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Junger Mannwird als Programmierer im Darknet zum Kriminellen
Die dunkle Seite des Genies

 Ein 23-Jähriger erzählt, wie er zu einem gefragten Programmierer im Darknet und damit immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt wurde.
Ein 23-Jähriger erzählt, wie er zu einem gefragten Programmierer im Darknet und damit immer mehr in kriminelle Machenschaften verwickelt wurde. FOTO: Markus van Offern (mvo)
Kleve. Ein junger Mann aus Kleve am Niederrhein soll Internet-Seiten programmiert haben, auf denen auch mit Drogen gehandelt worden ist. Von Peter Janssen

 Tagsüber arbeitete Fabian (Name von der Reaktion geändert) als Auszubildender in einer Computerfirma. Nachts schrieb der 23-Jährige aus Kleve am Niederrhein Programme für den Internet-Marktplatz Wall Street Market (WSM). Bei seiner Festnahme war es der weltweit größte illegale Umschlagplatz im Darknet. Dort werden Geschäfte abgewickelt, in denen Anbieter und Käufer nicht zu identifizieren sind. „Selbst haben wir nie gehandelt. Wir haben Verkäufer und Käufer zusammengebracht“, erklärt er.

Fabian gehört zu den besten Programmierern für kriminelle Seiten im Darknet. Davon ist zumindest Jules de Jong (53) überzeugt. Der Niederländer hat einen Monat lang versucht, Kontakt zu dem 23-Jährigen herzustellen. Jetzt sitzt er mit ihm im Café. De Jong ist Journalist und will ein Buch über Cyberkriminalität schreiben. Seit Jahren kennt er die Szene, hat mit Tätern gesprochen, Gerichtsverfahren verfolgt, sich mit Informatikprofessoren und Hackern vom Chaos Computer Club getroffen. Für ihn steht in dem Gespräch nicht die Person im Mittelpunkt. Er will wissen, wie Fabian die Software entwickelt hat. Bei der Unterhaltung schüttelt er gelegentlich mit dem Kopf. Es hat etwas zwischen Ungläubigkeit und Bewunderung. „Was Fabian kann, das wird dir niemand beibringen können. Für mich ist er ein Genie“, urteilt de Jong.

Das vermeintliche Genie setzte seine Fähigkeiten laut Behörden auf der dunklen Seite des Internets ein. Mehr als drei Jahre soll der Softwareexperte für die Plattform „Wall Street Market“ Programme geschrieben haben. 200 Beamte vom FBI, Spezialisten des Bundeskriminalamts und niederländische Strafverfolgungsbehörden arbeiteten zuletzt zusammen, um Beweise zu sammeln, die für eine Festnahme des 23-Jährigen reichten. Bei der Verhaftung wurden in seinem Jugendzimmer 465 000 Euro gefunden. Deponiert in einem Wandsafe und mit einem Zahlenschloss gesichert. Die ihm gemachten Vorwürfe habe er alle gestanden, so der 23-Jährige.



Wenn Fabian von den Anfängen bis zu seinen Straftaten erzählt, klingt es wie ein spannender Film. Die Geschichte begann mit 15 und einer Kleinanzeige auf Ebay. „Ich wollte mir ein gebrauchtes iPhone kaufen. 300 Euro kostete es. Ich habe das Geld gespart und überwiesen, aber das Handy kam nicht. Da habe ich mir gesagt: Das darf dir nicht noch einmal passieren.“ Zunächst sei es Neugier gewesen, sagt Fabian. Er wollte wissen, wie das Betrugssystem funktioniert. Nächtelang verbrachte er vor dem Rechner, arbeitete sich immer tiefer ein. „Alles um mich herum habe ich kaum noch wahrgenommen.“ Die Vorbereitung auf sein Abitur lief nebenbei. Die Zeit vor dem PC war ihm wichtiger, als zu lernen. Das Ergebnis: Abi 2016 bestanden, mit einer Note, die ihn nicht interessiert. „Ich hatte eine 3,3 oder 3,4. Genau weiß ich es nicht“, sagt er.

In einem Chatroom traf Fabian auf die zwei Mittäter. Sie benötigten genau seine Fähigkeiten. Er fühlte sich wie ein Dienstleistungsunternehmen. „Die haben gesagt, was sie brauchen. Ich habe es programmiert.“ Er sei für den technischen Bereich wie die Gestaltung der Seiten oder die Zahlungsweise zuständig gewesen. Er entwickelte Phishing-Mails, mit denen persönliche Daten eines Internet-Nutzers abgegriffen werden. Tausende dieser Mails wurden verschickt, und Tausende kamen mit Paypal-Passwörtern, Kreditkarten- oder Kontonummern wieder zurück.

