“, sagte der Landesgeschäftsführer Jan Zimmer. „Sie stehen in der Verantwortung und müssen in die Pflicht genommen werden.“