Bis zu zwölf Stunden täglich saß Fabian am Bildschirm. Seine Partner kümmerten sich um Akquise und Marketing. Zwei bis vier Prozent des Verkaufswerts gingen an die Betreiber. Kurz bevor das Trio aufflog, gab es 63 000 Verkaufsangebote und 1,1 Millionen Kunden auf dem Marktplatz. Gezahlt wurde in der Internetwährung Bitcoin. Bei der Festnahme besaß das Trio etwa 1100 Stück davon. Einer war 8000 Euro wert. Ein Vermögen von 8,8 Millionen Euro.

Zwischendurch wurde die Internetwährung in Bares getauscht. „Das funktioniert wie in einem schlechten amerikanischen Film. Man trifft sich mit dem Käufer in irgendeiner McDonalds-Filiale. Die Bitcoins werden auf sein Handy überspielt“, erzählt Fabian. Während des Vorgangs holt einer an der Theke zwei Happy Meals. Nach dem Essen wechselt dann ein gut gepolsterter Briefumschlag unter dem Tisch den Besitzer. Der 23-Jährige versuchte, möglichst wenig des erwirtschafteten Geldes zur Schau zu stellen. Einen 5er BMW für 20 000 Euro gönnte er sich. Mitschüler und Lehrer staunten, als er mit dem Wagen am Gymnasium vorfuhr. Woher das Geld kam? „Ich habe neben der Schule Programme für Firmen geschrieben“, erklärte er. Ansonsten lebte er wie Gleichaltrige: Feten, zocken am Computer, Billard spielen.

Knapp drei Jahre florierte das Geschäft auf dem Wall Street Market. Doch das Ende zeichnete sich ab. Einige Jahre hechelten die Ermittler erfolglos hinter Fabian her. Das Genie wurde sich seiner Sache zu sicher – und nachlässiger. Berauscht von den eigenen Fähigkeiten ging es für den Klevener irgendwann wie in einem Computerspiel nur noch darum: „Wer ist besser, die oder du? Du gerätst in einen Sog, aus dem du nicht mehr heraus kommst.“

Die Plattform entwickelte sich zur Nummer eins im Darknet. „Je größer du wirst, desto intensiver beschäftigen sich die Ermittler mit dir. Die Verschlüsselungssoftware gab auch irgendwann den Geist auf, ich musste immer mehr Zeit investieren, und irgendwann schaffst du es nicht mehr“, erklärt der 23-Jährige. Die Belastung stieg, auch weil einer aus dem Trio ausstieg.

Die beiden wollten den Laden dichtmachen und Tausende Kunden um ihr Geld prellen. Die Ermittler waren schneller. Kurz nach dem Zugriff hatte das FBI bereits 30 Seiten Anklage auf den Tisch gelegt. In Deutschland sind die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt offenbar noch nicht abgeschlossen, so der Gießener Rechtsanwalt und Strafverteidiger Alexander Hauer, der Fabian vertritt. Er rechnet mit einer Anklageerhebung gegen Ende des ersten oder Beginn des zweiten Quartals.

Zwei Stunden erzählt der 23-Jährige in dem Café von den vergangenen Jahren. Von einem Schüler, der um 300 Euro geprellt wurde, über einen begnadeten Programmierer zu einem mutmaßlichen Straftäter. Für den Journalisten Jules de Jong ist der 23-Jährige kein Krimineller, da er sich lediglich um die Technik gekümmert hat. „Smith & Wesson produziert Pistolen. Menschen kaufen sie und bringen damit andere um, wer ist dann der Täter?“, fragt der Niederländer. Fabian will davon nichts wissen. „Mir ist bewusst, dass ich etwas gemacht habe, das falsch war. Irgendwann bekommst du nicht mehr mit, was rechts und links passiert. Du bist wie in einem Tunnel“, sagt er. Nächtelang habe er vor seinem Rechner gesessen und sei dabei immer weiter Richtung Illegalität gerutscht.

Seit der Entlassung aus der Untersuchungshaft muss er sich zweimal in der Woche bei der Polizei melden. Ansonsten verläuft das Leben Fabians nahezu wie früher. Geblieben sind ihm sein Job, einige gute Freunde und natürlich die Familie. 15 Jahre seines Lebens könnte der 23-Jährige aber verloren haben, denn so viele Jahre Haft drohen ihm maximal.